Wie aus der Seilerei ein Anglerladen wurde: Das Traditionsgeschäft Throner gibt es seit 1892

Am Spitalplatz 10 klingelt das Telefon. Ob er einen Weiherkescher auf Lager hätte, weil er seinen Teich abfischen will, möchte ein Angler von Michael Throner wissen.
Zehn Minuten später steht er im Ladengeschäft der Seilerei und holt das Gewünschte ab.
1892, vor über 120 Jahren, hat Michael Throners Urgroßvater das Traditionsgeschäft in Rötz eröffnet und die Seilerei Throner gegründet. Heute findet man hier alles, was man für die Teichwirtschaft benötigt. Auf der anderen Seite des Ladens ein ganz anderes Bild: Weihnachtliche Dekoration und Bastelartikel sind dort aufgereiht. Wie Weihnachten und Angeln zusammenpassen und warum das Traditionsgeschäft noch immer den Namen „Seilerei“ trägt, erklärt Michael Throner anhand der Familienchronik.
Dynastie aus Stamsried
Sein Urahn Josef Throner entstammte einer Dynastie von Kaufleuten und Seilern aus Stamsried, die ursprünglich aus Mindelheim in die Oberpfalz gekommen waren. Auch der Vater des 61-Jährigen, der ebenso wie der Großvater Michael Throner hieß, erlernte noch das Seilerhandwerk und machte sogar die Meisterprüfung darin. Seile aller Art fertigte er damals am Spitalplatz: Taue, Aufzugseile, Stricke, Kälberstricke, und Handläufe. Mit 12 Jahren half Michael Throner ihm schon dabei, in der Seilerei die Stricke zu drehen. Das Seegras, das dafür zusammengedreht worden ist, ist hinter Grassersdorf gewachsen.
„Wenn wir die Seile gemacht haben, sind sie vorne bei der Straße bis hin zu unserem Gartenzaun auf einer Länge von 45 Metern aufgespannt worden“, erinnert Throner sich. Dieses uralte Handwerk üben immer weniger Menschen aus: Nur in Hamburg gebe es noch eine Seilerei-Industrie, weiß der Rötzer. Auch er hat damals, wegen der besseren Zukunftsperspektiven, einen anderen Beruf erlernt und wurde Bauzeichner. Im Hauptberuf ist Throner seit 16 Jahren bei der VG Wackersdorf beschäftigt. Doch das Seile herstellen, das kann er immer noch, weil er es von Kindesbeinen an gelernt hat.
Eine lange Reise nach Rötz
Bis 1975, dem Jahr, in dem sein Vater verstarb, wurden am Spitalplatz noch in Handarbeit die hochwertigen Seile gedreht. Seit bald einem halben Jahrhundert ist die Seilerei nun Familien- und Stadtgeschichte. Verarbeitet, zum Beispiel beim Fertigen von Schlaufen, und verkauft werden Seile allerdings nach wie vor am Spitalplatz.
Nach dem Tod des Vaters – Michael Throner war damals erst 13 Jahre alt –, übernahm seine Mutter Gisela Throner das Geschäft. Sie war 1945 nach Rötz gekommen. Als sie gerade einmal ein Kind von vier Jahren gewesen war, war ihre Familie als Heimatvertriebene aus dem schlesischen Glogau über Bautzen und schließlich Bernried nach Rötz gekommen. „Da sind wir lang unterwegs gewesen“, sagt sie. Erinnerungen an diese Zeit habe sie aber nicht mehr.
