Nabaltec-Chef Heckmann spricht über Umsatzrückgang: „Wir haben eine Delle, da müssen wir durch“

Von Philipp Breu · 9. August 2023 um 05:00

Eine kürzlich veröffentlichte Mitteilung des Chemie-Konzerns Nabaltec lässt aufhorchen: Das Unternehmen mit Hauptsitz in Schwandorf muss seine Umsatzprognosen für das laufende Geschäftsjahr anpassen. Statt eines zunächst erwarteten Wachstums rechnen die Verantwortlichen bis Ende 2023 nun mit einem deutlichen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr.

Im Interview spricht Vorstandsvorsitzender Johannes Heckmann über die Gründe, mögliche Folgen für die Mitarbeiter und die Auswirkungen auf geplante Investitionen.

Herr Heckmann, bei der Betriebsversammlung Ende vergangenen Jahres haben Sie sich noch über ein Rekordjahr 2022 gefreut. Auch in den Jahren zuvor gab es nur eine Richtung: nach oben. 2023 scheint es aber einen Dämpfer zu geben. Kam diese Entwicklung für Sie überraschend?

Johannes Heckmann: Wir haben bereits Ende vergangenen Jahres prophezeit, dass es ein turbulentes Geschäftsjahr 2023 werden wird. 2022 hat uns vor allem in die Karten gespielt, dass viele unserer Kunden – trotz zweier Preiserhöhungen, die wir vornehmen mussten – große Mengen abgenommen haben − aus Angst vor Lieferschwierigkeiten. Dieser Effekt ist 2023 nach und nach verpufft.

Und trotzdem haben Sie zunächst auch für 2023 ein Umsatzwachstum prophezeit – genauer gesagt um drei bis fünf Prozent.

Heckmann: Das ist richtig. Zunächst hatte sich das auch abgezeichnet. Wir haben in unseren Prognosen ja auch kein extremes Wachstum vorgelegt, sondern in der Größenordnung drei bis fünf Prozent. Der Bedarf war ja soweit da, das haben wir im ersten Quartal auch gesehen. Über das ganze Jahr hinwegsehen, ist aber schwierig. Wir haben aber schon damit gerechnet, dass wir die Ziele trotz einer möglichen Delle noch erreichen werden. Leider ist die Nachfrage unserer Kunden im zweiten Quartal eingebrochen und es zeichnet sich entgegen den bisherigen Erwartungen auch im dritten Quartal keine Erholung ab. Deswegen mussten wir unsere Geschäftsprognose für das Gesamtjahr 2023 anpassen.

Statt eines Wachstums ist nun von einem Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahr in einer Bandbreite von vier bis sechs Prozent die Rede. Woran machen Sie das aus?

Heckmann: Das liegt vor allem an zwei Faktoren: Zum einen haben unsere Kunden, wie bereits eingangs erwähnt, sehr viel auf Halde gekauft. Die Lagerbestände sind somit voll. Massiv war das vor allem im zweiten Quartal unseres aktuellen Geschäftsjahres erkennbar. So einen langen Lagerbestandsabbauzyklus haben wir in den vergangenen 30 Jahren nicht mehr gesehen. Normalerweise dauert das immer ein, zwei Monate, bis sich die Lager leeren und wieder nachbestellt wird. Das ist nun anders. Zum anderen kommt hinzu, dass der Konsum allgemein nachgelassen hat. Und zwar in vielen Bereichen. Das ist natürlich auch der momentanen weltwirtschaftlichen Lage geschuldet. Stichwort: Inflation.

Die Nabaltec AG exportiert rund 75 Prozent der produzierten Güter. In welchen Märkten ist die „sehr schwache Nachfrage“, wie es in Ihrem Bericht heißt, am ehesten erkennbar?

Heckmann: Rund 75 Prozent unserer produzierten Exportgüter gehen in den europäischen Markt. Den Rest teilen sich die USA und der asiatische Markt. Die Situation ist aber nahezu überall gleich.

Gibt es einen speziellen Unternehmensbereich, der für den Rückgang verantwortlich ist?

