Maschine macht die Arbeit: Start-up aus Neumarkt ist Vorreiter bei der Kabelbaumproduktion

In modernen Fahrzeugen gibt es bis zu 1500 einzelne Kabel. Der Kabelbaum als zentrales Verbindungselement ist aber in der Automobilindustrie eines der letzten Teile, das noch hauptsächlich in Handarbeit gefertigt wird. Ein Start-up aus Neumarkt will das nun ändern.
Im Industriegebiet von Ursensollen (Landkreis Amberg-Sulzbach) reiht sich eine Lagerhalle an der anderen. An einem großen Eisentor hängt ein unscheinbarer, schwarzer Briefkasten mit der Aufschrift „ams reichert“. Von außen vermutetet man nicht, was im 500 Quadratmeter großen Innenraum der Lagerhalle ein Zuhause gefunden hat: das weltweit erste Tech-Start-up, das Kabelbäume über ein selbstentwickeltes, digitales Verfahren herstellt. Begonnen hat die Geschichte aber in einem kleinen Keller in Neumarkt in der Oberpfalz.
Siegfried Reichert hat über Jahrzehnte in der Kabelsatzfertigung gearbeitet, unter anderem bei Delphi, heute Aptiv, in Neumarkt. Dadurch wusste er genau, wo es in der Branche hakt: in der Automatisierung des Produktionsprozesses.
Kabelbaum ist das Nervensystem des Autos
In sehr modernen Fahrzeugen gebe es 1500 einzelne Kabel. Der Kabelbaum, ein zentrales Verbindungselement, ist jedoch in der Automobilindustrie eines der letzten Teile, das noch hauptsächlich in Handarbeit gefertigt wird. Wegen der hohen Personalkosten hat sich die Produktion aus Deutschland nach Osteuropa und Nordafrika verlagert, sagt Siegfried Reichert. „Das Ziel unseres Unternehmens ist, die Produktion zurück nach Deutschland zu holen“, erklärt sein Sohn Matthias.
Es sei eine Frage der Zeit gewesen, bis die Automatisierung in diesem Bereich kommt. Das Start-up macht in der Umsetzung nun den ersten Schritt. Die Idee stammt von Siegfried Reichert. Der Produktionsprozess soll möglichst nah an die menschliche Tätigkeit herankommen. Anstatt also seinen Ruhestand zu genießen, steckte der 69-Jährige seine neu gewonnene Zeit 2019 in die Entwicklung eines Prototypen – und das im 26 Quadratmeter großen Kellerraum seines Wohnhauses in Neumarkt.
Patent auf die Anlage angemeldet
Als dieser funktionierte, rechnete er mit seinem Sohn alles durch: Reicht die Kapazität? Sind wir wettbewerbsfähig? Die Antwort war eindeutig: Im Oktober 2021 meldeten sie Patent für die Anlage an.
Im April 2022 stellten sie Matthias Pohl ein. Der 33-jährige Maschinenbauingenieur nennt sich selbst liebevoll „das technische Mädchen für alles“. Zusammengefunden haben Pohl und Matthias Reichert über eine Gründungsberatung der OTH Amberg-Weiden. Dort wurden sie, ähnlich wie beim Dating, als ein „perfektes Match“ vermittelt. Und so ist es. Nicht nur die beiden, das Trio generell verstehe sich blind, sagen sie.
Zusammen bauten sie 2022 die Gesamtanlage und programmierten erste Musterkabelsätze – alles stimmte. Also gingen sie noch einen Schritt weiter: Das Start-up zog in die 34 Quadratmeter große Garage. Dort gründeten sie eine GmbH.Heute steht „ams reichert“ vor seiner Erstauslieferung – mit weiteren Kunden sei man im Gespräch. „Du brauchst einen Erstkunden, der mit dir ins Risiko geht“, sagt Matthias Reichert. Mit den Referenzen danach werde es wesentlich leichter.
Nahezu komplette Automatisierung angestrebt
Im Digitalisierungsprozess ist das Start-up so weit, dass das Schneiden, Verlegen und Konfektionieren der Leitungen maschinell funktioniert. Aber: „Wir streben 80 Prozent der Automatisierung an“, sagt Reichert. Die Vorteile für Unternehmen: niedrige Kosten, kurze Transportwege, geringe Fehlerquote, individuelle Leistungen, Schnelligkeit. Auch die Entwicklungen in der Automobilbranche kommen „ams reichert“ zugute. „Da, wo der Motorkabelsatz im Verbrenner wegfällt, entsteht mehr in Richtung autonomes Fahren“, sagt Matthias Reichert. Das heißt: Durch mehr Sensoren und Elektronik im Fahrzeug steigt der Bedarf an Vernetzung.
Start-up mit Gründerpreis gewürdigt
Von 0 auf 80 – so lässt sich das Konzept von „ams reichert“ zusammenfassen. Für diese erfolgsversprechende Strategie wurde ihnen kürzlich der Hochschulgründerpreis der OTH Amberg-Weiden überreicht. Als Vorreiter in Sachen Kabelbaumproduktion war es aber nur eine Frage der Zeit, bis auch die heimische Garage in Neumarkt zu klein wird. Auch wenn sie sich nur schweren Herzens von der Verpflegung im Hause Reichert trennen konnten, in Ursensollen stehen ihnen nun 500 Quadratmeter zur Verfügung.
Nicht nur die Fläche, auch die Zahl der Teammitglieder ist gestiegen: Das Trio wird mittlerweile durch eine Maschinenbauingenieurin und einen Praktikanten verstärkt. Noch ist es in der Halle ziemlich leer, doch mit steigender Kundenzahl soll sich die Fläche mit weiteren Produktionsanlagen füllen.