Erst kündigen leitende Mediziner – jetzt verlassen Fachpraxen das Klinikum Neumarkt

Von Eva Gaupp · 1. Dezember 2023 um 17:00

Zuletzt hatten zwei leitende Ärzte des Klinikums gekündigt. Ende 2024 werden auch die Strahlentherapie und die Onkologische Schwerpunktpraxis das Klinikum verlassen. Der Grund sind erneut Differenzen mit dem Management der Sozialstiftung Bamberg.

„Wir kündigen Ihren Mietvertrag, denn das Geld wollen wir selber verdienen“, habe ihm der Vorstand mitgeteilt, erzählt Frank Muckelbauer, Facharzt für Strahlentherapie und Inhaber der Praxis. Für seine Patienten ändere sich dadurch aber nichts. Der Mietvertrag laufe noch bis Ende 2024, dann ziehe seine Praxis in neue und größere Räume am Schwarzachweg. Dort entsteht der Neubau von Max Bögl.

Die meisten Patienten würden eh ambulant behandelt und könnten vom Parkplatz mit dem Aufzug bequem in die Praxis fahren. Dort werde auch wieder ein zweiter Beschleuniger angeboten, sagt der Facharzt für Strahlentherapie.

Muckelbauer hatte seit 2005 Räumlichkeiten im Klinikum für seine Praxis angemietet. Alle zehn Jahre sei der Vertrag verlängert worden. Bis die Sozialstiftung Bamberg das Management übernommen habe.

Der damalige Vorstand René Klinger habe ihm ein Angebot unterbreitet, die Praxis an das Klinikum zu verkaufen, um sie in ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) umzuwandeln – mit der eingangs erwähnten Begründung.

Doch aus seiner Sicht sei das Angebot nicht attraktiv gewesen und er habe sich auch nicht als Mediziner anstellen lassen wollen, sagt Frank Muckelbauer. Daraufhin sei prompt der Mietvertrag gekündigt worden. Der Kooperationsvertrag mit dem Klinikum bestehe indessen noch. In ihm sei die Versorgung der stationären Patienten geregelt. Wie es damit weitergehe, lässt Muckelbauer auf sich zukommen. „Das wird sich herausstellen.“

Onkologische Schwerpunktpraxis zieht aus

Ein anderer Aspekt der Zusammenarbeit ist jedoch besonders wichtig – und zwar für das Klinikum: Denn sowohl das Brustkrebs- als auch das Darmkrebszentrum bräuchten einen Facharzt für Strahlentherapie für die Interdisziplinäre Tumorkonferenz. Das sei so vorgeschrieben, erläutert der Mediziner. Von seiner Seite stehe dieser Zusammenarbeit auch in Zukunft nichts im Wege, unterstreicht er.

Die Onkologische Schwerpunktpraxis mit den beiden Fachärztinnen Simone Steinbild und Andrea Koch werde ebenfalls aus- und mit ihm an den Schwarzachweg ziehen, bestätigt Muckelbauer. Die Krebsspezialistinnen waren jedoch am Freitag telefonisch nicht zu erreichen.

Das Klinikum verweist darauf, dass es sich über vertragliche Inhalte mit externen Kooperationspartnern „aufgrund deren schützenswerter Interessen und Rechte“ grundsätzlich nicht äußern wolle, teilte ein Klinikumssprecher mit.

Arzt: Politik und Management gehe es nur um Gewinn

Ein Mediziner des Klinikums zitiert ebenfalls einen Satz des Managements: „Jeder ist ersetzbar“. Der langjährige Arzt möchte namentlich nicht genannt werden. Zu groß ist die Furcht vor Repressalien. Deshalb wird in diesem Artikel nicht zwischen weiblichen und männlichen Ansprechpartnern unterschieden.

Offensichtlich sei dem Management bei dieser Haltung egal, dass mit jedem Mitarbeiter auch menschliche Kompetenz und fachliches Wissen verloren gehe. Für ihn sei es nicht nachvollziehbar, weshalb die Chefärzte zwar die Verantwortung für die Rentabilität und Wirtschaftlichkeit ihrer Stationen übernehmen müssten. Im Gegenzug jedoch ihre Fachkompetenz im Management kein Gewicht habe.

Erfahren Sie hier, welche Veränderungen das Management am Klinikum Neumarkt plant.

Und im Übrigen wohl auch nicht gegenüber dem Landrat, der sich „scheinbar blind“ auf seinen langjährigen Freund Xaver Frauenknecht, den Vorstandsvorsitzenden der Sozialstiftung Bamberg, verlasse, wie der Mediziner weiter sagt.

