Neumarkter Patienten erwarten große Veränderungen im Klinikum

Ambulant vor stationär lautet die neue Devise für Operationen und Untersuchungen im Krankenhaus. Die ersten Veränderungen greifen bereits seit 1. Januar. Klinikvorstand René Klinger erklärt, was das für Patienten im Neumarkter Klinikum bedeutet.
Nach einer Geburt nach Hause gehen? Für manch eine Mutter ist es ein erschreckender Gedanke, daheim auf sich allein gestellt zu sein. Die aktuelle Krankenhausreform sieht eine Liste von 208 zusätzlichen medizinischen Leistungen vor, die ab sofort ambulant erfolgen sollen. In einem nächsten Schritt könnten unkomplizierte Geburten ab der 33. Schwangerschaftswoche ebenfalls dazu gehören.
„Wenn die Strukturreform erst einmal an Fahrt gewinnt, werden auch Vorteile für unsere Patienten und Mitarbeiter sichtbar“, lobt der Vorstand des Neumarkter Klinikums, René Klinger, das derzeit heiß diskutierte Werk. Der Grund für Klingers Optimismus: Er sieht Vorteile für die Patienten und für das Neumarkter Klinikum: mehr Qualität in der medizinischen Behandlung und ein gezielter Einsatz der knappen Personalressourcen – insbesondere in der Pflege.
Weniger Personal muss im Schichtdienst arbeiten
Klinger verweist auf das Ergebnis eines Gutachtens, das als Grundlage für die geplanten Veränderungen dient. Gehe die Zahl der Patienten auf den Stationen zurück, werde das Personal entlastet, weil die Besetzung der Schichten auf Basis der Verordnung für Personaluntergrenzen entsprechend angepasst werden könnte. Für Neumarkt bedeute dies: Drei bis fünf Prozent aller Leistungen könnten tagesstationär erfolgen. Das sei die Kapazität einer halben Station.
Dennoch entscheiden letztlich immer ein Arzt und der Patient gemeinsam, ob ein Patient nach dem Eingriff entlassen werden kann oder ob sich sein Gesamtzustand nicht für eine ambulante Behandlung eignet. Komme es zu Komplikationen, werde ein Patient nach wie vor stationär aufgenommen, unterstreicht der Klinikchef.
Darüber hinaus kommt dem Bereich der teilstationären Behandlungen eine größere Bedeutung zu. So eine Tagesklinik biete Pflegekräften relativ geregelte Arbeitszeiten ohne Nachtschichten und Wochenenddienste, sagt Klinger. Damit ließen sich Beruf und Familie besser miteinander vereinen. Als Arbeitgeber könne das Klinikum Neumarkt seinen Beschäftigten damit Arbeitsplätze unterschiedlicher Anforderungen bieten.
Die Devise „ambulant vor stationär “ erfordert weitreichende Veränderungen im Patienten-Management des Neumarkter Klinikums: Schon bei der Aufnahme eines Patienten müsse geklärt werden, ob er ambulant oder stationär operiert wird. Danach richte sich die Nachsorge. Beide Patientengruppen durchlaufen das „Interventionszentrum“, dem Untersuchungen wie etwa das Herzkatheterlabor für die Diagnostik oder der Aufwachraum angehören.
Für Neumarkt erwartet Klinger durch die Reform einen Ausbau der Gefäßmedizin, der Neurologie sowie der Onkologie (Krebsbehandlung). In dem Bereich der Kardiologie (Herzerkrankungen), Gastroenterologie (Magen-Darm-Erkrankungen) sowie Nephrologie (Nierenerkrankungen) hingegen werde die Zahl der stationären Leistungen vermutlich um ca. 30 Prozent abnehmen.
Rene Klinger sieht Klinikum Neumarkt gut gerüstet
Dennoch ist dem Klinikvorstand nicht Bange: Denn die Reform definiere einheitliche Standards als Voraussetzung dafür, dass Kliniken überhaupt bestimmte Leistungen erbringen dürfen. Und da sieht er Neumarkt sehr gut aufgestellt.
