„Welcome to Donaustauf“: So lief die Überfahrt der MS Rossini

Von Philip Hell · 2. August 2023 um 21:01

Sechs Monate lag die MS Rossini vor Bach an der Donau (Landkreis Regensburg). Nun hat das Flüchtlingsschiff den Anker gelichtet und ist nach Donaustauf gefahren. Wir haben die Überfahrt begleitet.

Ein Mann steht hinter einem Vorhang und betet Richtung Mekka, durch das Fenster der MS Rossini sieht er allerdings Illkofen. Aus dem Speisesaal dringt das Klappern von Besteck, es gibt Spaghetti mit Tomatensoße. Auf der Galerie des Schiffes stehen einige Männer, sie rauchen und werfen einen letzten Blick auf Bach. Dort lag die MS Rossini ein halbes Jahr – gestern legte sie ab und nahm Kurs auf Donaustauf.

Um genau 14.30 gibt Richard Müller, Hotel-Manager der MS Rossini und damit Boss an Bord, das Kommando: „Alle müssen runter!“ Nour Tamari, Dolmetscher auf dem Schiff, schnappt sich ein Mikrofon, er übersetzt die Anweisung, seine Stimme dringt aus den Lautsprechern, die überall verbaut sind. Rund 50 Bewohner folgen seinen Anweisungen und gehen über den Steg zu einem bereitstehenden Bus. „Die meisten sind aber eh nicht da“, sagt Tamari. Mitfahren dürften die Bewohner ohnehin nicht – aus Versicherungsgründen, erklärt Alexander Damm, Leiter des Sachgebiets Sicherheitsrecht im Landratsamt Regensburg.

Der leise Abgang der MS Rossini aus Bach

Damm steht in der Lobby des Bootes, das einstmals als Hotelschiff diente, und sieht den Bewohnern zu, wie sie von Bord gehen. „Als wir im Februar hier angelegt haben, dachte ich, die feiern eine Party, wenn wir wieder ablegen“, sagt er mit Blick nach draußen.

Als die Rossini Anfang Februar in Bach festmachte, war die Aufregung groß. Eine Bürgerinitiative hatte sich gegründet. Auf Versammlungen wurden hitzige Diskussionen geführt. Am Vorabend des Einzugs der Bewohner rief die AfD zu einer Kundgebung auf – 90 Menschen kamen. 100 demonstrierten dagegen. Zwischenzeitlich wurde sogar darüber diskutiert, ob das Schiff für das örtliche Feuerwehrfest ablegen soll. Und heute? Der Regen fällt in Strömen. Ein paar wenige Fußgänger sind unterwegs. Einige Radfahrer strampeln in grellen Regenjacken vorbei. Party? Fehlanzeige.

Die Matrosen sind inzwischen damit beschäftigt, das Schiff loszumachen. Sie rennen auf und ab und lösen ein Seil nach dem anderen. Eines hat sich allerdings verhakt. Die Männer überlegen kurz, die Wasserwacht zu rufen, und entscheiden sich schließlich dazu, es einfach abzuschneiden. „Dann haben wir halt zwei Meter Seil weniger“, sagt Hotel-Manager Müller später.

Warum die MS Rossini nun nach Donaustauf verlegt wird

Völlig losgelöst ist die MS Rossini nun fahrbereit. Der Motor beginnt zu brummen. Hinter dem Boot schäumt Gischt. An Deck weht der Geruch von Schiffsdiesel. Meter für Meter arbeitet sich die schwimmende Flüchtlingsunterkunft durch die Donau. Das Ziel: Donaustauf.

Dass die MS Rossini gestern ablegt, geht zum einen auf ein Versprechen von Landrätin Tanja Schweiger zurück. Mehr als sechs Monate solle das Schiff keines Falls vor Bach liegen, sagte sie im Januar. Zum anderen liegt der Ortswechsel auch daran, dass Donaustauf ein Stück größer ist als Bach. „Es gibt mehr Fachärzte vor Ort“, erklärt Alexander Damm vom Landratsamt. „Außerdem gibt es Banken, wo die Bewohner Konten eröffnen können. Erste Gespräche wurden schon geführt.“

Die MS Rossini hat inzwischen Demling passiert. Am Ufer steht ein Mann in gelber Regenjacke breitbeinig da. Er winkt dem Schiff, Alexander Damm winkt zurück. „Mal schauen, was uns in Donaustauf erwartet.“

Langsam baut sich die Walhalla in voller Pracht auf. Auch aus der Kleingartenanlage unter dem wohl berühmtesten Bauwerk im Landkreis Regensburg wird dem Schiff gewunken. „Wenn die wüssten, dass wir gleich stehen bleiben“, sagt ein Besatzungsmitglied feixend. Am Steg warten bereits die Geflüchteten auf ihre Unterkunft. Ansonsten wartet kaum einer. Keine AfD, keine Gegendemonstranten. Nur zwei Polizisten und eine Handvoll Reporter. Und eine alte Dame, die auf ihr Rad gelehnt das Treiben beobachtet. Die Bewohner der MS Rossini freuen sich auf Donaustauf, erzählt Dolmetscher Tamari. „Natürlich wird es am Anfang ein bisschen schwierig, weil sie sich nicht auskennen. Aber viele finden es gut, dass sie mit dem Bus schneller nach Regensburg kommen.“

„Frauen und Kinder zuerst“: So legte die MS Rossini in Donaustauf an

Das Schiff braucht ein wenig Zeit, um anzulegen. Inzwischen ist Jürgen Sommer, Bürgermeister von Donaustauf, an den Steg gekommen. Ein Händeschütteln mit einem seiner neuen Bürger da, ein Schulterklopfen hier. „Welcome to Donaustauf!“

Wie Marathonläufer an einer imaginären Startlinie stehen die Geflüchteten auf dem Steg. Sie können es kaum erwarten, ihr Schiff wieder zu entern. Richard Müller blickt auf Menge. „Es kann losgehen. Aber Frauen und Kinder zuerst“, sagt er zu Dolmetscher Tamari, der das Kommando auf Arabisch übersetzt. In Vierergruppen betreten die Bewohner ihr schwimmendes Heim wieder und bekommen die Schlüssel ausgehändigt.

Während die Menschen in ihre Kabinen zurückkehren, sitzt Jürgen Sommer vor dem Speisesaal im ersten Stock. Sein erster Eindruck vom Schiff, das sechs Monate in Donaustauf liegen soll? „Gut.“ Auch mit der Gesamtsituation werde man gut umgehen, beispielsweise weil es in Donaustauf einen aktiven Helferkreis für Flüchtlinge gebe. „Wir haben gesehen, wie es in Bach gelaufen ist, von daher herrscht bei uns keine Aufregung.“ Sommer sitzt mit dem Rücken zum Vorhang. Erneut betet dahinter ein Mann. Nun blickt er Richtung Sarching. Der Osten liegt nun dort.

Freudige Gesichter: Die Bewohner schätzen die Anbindung an Regensburg.
Im Gespräch: Alexander Damm (r.) führt Bürgermeister Sommer über die MS Rossini.