„Leistungsfähigkeit hängt davon ab, in wiefern Mitarbeiter die moralischen Werte ihres Arbeitgebers mittragen können.“ Mediziner am Klinikum Neumarkt

Damit verbindet der Arzt auch Kritik an der Politik und dem Abrechnungssystem für Krankenhäuser: Das Gesundheitswesen werde auf einen Reparaturbetrieb am Patienten reduziert, der allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktioniere. Für menschliche Zuwendung, Zuhören, Gespräche gebe es keine Abrechnungsziffer und damit auch kein Geld.

Wenn das Management es allerdings unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen nicht schaffe, die Belegschaft mitzunehmen, entstehe für die Mitarbeiter ein moralisches Dilemma: „Leistungsfähigkeit hängt davon ab, in wiefern Mitarbeiter die moralischen Werte ihres Arbeitgebers mittragen können.“

Dieser Wertekonflikt führe entweder zu einer inneren Kündigung, zum Burn-Out oder zu einer tatsächlichen Kündigung. Vor allem, wenn das Management es an Wertschätzung fehlen lasse.

Sozialstiftung Bamberg: Mehr Personal und Einsparungen

„Wenn ich sehe, wie meine früheren Kollegen rennen und wie gefrustet sie sind, bin ich froh, dass ich es hinter mir habe“, schildert eine Pflegekraft, die über Jahrzehnte im Klinikum Neumarkt beschäftigt war und inzwischen in Rente ist.

Im Gegenzug dazu verweist die Sozialstiftung Bamberg auf Nachfrage darauf, dass in den Jahren 2021 bis 2023 im Pflegedienst 63 Vollzeitstellen aufgebaut worden seien. So sei es auch möglich gewesen, „originäre Tätigkeiten des Pflegedienstes wie Essensverabreichung und Esseneingabe wieder in die Verantwortung der Pflegenden zu geben“.

Gleichzeitig dementiert eine Sprecherin Gerüchte, es gebe Pläne, den Begleitdienst, der Patienten beispielsweise vom Krankenzimmer zu Untersuchungen im Haus bringt, abzuschaffen: „Auch in 2024 ist der aktuelle Umfang weiterhin geplant“. Ebenfalls nur ein Gerücht sei die Verlagerung von Verwaltungseinheiten von Neumarkt nach Bamberg.

Um Kosten einzusparen, habe sich das Klinikum Neumarkt einer neuen Einkaufsgemeinschaft angeschlossen, teilt die Unternehmenssprecherin auf Nachfrage weiter mit. Der Wechsel zu clinicpartner eG sei nach einer EU-weiten Ausschreibung erfolgt und bringe Einsparungen bei Sachmitteln im sechsstelligen Bereich. Ersparnisse im mittleren fünfstelligen Bereich habe der Wechsel zu einem anderen Dienstleister für die Wäsche gebracht.

In Bamberg wurde Kritik an Xaver Frauenknecht laut

Auch in Bamberg gibt es Stimmen, die kritisieren, in den Gesundheitseinrichtungen der Sozialstiftung gehe es mehr darum, Geld zu verdienen, als um die Menschen, die dort arbeiten. Einer von ihnen ist Professor Gerhard Seitz, der bis 2021 Chef der Pathologie am Klinikum Bamberg und von 2008 bis 2020 Mitglied im Stiftungsrat war. Xaver Frauenknecht sei ein Sanierer, sagt er über den langjährigen Vorstandsvorsitzenden. Neumarkt sei bisher gut dagestanden und kein Sanierungsfall gewesen, so Seitz. „Es wäre schrecklich, wenn in Neumarkt dieselben Fehler gemacht würden wie in Bamberg.“

Auch wenn Xaver Frauenknecht zum Jahresende aus Altersgründen als Vorstandsvorsitzender der Stiftung ausscheidet und ihm Martin Wilde nachfolgt, werde er als Generalbevollmächtigter in Teilzeit „im Auftrag des Vorstandes der Sozialstiftung Bamberg seine bisherige Funktion fortsetzen“, bestätigt die Stiftungssprecherin auf Anfrage. Es werde aber kein zweiter Vorstand am Neumarkter Klinikum eingesetzt.

Am Montag hat der Verwaltungsrat trotz der seit Monaten anhaltenden Kritik den Managementvertrag mit der Sozialstiftung Bamberg vorzeitig um zwei Jahre verlängert. Es gehe darum, sie als „erfahrenen, kompetenten und gut vernetzten Partner“ zu behalten, hatte Landrat Willibald Gailler erklärt.