Angeklagte gestehen Mega-Betrug: Kripo findet Spuren in Steueroasen

Drei Männer sollen Anleger um rund 77 Millionen Euro betrogen haben – auch in Ostbayern gibt es Opfer. Geschädigte aus Deutschland können wohl bald auf Rückzahlungen hoffen. Dafür gibt es fast fünf Millionen Schadenersatz. Am Donnerstag fällt das Urteil.
Drei Geständnisse, drei Entschuldigungen und eine große Hoffnung für deutsche Opfer: In Regensburg hat am Montag der Prozess um international organisierten Anlagebetrug im Internet begonnen. Und der könnte früher zu Ende gehen, als vermutet: Am Donnerstag soll das Urteil fallen. Einer der drei Angeklagten will 4,9 Millionen Euro Schadenswiedergutmachung zahlen – auch die Geschädigten in Bayern haben gute Chancen, knapp zwei Drittel ihres Geldes zurückzukriegen.
Vor dem Landgericht geht es aktuell nur noch um die Fälle mit Geschädigten aus Deutschland. Nicht wenige davon stammen aus verschiedensten Teile Bayerns: Wie MZ-Recherchen zeigen, brachten die angeklagten Cyber-Kriminellen beispielsweise auch eine Frau aus Regensburg um fast 275.000 Euro – in weniger als zwölf Monaten. Ein anderer Geschädigter lebt im Landkreis Regen. Er investierte im Jahr 2019 in nur 22 Tagen knapp 183.000 Euro. Wie Tausend andere Anleger verloren beide Opfer am Ende alles.
Der Prozess in Sitzungssaal 104 des Justizgebäudes startet am Montag mit etwas Verspätung: Vorsitzender Richter Marcus Lang gewährt eine Vier-Augen-Unterredung von zwei Angeklagten – es sind Vater und Sohn, die sich seit ihrer Festnahme vor gut 14 Monaten das erste Mal wieder sahen. Der 63-Jährige trägt blaue Haftkleidung, sein Sohn Jeans, Hoodie und modische Sneaker. Viel gesprochen wird nicht, bis das Gericht eintritt. Nach dem festen Prozedere um Anwesenheit, Ladungsfristen und persönliche Daten erhält Staatsanwalt Marian Rübsamen das Wort – für fast eine Stunde. So lange dauert es, bis die 49-seitige Anklage gegen die drei Männer verlesen ist.
Abzocke: Tausende Anleger verloren Millionenbetrag
Auf der Anklagebank sollen die Drahtzieher eines weltweiten Anlagebetrugs im Internet sitzen. Die Bande von Cyber-Kriminellen hat laut der Generalstaatsanwaltschaft in Bamberg seit 2015 Tausende Anleger abgezockt – um rund 77 Millionen Euro. Laut der Anklage wurden Opfer auf eigens dafür programmierte Plattformen wie „GetFinancial“, „MyCoinBanking“, „ProCapitalMarkets“ oder „ProfitTrade“ gelockt. Nichts von dem, was die Kunden sahen, soll echt gewesen sein, sondern alles Täuschung. Vom Geld, das die Geschädigten einzahlten, soll nie auch nur ein Cent investiert worden sein. Dafür wurden laut Staatsanwalt Rübsamen mehrere Callcenter in Israel und Georgien, in der Republik Moldau und in Armenien betrieben.
Aufgebaut war dieses System wie ein Konzern mit einem kaum durchschaubaren Firmengeflecht. Das aber konnten Ermittlern aus Regensburg entwirren. Zur Verschleierung der wahren Identitäten wurden zig Unternehmen in karibischen Steueroasen wie St. Vincent and the Grenadines, den Marshall-Inseln oder Vanuatu gegründet. Geldflüsse wurden über Dienstleister abgewickelt und von Strohleuten vor allem aus Osteuropa eigene Firmen dafür gegründet. Sogar Parallelen zu den sogenannten Panama Papers tauchten auf, wie der koordinierende Sachbearbeiter der Kriminalpolizei Oberpfalz sagte. Ausgangspunkte der fast drei Jahre dauernden Ermittlung seien zwei Opfer aus Weiden und aus Eschlkam im Landkreis Cham gewesen.
Fake-Plattformen warben mit der „Höhle der Löwen“
Alles war laut dem Ermittler darauf ausgerichtet, die Kunden systematisch zu betrügen. Hatte eine Plattform viele negative Bewertungen, habe die nächste Webseite bereits in den Startlöchern gestanden. Beworben wurden die Fake-Plattformen mit bekannten Namen und Marken wie Elon Musk, Bill Gates oder dem TV-Format „Höhle der Löwen“. Das alles konnten die Ermittler dank internationaler Kooperation rekonstruieren und griffen im Oktober 2021 zu.
Angeklagt sind die drei Männer wegen acht Fällen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs. Im Prozess geht es nur noch um die deutschen Opfer – das entschied das Landgericht auf Antrage der Generalstaatsanwaltschaft. Das sind knapp 400 Betroffene und ein Schaden von etwas weniger als acht Millionen Euro. Dafür stehen Gefängnisstrafen von vier Jahren und zwei Monaten bis zu sechseinhalb Jahren im Raum. Letzteres droht dem 35-jährigen Hauptangeklagten, bei dem alle Fäden zusammenliefen – wie er seine Anwälte erklären ließ.
Landgericht in Regensburg fällt sein Urteil am Donnerstag
Auch sein Vater, der als technischer Direktor mitarbeitete, und der 35 Jahre alte Vertriebschef räumten ihre Beteiligung ein. Alle drei kooperierten von Anfang an. Deshalb macht das Landgericht wortwörtlich kurzen Prozess: Nach den Plädoyers von Anklage und Verteidigung will die sechste Strafkammer noch am Donnerstagnachmittag das Urteil verkünden.