Heckmann: Die schwache Nachfrage zeigt sich in unserer gesamten Produktpalette – von Füllstoffen bis Spezialoxiden. Diese werden vor allem im Flammschutz und in der Feuerfestindustrie eingesetzt. Wir sind aber wirklich sehr breit aufgestellt, und es gibt weltweit nicht viele Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben. Das ist auch ein Indiz dafür, dass wir in der Konjunktur ein Problem haben. Aber es kommen bestimmt auch wieder andere Zeiten.

Sie finden die jüngsten Entwicklungen also nicht beunruhigend?

Heckmann: Wir haben eine Delle, da müssen wir durch. Aber ich bin mir sicher, dass sich die Zahlen wieder stabilisieren werden. Der ganze Flammschutzmarkt ist stark reglementiert. Es gibt also viele Vorschriften, an die sich die Hersteller halten müssen. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern, und somit werden unsere Produkte auch weiterhin gefragt sein. Zudem arbeiten wir stetig an neuen, innovativen Produkten für wachsende Märkte wie E-Mobilität und erneuerbare Energien. Derzeit beschäftigen wir uns zum Beispiel intensiv mit der Böhmitproduktion für die Separatorfolien. Letztere sind ein unverzichtbarer Bauteil einer jeden Zelle und Batterie.

Somit hat diese „Delle“, wie Sie die derzeitige Situation nennen, auch zunächst keine Auswirkungen auf das Personal vor Ort? Schließlich ist die Nabaltec AG der drittgrößte Arbeitgeber in Schwandorf.

Heckmann: Nein, wir sind finanziell solide aufgestellt. Natürlich muss uns bewusst sein, dass wir generell auf die Kosten schauen und versuchen müssen, wieder mehr abzusetzen. Das geht nicht nur über den Preis, sondern wir müssen auch in der Menge wieder mehr produzieren. Es muss ein gesunder Mix sein zwischen Preis, Menge und Produkten mit hoher Wertschöpfung. Dazu braucht es natürlich Personal. Deshalb sehe ich auch keinen Anlass, den Personalstamm zu reduzieren. Wenn der Trend über eine lange Zeit anhält, ist die Situation natürlich eine andere. Aber dann sprechen wir von einem ganz anderen, unternehmensübergreifenden Szenario.

Wie sieht es denn mit geplanten Investitionen am Schwandorfer Standort aus? Ende vergangenen Jahres haben Sie ja angekündigt, dass die Nabaltec AG ihren CO2-Ausstoß verringern und auf Photovoltaik sowie Windkraft setzen möchte.

Heckmann: Fest steht, dass wir einen sehr hohen Energiebedarf haben. Deswegen sind wir natürlich bemüht, einen Teil durch erneuerbare Quellen zu beziehen. Beim Thema Photovoltaik sind wir mit den Plänen am weitesten. Da laufen derzeit Gespräche mit angrenzenden Grundstückseigentümern. Auch beim Thema Windkraft geht der Kurs wie geplant weiter. Wir sind mit zwei Anbietern in Kontakt, die vor Kurzem auch im Schwandorfer Stadtrat vorstellig wurden. Da wären wir durchaus interessiert an einer Direktbelieferung.

Und wie sieht es mit der größten, in diesem Jahr geplanten Investition aus? Bei der Betriebsversammlung im Dezember 2022 haben Sie angekündigt, dass die Erweiterung der Böhmitanlage von 10.000 auf 20.000 Tonnen geplant sei.

Heckmann: Auch dieses Vorhaben bleibt von den aktuellen Entwicklungen unberührt und ist bereits in der Umsetzungsphase. Wir haben aber keinen zeitlichen Druck mehr. Zunächst hat es sich abgezeichnet, dass wir mit der Erweiterung bis Ende 2023, Anfang 2024 fertig sein müssen, weil es der Markt so verlangt hat. Nun werden wir das Vorhaben voraussichtlich erst Mitte, Ende 2024 abschließen, weil wir davon ausgehen, dass die Nachfrage nach Böhmit 2025 ansteigen wird.