Wer hat Angst vorm Wilden Heinz?: Um den Rötzer Hausberg ranken sich schaurige Sagen

Von Stefanie Bauer · 31. Oktober 2023 um 11:00

In der Zeit zwischen Allerheiligen und Lichtmess erzählt man sich seit jeher Sagen aus der Geisterwelt. Berüchtigt als das Zuhause von Hexen und Geistern sind auch die geschichtsträchtigen Ruinen der Schwarzenburg.

Hört man sich in Rötz um, wer sich an die alten Sagen erinnern kann, fällt immer wieder ein Name: Heribert Blab, besser bekannt als „Girtler“. Der 2017 verstorbene Rötzer bewirtschaftete nicht nur viele Jahre lang die Berghütte. In seinem Buch „Die Geister vom Schwarzwihr“ sammelte er alle Sagen und Geschichten, auch aus umliegenden Gemeinden, die er in der Hütte zu nächtlicher Stunde erzählte.

Anführer der „Wilden Jagd“

„Er hatte immer bis Mitternacht offen“, erinnert sich Johann Maier, dem die Sagen lange vor seiner Zeit als Schwarzenburg-Zeitreiseleiter geläufig waren. „Am meisten hat er sich wohl selbst gefürchtet, wenn er seine Geschichten erzählt hat“, vermutet Maier und schmunzelt. Besonders gut angekommen bei den Gästen sind die Geschichten über die verbannten Bierpantscher, unehrlichen Wirte und Schankkellner, denen Nacht für Nacht auf der Schwarzenburg ihr schlechtes Gebräu in der Geisterstunde mit Gewalt eingeflößt wird.

Einmal, so Maier, habe auch er ein Erlebnis gehabt: „Als wir früher einmal mit die Letzten waren, die vom Berg heimfahren wollten, war der Autoschlüssel verschwunden.“ Weil nur fünf in das Auto eines anderen Fahrers passten und sie zu sechst waren, hatte er warten müssen, mit einer Taschenlampe auf der Grünen Wiese.

„Auch wenn man nicht an Spuk glaubt, mit den Geistergeschichten vom Girtler im Hinterkopf und wenn es im Wald knackst und raschelt, war es dort oben um Mitternacht ganz allein schon etwas gruselig.“ Als er schließlich abgeholt wurde, suchten alle gemeinsam mit Taschenlampen nochmals nach dem Schlüssel – unauffindbar. „Aber am nächsten Tag lag er dann genau dort, wo wir gesucht hatten.“

Ob der „Wilde Heinz“ etwas damit zu tun hatte? Heinrich von Guttenstein, so dessen voller Name, war der letzte „echte“ Ritter der Herrschaft Schwarzenburg und als streit- und herrschsüchtiger Raubritter verschrien. Man sagt, seine Seele geistere immer noch auf der Burg herum. Meistens kommt er als wilder Anführer des Nachtgoichs, auch die „Wilde Jagd“ genannt, mit furchteinflößender Statur auf seinem riesigen schwarzen Ross daher. In der dunklen Zeit des Jahres, da sollte man sich der Sage nach vor diesem Haufen finsterer Gestalten hüten, die mit fürchterlichem Lärm durch die Burg und um den Schwarzwihr fegen. Manchmal bewacht der „Wilde Heinz“ aber auch in der Gestalt eines feurigen Katers die Totentruhe, einen von der Natur zu einem Sarg geformten Granitblock in der Nähe der Burg.

Glücksbringer in der Tasche

Darin soll ein wunderschönes Edelfräulein ruhen. Um Mitternacht verschiebt sich der Deckel der Truhe, und ihr Antlitz ist zu sehen. Dann aber kommt wieder der Wilde Heinz von der Burg geritten, küsst das blasse Gesicht des Edelfräuleins und der Deckel schließt sich. Der Legende nach könnte ein Sonntagskind aus Rötz, wenn es dem Ritter zuvorkommt, die Verzauberte erlösen und die Schätze der Burg, die ebenfalls in dem Felsen lagern, als Lohn erhalten. „Beinahe wäre ich ein Sonntagskind geworden“, berichtet Dritter Bürgermeister Karl Heinz Hofmann mit einem Augenzwinkern, doch wurde er an einem Samstag zehn Minuten vor Mitternacht geboren.

Josef Niebauer verkörperte dagegen 20 Jahre lang den Raubritter, den Guttensteiner, bei den Festspielen. Er suchte und fand Tonscherben von Geschirr und Trinkgefäßen, die noch aus der Ritterzeit stammen, auf der Burg. „Bei den Aufführungen hatte ich immer eine Scherbe als Glücksbringer in der Tasche“, berichtet er.

Von Steffi Porsch gibt es eine Kindheitserinnerung an den Girtler: „Wo heute die Zuschauertribüne für die ‘Märchenzeit‘ steht, war früher ein Erdwall.“ Als der Girtler zu seinen Rittermahlen in die Berghütte geladen hatte, landeten bei diesem Erdwall die Speisereste. „Darin haben wir als Kinder die Knochen der Gockel- und Schweinshaxen gefunden.“ Der Bergwirt befeuerte die Fantasie der Kinder zusätzlich mit den Worten, die Knochen seien „bestimmt vom Wilden Heinz“.

Mit Bürste, Pinsel, archäologischer Sorgfalt und viel Begeisterung bearbeiteten sie die Knochen in der Annahme, sie hätten womöglich das Grab des Guttensteiners freigelegt. In einer alten Zigarrenschachtel, die sie von ihrem Großvater geschenkt bekommen habe, wurden dann die Gebeine des „Guttensteiners“ sicher in Felsnischen versteckt, erzählt Steffi Porsch.

Wer weiß, wenn sie in hundert Jahren gefunden werden, ob daraus nicht neue schauerliche Sagen entstehen...

Bücher über die Sagenwelt aus Rötz und dem Umland

Autor: Der 2017 verstorbene Bergwirt Heribert Blab veröffentlichte Bücher über seine Heimat und deren Menschen, ihre Kultur und das Brauchtum.

Sagenwelt: Die weiße Frau, Irrlichter, Riesen, Wassergeister, Schrazeln und schwarze Hunde mit glühenden Augen: Wer mehr über die Sagenwelt aus Rötz und dem Umland erfahren will, kann neben den Büchern von Heribert Blab auch einen Blick in das Rötzer Heimatbuch oder in „Die Schwarzenburg – Geschichte und Beschreibung einer Oberpfälzer Burgruine an der Grenze nach Böhmen“ von Johann Paulus werfen.

„Der Guttensteiner“ wurde von 1996 bis 2015 auf der Schwarzenburg aufgeführt. Sein Geist, der „Wilde Heinz“, soll nicht wie diese Soldaten des Schwäbischen Bundes, die Rötz aus der Knechtschaft des Raubritters befreiten, auf einem weißen, sondern einem schwarzen Ross von der Burg herunter geritten kommen. Foto: Archiv/S. Tschannerl
Wenn der Schützsteig im Nebel liegt, beschleicht manchen Wanderer ein mulmiges Gefühl. Foto: Steffi Porsch
Steffi Porsch liebt die schaurigen Geschichten über die Geister vom Schwarzwihr von Heribert Blab. Foto: Steffi Bauer
Diese natürliche Steinformation regt die Fantasie der Menschen an. Bekannt ist sie als die „Totentruhe“. Foto: Steffi Porsch