Ex-Firmenboss aus Regensburg auf der Flucht – Millionen an Steuern hinterzogen?

36-Jähriger soll fast zwei Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Seine kurzzeitige Entlassung aus der U-Haft nutzte er und verschwand. Seit Mitte Februar ist der Mann abgetaucht. Ehemalige Angestellte des Unternehmens mit namhaften Kunden erheben nun schwere Vorwürfe gegen den Regensburger.
In Kindergärten, Behörden, Supermärkten und im Jahnstadion sorgten sie für Ordnung – doch seit Monaten warten Reinigungskräfte auf ihren Lohn. Ihr Arbeitgeber ist pleite: Insolvenzgeld gibt es für sie vorerst keins, denn der Chef ist untergetaucht – weil die Polizei nach ihm sucht. Dem 36-Jährigen wird Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vorgeworfen. Nur wenige Tage vor der Anklage kam der Mann aus der U-Haft frei und setzte sich ab. Mehrere Ex-Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe.
Seit 2019 soll das Finanzamt gegen den Unternehmer ermitteln. Mehrfach wurden die Geschäftsadressen in Stadt und Landkreis durchsucht – Steuerhinterziehung sowie Betrug sollen dem 36-Jährigen vorgeworfen werden. Monatelang saß der Mann deshalb ab Oktober 2022 in U-Haft. „Uns wurde erzählt, er wäre im Urlaub“, berichteten Angestellte, die sich an die MZ gewandt hatten, ihre Namen aber nicht in der Zeitung lesen wollen. Ihnen und vielen Kunden gegenüber sei der Schein gewahrt worden. Dennoch verlor die Firma Ende 2022 einige Aufträge und stellte aus. Von einst mehr als 300 Mitarbeitern seien am Ende nur rund 100 übrig geblieben.
Ende Januar kam der 36-Jährige aus dem Gefängnis frei. Laut einer Sprecherin des Landgerichts in Regensburg glaubte die zuständige Strafkammer, der Fluchtgefahr des Mannes könne „durch entsprechende Auflagen begegnet werden“. Weit gefehlt: Als die Staatsanwaltschaft am 16. Februar Anklage erhob und der Haftbefehl in Kraft gesetzt wurde, verschwand der Beschuldigte von einem Tag auf den anderen. Im Prozess soll es um fast zwei Millionen Steuerhinterziehung gehen. Wegen des Steuergeheimnisses darf dazu aber selbst die Anklagebehörde nicht sagen.
Haftbefehl und „red notice“ – die Fahndung läuft
Nach dem Unternehmer, der sein Luxusleben gern offen zur Schau stellte, wird seitdem gefahndet. Und das wohl per „red notice“ – wie eine weltweite Ausschreibung über Interpol offiziell heißt. Während seiner Flucht soll der 36-Jährige den Betrieb aber weiter geleitet haben. Formell hätten die Mutter und sein bester Freund die Anweisungen erteilt. Zeugen berichteten zudem von handschriftlichen Notizen und Telefonschalten ins Büro – als die Fahndung schon lief. „So ging es bis April, Mai“, schilderten sie. Dann seien keine Rechnungen und Löhne mehr gezahlt worden – Ende Juli wurde daher Insolvenzantrag gestellt.
Und damit wären die Lohnzahlungen eigentlich gesichert, wie Insolvenzverwalter Harald Schwartz sagte. Ohne die Mitwirkung des Schuldners seien ihm jedoch „die Hände gebunden“. Häufig komme sowas nicht vor, so Schwartz: „Das ist schon ein seltener Sonderfall.“ Auch wichtige Unterlagen sind offensichtlich weg. Jeder einzelne Mitarbeiter der Firma und dessen Daten müsse „wie bei einem Puzzle“ einzeln zusammengesucht werden. Darin seien Insolvenzverwalter zwar geübt, „aber das ist aufwendig und dauert viel Zeit“. Den Ärger einiger Angestellter könne er daher nachvollziehbar: „Keiner kann Wochen oder gar Monate auf seinen Lohn warten“, sagte Schwartz.
Monatelanges Warten: Mitarbeiter sitzen ohne Geld da
„Ich kriege noch nicht mal Arbeitslosengeld“, ärgerte sich einer der Betroffenen. Seit April warte er auf mehrere Tausend Euro Lohn. Einige seiner Kollegen hätten sogar Klage eingereicht und auch Recht bekommen – aber keinen Cent Geld. Was er „Wahnsinn“ nennt, ist jedoch das geltende Recht: Erst nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens kann Verwalter Schwartz die nötigen Bescheinigungen ausstellen – und nur damit kommen die Betroffenen an ihr Insolvenzgeld.
Ihr ehemaliger Chef soll es sich dagegen im Ausland gutgehen lassen. Das Aussehen habe er verändert, sagten einige Zeugen. Sie wollen gar von Videoanrufen wissen, die enge Freunde und Angehörige regelmäßig erreichen. „Da ist also Kontakt“, sagte einer der Ex-Mitarbeiter, „doch die verkaufen uns und alle anderen für doof.“ Soziale Verantwortung „scheint für diesen Mann ein Fremdwort zu sein“, klagen die Mitarbeiter an. Schließlich wären sie es doch gewesen, die für mehrere Häuser im Landkreis Regensburg und auf Jamaika, eine Harley, Luxuskarossen, das Boot oder sogar Schönheits-OPs gearbeitet hatten.
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Der Belegschaft wollte man offenbar glaubhaft machen, die Ermittler hätten den Betrieb an die Wand gefahren – so geht es aus Chats hervor, als Monate nach dem Verschwinden des 36-Jährigen alle Konten eingefroren wurden. „Von Willkür der Staatsanwaltschaft war da die Rede“, sagte einer der früheren Mitarbeiter. „Da sollten wir uns bedanken und auch einen Brief an Söder schreiben.“ Der Inhalt wäre ihnen damals fix vorgegeben worden. Mittlerweile aber sei den meisten klar geworden, dass „der einzig Schuldige unser früherer Boss ist“, fasste es eine Ex-Angestellte zusammen.
Schwere Vorwürfe: Wurde Geld beiseite geschafft?
Mehr noch: Bestehende Aufträge sollen nach dem Verschwinden des 36-Jährigen gegen Bares an Dritte verkauft worden sein, hieß es. Aus dem Gefängnis heraus soll der Mann mit einem illegalen Handy seine Mutter mit „Besorgungen“ in der Schweiz beauftragt haben. Als die Konten im April eingefroren worden waren, sollen Kunden angeschrieben worden sein, auf andere Konten zu zahlen. Bewiesen ist von diesen Vorwürfen bislang nichts.
Doch ein bislang unbekanntes Konto hat der Insolvenzverwalter offenbar gefunden – darauf soll ein sechsstelliges Guthaben gewesen sein. Die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens dürfte damit zumindest etwas wahrscheinlicher werden: Der 36-Jährige haftet zudem mit seinem Privatvermögen, wozu auch eine neuwertige Doppelhaushälfte samt Luxusausstattung zählen soll.