Es geht um 13,5 Millionen Euro: Drei Oberpfälzer unter Betrugsverdacht

Über verlockende Slogans auf Webseiten ergaunerte sich die „WSW Wohnsachwerte eG“ mehr als 13,5 Millionen Euro für eine Genossenschaft – so sieht das zumindest die Anklage. Es gibt wohl Zehntausende Geschädigte. Allein die Anklageschrift umfasst knapp 1200 Seiten. Ab Mittwoch steht das Trio in Weiden vor dem Landgericht.
Mit dem Versprechen, vermögenswirksame Leistungen gewinnbringend zu investieren, hat ein Weidener Ehepaar gemeinsam mit einem Komplizen wohl jahrelang arglose Kapitalanleger quer durch ganz Deutschland um ihr Geld gebracht. Davon geht die Staatsanwaltschaft in Weiden aus.
Ihre Köder warfen die Angeklagten demnach auf Seiten wie foerder-helden.de aus: Mit Slogans wie „Bis zu 560 Euro Fördergeld vom Staat kostenfrei und einfach sichern“, sollen das 50 und 54 Jahre alte Ehepaar sowie der 30-jährige Sohn der Frau Daten zehntausender Arbeitnehmer gesammelt und so die freiwillige Arbeitgeberleistung abgegriffen haben. Investiert hat die Baugenossenschaft davon aber wohl nichts – stattdessen sollen Millionen in die Taschen der Betreiber geflossen sein.
Haben Angeklagte sich Online-Verträge erschlichen?
Seit September 2020 häuften sich deutschlandweit Anzeigen gegen WSW. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin sprach von systematischem Betrug. Mit den im Internet gesammelten Daten sollen bundesweit Arbeitgeber angeschrieben worden sein. In diesen Briefen war vom Beitritt eines Mitarbeiters in die Wohnbaugenossenschaft in Weiden die Rede. Dazu soll die Zahlung von monatlich 50 Euro vermögenswirksamer Leistungen auf das Konto der WSW gefordert worden sein. Was in einem Drittel der mehr als 60.000 erfassten Fälle auch anschließend so erfolgt sein soll.
Dass online ein Vertrag mit der Baugenossenschaft abgeschlossen wurde, davon wollen die meisten Betroffenen jedoch nichts gewusst haben. Laut Anklage gab es nur im Kleingedruckten einen Hinweis darauf. Unterschriften sollen die „Verträge“ nur in ganz wenigen Fällen gehabt haben. Unter den Geschädigten sind Mitarbeiter namhafter Unternehmen in Passau, Regensburg sowie Ingolstadt, Sozialeinrichtungen, Kirchen, Behörden und selbst mehrere Bundesministerien in der Hauptstadt.
Strafanzeigen aus ganz Deutschland füllen 19 Bände
Bei der Staatsanwaltschaft in Weiden wurden die Fälle gebündelt – die Strafanzeigen füllen 19 Bände. Woher die Adressen für die Betrugsmasche stammten, wurde bald klar: Angelockt durch Versprechen wie „die erste staatliche Förderung, die du lieben wirst“, klickten Interessierte auf die Seite. Dort wurden persönliche Daten und Angaben zum Arbeitgeber abgefragt. Dass man allein durch diese Angaben bereits einer Genossenschaft beitrat, wurde nach Überzeugung der Ermittler von den Angeklagten verschleiert. Das System WSW beruhte von Beginn an auf Täuschung, ist die Staatsanwaltschaft in Weiden überzeugt.
Zwischen 2018 und einer Razzia am 22. März 2022 flossen laut Anklage mehr als 13,5 Millionen Euro auf das Konto der Angeklagten und verschwanden. Sie sollen teils in Form von horrenden Provisionszahlungen, die über den 54-jährigen Aufsichtsratsvorsitzenden abgewickelt wurden, aus der Genossenschaft gezogen worden sein.
Im Internet warb WSW Ende 2021 mit dem Kauf einer ersten Immobilie: Der Erwerb eines Mehrfamilienhauses in Weiden sollte wohl Kapitalanleger und die bereits ermittelnde Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ruhig stimmen, hieß es. Tatsächlich wurde laut Anklage nur eine Wohnung gekauft – für 78 000 Euro. Abgewickelt wurde der Immobilien-Deal aber nicht über die WSW, sondern über eine ganz andere Firma, die auch dem angeklagten Ehepaar gehörte.
Ging es WSW nur um das Geld der Kapitalanleger?
Auf die beworbene staatliche Förderprämie hatten es die Angeklagten offenbar nie abgesehen – beantragt worden sein soll diese in keinem Fall. WSW ging es wohl nur um die Gelder der Kapitalanleger, die sie statt in Immobilien in die eigene Lebenshaltung investierten, heißt es. Darunter fanden sich laut den Ermittlungen knapp 60000 Euro für ein Hotel und Shoppingtouren in Abu Dhabi. Der mitangeklagte Sohn der 50-Jährigen soll eine dreiviertel Million Euro für seine Arbeitsleistung erhalten haben.
Angeklagt sind Tina und Ralf K. sowie Dennis P. (30) für gewerbsmäßigen Bandenbetrug in 20 955 Fällen sowie für noch einmal doppelt so viele Versuche. Mutter und Sohn sollen an der Spitze des „Systems WSW“ gestanden haben. Das sehen die Strafverteidiger Michael Haizmann und Jörg Meyer aus Regensburg allerdings anders: „Wir gehen davon aus, dass unsere Mandanten kein Betrugssystem betreiben wollten.“ Wie die Strafkammer das beurteile, werde sich zeigen.
Dem Weidener Landgericht, das in diesem Fall Recht sprechen soll, steht jedenfalls ein Mammut-Verfahren bevor: Mehr als 30 Prozesstage haben die Richter ab 18. Oktober angesetzt. Bis in den Februar hinein sollen Zeugen gehört werden. „Ob das reicht, werden wir sehen“, so Haizmann und Meyer weiter.
WSW residierte in repräsentativem Prachtbau
Wie aus gut informierten Kreisen durchsickerte, soll es Chats und Mails geben, die alle drei Angeklagten schwer belasten. Sogar eine Verlagerung der Genossenschaft in ein anderes Land soll darin bereits früh thematisiert worden sein – offenbar, um rechtlichen Problemen und womöglich einer Strafverfolgung zu entgehen? Residiert hatte WSW in einem repräsentativen Glaskuppelbau inmitten eines Weidener Gewerbegebiets. Vom einstigen Glanz ist nicht viel geblieben – nach der Razzia meldete die Baugenossenschaft Insolvenz an.
Das Ehepaar K. sitzt seit fast 19 Monaten in U-Haft. Nur der 30-jährige Sohn der Frau kam nach vier Monaten unter Auflagen frei – er hatte mit den Ermittlern kooperiert. Im Fall einer Verurteilung drohen ihnen allen mehrjährige Haftstrafen.