Als Beispiel nennt Klinger den OP-Roboter DaVinci: Die beiden Chefärzte Bettina Rau und Ekkehard Geist hätten bereits im ersten Jahr 220 Operationen in der Chirurgie und der Urologie durchgeführt. „Das ist eine Spitzenleistung von dem gesamten Team.“
Auszeichnung für Neumarkter Klinikum für minimalinvasive Operationen
Die „Regierungskommission Krankenhaus“ wird Kliniken künftig in drei Kategorien einteilen: Krankenhäuser mit Level I bieten nur eine Grundversorgung, Level-II-Einrichtungen eine Regel- und Schwerpunktversorgung, Level-III-Kliniken offerieren Patienten eine Maximalversorgung. Neumarkt wird wohl zu der zweiten Kategorie zählen – letztlich entscheidet das jedoch der Freistaat Bayern. Und er entscheidet auch, welche Krankenhäuser sich auf welche Disziplinen spezialisieren. Wer nicht über die notwendige personelle, apparative und räumliche Ausstattung verfügt, kann Abteilungen verlieren.
Auch da sieht der Klinikchef Neumarkt gut aufgestellt. Verfüge es doch über verschiedene zertifizierte Zentren – etwa für Brust und Darm, Prostatakrebs oder gynäkologischen Krebs, aber auch für minimalinvasives Operieren.
Klinikvorstand Klinger: Versorgung für Patienten wird sich anpassen
Müttern, die befürchten, in naher Zukunft nach der Geburt mit ihrem Säugling nach Hause geschickt zu werden, versichert Klinger: „Wer denkt, ich werde entlassen und bin allein – so wird es nicht sein.“ Denn die komplette Versorgungsstruktur solle sich ebenfalls ändern. Dazu zählten Fahrdienste, ambulante Rehabilitation sowie aufsuchende Betreuung.
Auch auf diesen Gebieten kann sich Klinger ein Engagement des Klinikums vorstellen. Dabei widerspricht er Kritikern, die der Klinikleitung vorwerfen, immer mehr medizinische Aufgaben zu besetzen. „Wir werden nur dort aktiv, wo es Lücken gibt.“ Zum Beispiel bei der medizinischen Rehabilitation.
Neue „Quartierbüros“: Hier werden die Patienten beraten
Damit Patienten wissen, wo sie welche Ansprechpartner für die Nachsorge – aber auch für die Vorsorge – finden, will die Klinikspitze drei sogenannte „Quartiersbüros“ im Landkreis Neumarkt einrichten.
Die wohnortnahen Anlaufstellen zu Fragen rund um die Themen Pflege, Alter und Prävention bieten beispielsweise Vorträge von Ärzten an, informieren über Rehabilitation- sowie Therapieangebote und vermitteln an weitere Experten oder ehrenamtliche Unterstützung.
Die Sozialstiftung Bamberg, der der Landkreis Neumarkt das Management des Klinikums übertragen hat, betreibt bereits mehrere Quartiersbüros in Bamberg.
In Freystadt soll ein solches noch dieses Jahr an den Start gehen – in Neumarkt 2024, wenn der Umbau der Eingangshalle des Klinikums abgeschlossen ist, in Parsberg mit der Fertigstellung des Hauses für Pflege und Soziales voraussichtlich 2025.
Klinger: Kein „Größenwahn“
Und noch einem Vorwurf widerspricht Klinger: Es habe nichts mit „Größenwahn“ zu tun, wenn das Klinikum stetig weiter wachse. Alle strukturellen und baulichen Veränderungen der vergangenen Jahre seien Vorbereitungen für diese neuen Anforderungen. So müsse in einem nächsten Schritt beispielsweise das Notfallzentrum umgebaut und das alte Verwaltungsgebäude auf der Rückseite abgerissen werden, um Platz für ein neues Gebäude zu schaffen.
„Wir müssen so schnell wie möglich das Baufeld frei machen, um dann erweitern zu können, wenn fest steht, was wir brauchen“, sagt der Klinikums-Chef. Vielleicht könnte dort ein neues Angebot für die Nachsorge von Patienten geschaffen werden. Klinger: „Wir haben jetzt die einmalige Chance, unser Haus in Neumarkt so umzubauen, wie wir es für die neuen Strukturen brauchen.“