Weil im Winter in der Landwirtschaft und im Baugewerbe nicht so viele Seile benötigt wurden, baute Gisela Throner Ende der Siebziger Jahre mit dem Verkauf von Bastel- und Dekoartikeln ein weiteres Standbein für die Familie auf. Damals wurde auch das Gebäude generalsaniert. Das Geschäft mit dem Anglerbedarf gab es bereits zuvor, es wurde in den Fünfziger Jahren erweitert. Weil in der Seilerei auch Netze für die Teichwirtschaft gemacht worden sind, hatte sich diese Kombination angeboten. Gerade nach dem Krieg sei Angeln nicht nur ein Hobby für die Menschen gewesen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln stand damals noch mehr im Vordergrund, sagt Gisela Throner. Und die Region mit der Schwarzach, dem Perl- und Silbersee und seit 1976 auch dem Eixendorfer Stausee sei „zum einen wunderschön“, so Michael Throner, und ziehe zum anderen viele Angler an. In den Gewässern ringsum habe man das „komplette Spektrum vor der Haustüre“: Karpfen, Raubfische wie Hecht, Zander, Forelle und Barsch und im Eixendorfer See den Waller.
Das Angeln ist auch ein Hobby, dem der 61-Jährige seit seiner Jugend gern nachgeht. „Mit zehn Jahren darf man mit einem Elternteil, das den Angelschein hat, zum Fischen mitgehen, danach kann man selbst den Jugendfischereischein erwerben, der gültig ist, bis man 18 wird“, so Throner. Mit zwölf könne man den Erwachsenenschein erwerben, und mit 14 Jahren dürfe man dann allein zum Fischen gehen. Throner ist ein Fachmann auf dem Gebiet: 16 Jahre lang war er in der Vorstandschaft des Fischereivereins Neunburg vorm Wald, drei Jahre lang als zweiter Vorsitzender, 13 als Vorstand. Im August ist er aus gesundheitlichen Gründen aus der Vorstandschaft zurückgetreten, ist aber immer noch Mitglied im Verein.
Tradition ist es, dass die Seilerei Throner jedes Jahr auf dem Rötzer Christkindlmarkt einen Stand hat. Seit die Veranstaltung nicht mehr auf dem Markt-, sondern dem Spitalplatz stattfindet, steht der Stand direkt vor dem Geschäft, das an diesem Tag ebenfalls geöffnet ist. Auch dieses Jahr wird das Rötzer Christkindl aus der Seilerei Throner auf den Spitalplatz treten – „zuvor darf es sich bei uns – wie jedes Jahr – für seinen Auftritt umziehen“, verrät Gisela Throner. Der Rötzer Christkindlmarkt findet immer am ersten Adventssamstag statt, dieses Jahr fällt er auf den 2. Dezember.
Vielleicht lassen sich an diesem Tag auch endgültig die Gerüchte zerstreuen, die besagen, dass die Seilerei Throner nach über 120 Jahren ihr Geschäft schließen würde, weil noch kein Nachfolger gefunden sei. „Etliche Leute, auch Stammkunden, sind vorbeigekommen oder haben angerufen und gefragt, ob wir überhaupt noch offen haben“, berichtet Michael Throner, der von seiner Familie, zu der auch vier Schwestern gehören, unterstützt wird. Woher die Gerüchte stammen, weiß er nicht.
Er versichert: „Ich bin in der Seilerei großgeworden und werde sie weiterführen, so lange ich kann.“
Die Geschichte der Seilerei Throner in Rötz
Gründung: 1892 hat Michael Throners Urgroßvater das Traditionsgeschäft in Rötz eröffnet und die Seilerei Throner gegründet. Josef Throner entstammte einer Dynastie von Kaufleuten und Seilern aus Stamsried, die ursprünglich aus Mindelheim in die Oberpfalz gekommen waren.
Anglerbedarf: Weil in der Seilerei auch Netze für die Teichwirtschaft gemacht wurden, wurden bald auch alles für die Teichwirtschaft im Ladengeschäft verkauft. 1950 wurde dieser Bereich erweitert, und noch heute findet man bei Michael Throner Kescher, Köder, Angelrollen, -schnüren und -haken, Angelstühle, Liegen, Watt- und Gummistiefel, Sonnen- und Regenschirme – kurzum: alles, was das Anglerherz begehrt.
Bastelbedarf: Ende der Siebziger Jahre baute Gisela Throner mit dem Verkauf von Bastel- und Dekoartikeln ein weiteres Standbein für die Familie auf. Allerheiligengestecke, Adventskränze und Dekoration je nach Jahreszeit und Anlass gibt es hier.



