Geldautomat gesprengt: Über der Bank schlief ein kleines Kind

Von Martin Rutrecht · 14. November 2023 um 19:00

Auch eine Woche nach der Sprengung eines Geldautomaten in einer Volksbank in Langquaid (Kreis Kelheim) ist der Schrecken nicht abgeklungen. Über der Filiale wohnt auch ein junges Paar – das mit seinem zweijährigen Kind dramatische Momente erlebte. „Wir fühlen uns seither nicht mehr sicher.“ Das Geldinstitut beziffert erstmals die Schadenshöhe.

Drei Parteien wohnen über der Langquaider Filiale der Volksbank. Die beschauliche Lage am Marktplatz wandelte sich in der Nacht auf vergangenen Dienstag, 7. November 2023, in einen Ort des Schreckens. „Wir haben alle geschlafen, als es plötzlich einen Knall gab“, schildert das Paar (Anm.: Name der Redaktion bekannt), das mit seinem zweijährigen Sohn in einer Wohnung im zweiten Stock lebt. „Ich dachte zuerst, dass ein Auto frontal gegen das Haus gekracht ist“, sagt die Mutter.

Doch der Schlag stammte von der Sprengung des Geldautomaten gegen 3.30 Uhr. Bis die Familie das erfuhr, vergingen ungewisse Augenblicke. „Ich sah zunächst vom Küchenfenster aus Glasscherben und es hat geraucht“, erklärt die 22-Jährige weiter. Ein Fenster direkt zum Marktplatz hat die Wohnung nicht. Ihr 25-jähriger Mann wollte über das Treppenhaus nachsehen. „Aber da stieg schon Rauch hoch.“ Die Familie nahm an: „In der Bank brennt’s.“ Tatsächlich waren es Staubwolken.

Bub rasch angezogen und raus

Über Notruf alarmierte das junge Paar Feuerwehr und Polizei. „Dann haben wir unseren Kleinen schnell angezogen und sind, als es ging, raus.“ Die Mutter des Familienvaters nahm den Buben zunächst an sich („Er sollte so wenig wie möglich mitbekommen“), während die jungen Eltern Fragen der Polizei beantworteten. Erst da wurde ihnen richtig bewusst, dass gerade mehrere Täter den Automaten gesprengt hatten. Die Filiale bot ein Bild der Verwüstung: die Explosion ließ Fenster bersten, zerstörte Mobiliar, Deckplatten krachten zu Boden.

Weil ein Statiker erst prüfen musste, ob das Gebäude einsturzgefährdet war, wurden die Bewohner – neben der Familie zwei weitere Parteien – evakuiert. Im Eltern-Kind-Bereich im Haus der Begegnung wurden sie verpflegt. „Dass Feuerwehr, THW und Polizei in solchen Momenten da sind und anderen Menschen helfen, kann nicht hoch genug geschätzt werden“, sagt Langquaids Bürgermeister Herbert Blascheck.

Der Schrecken sitzt tief

Einige Stunden später konnten die Anwohner in das Haus zurückkehren. „Seit dieser Nacht fühlen wir uns nicht mehr sicher. Vor allem wenn es dunkel wird, kommt in einem hoch, was da passiert ist“, so die jungen Eltern. „Wenn mein Mann nicht da ist, werde ich noch unruhiger“, sagt die Frau.

Bürgermeister Blascheck „ist immer noch entsetzt“ vom Vorfall in der Bank. „So etwas kennt man aus den Nachrichten. Plötzlich sind wir mitten drin.“ Genau das sei das Schlimme: „Es kann jeden Ort treffen.“ Erst Mitte Oktober sprengten unbekannte Täter einen Geldautomaten im Kaufland in Neustadt a. d. Donau.

Täter „haben Menschenleben gefährdet“

„Wütend“ ist der Gemeindechef auch. „Die Täter haben das Leben von Menschen gefährdet. Man stelle sich vor, die Explosion trifft auch die Wohnungen darüber oder das Gebäude stürzt ein. Das nehmen diese Verbrecher in Kauf.“ Die „Brutalität und Skrupellosigkeit“ schockiert Blascheck. „Ich hoffe sehr, dass die Täter erwischt werden.“ Als Gemeinde sei man gegenüber solchen Verbrechen hilflos, „auch die Polizei kann nicht vor jede Bank einen Beamten stellen“.

Zum entstandenen Schaden äußert sich erstmals die Raiffeisenbank-Volksbank Bayern Mitte e. G., zu der die Filiale und das Gebäude gehört. „Wir gehen davon aus, dass der Schaden an Gebäude, Elektronik und an der Einrichtung im mittleren sechsstelligen Bereich liegen dürfte. Diese Woche finden noch Termine mit Gutachtern statt“, erklärt Anna Fink, die Bereichsleiterin Vorstandsstab, auf Anfrage der Mediengruppe Bayern . Die Filiale soll wieder aufgebaut werden. „Wir wollen an diesem Standort weiterhin unsere Beratungsleistungen anbieten.“

Auch Geldautomat wird wieder installiert

Auch einen Geldautomaten soll es wieder geben. „Wir prüfen jedoch mehrere Handlungsoptionen hinsichtlich der Bargeldversorgung“, so Fink. Die drei Mitarbeiter, die den Schrecken eines zerstörten Arbeitsplatzes verdauen müssen, „bekommen eine adäquate Betreuung“.

Neue Erkenntnisse zum Geschehen hat das Bayerische Landeskriminalamt noch nicht. „Wir werten Spuren aus, untersuchen Reste des Sprengstoffs. Das ist viel Kleinarbeit“, so ein Sprecher. Wie berichtet tauchte in sozialen Netzwerken ein Video auf, das mutmaßlich die Täter beim Beladen ihres Fluchtautos mit Taschen zeigt. „Auch dieses Video sehen wir uns genau an.“ Hinweise nimmt weiterhin das Landeskriminalamt (Tel. 089/12120) oder jede Polizeidienststelle entgegen.

Die offenen Fenster der Filiale sind mittlerweile verhängt, der Eingangsbereich wurde mit Holz vertäfelt und eine Tür angebracht. Die junge Familie beschleicht ein mulmiges Gefühl, wenn sie daran vorbei geht.

Die zerstörten Fenster der Bank sind mittlerweile verhängt. Foto: Rutrecht