Mit den Lebensrettern von Christoph 80 im Hubschrauber – Ein Burglengenfelder ist als Notarzt dabei

Von Johannes Hartl · 16. Juli 2023 um 05:00

Im Notfall, wenn schnelle Hilfe gefragt ist, rückt der Weidener Rettungshubschrauber Christoph 80 aus. Allein im vergangenen Jahr sind die Luftretter 1308 Mal alarmiert worden. Mit an Bord ist auch der Burglengenfelder Notarzt Tobias Hecht. Eine Schicht mit den Luftrettern.

Der Alarm durchbricht die Routine in der Weidener Luftrettungsstation. „Trauma. Vitale Bedrohung“, so lautet das Stichwort, das die Leitstelle um 17.20 Uhr meldet. Jetzt geht alles ganz schnell. Pilot Martin Anz wirft die Turbinen des Rettungshubschraubers an. Mit Notfallsanitäter Patrick Süttner arbeitet er sich im Cockpit durch eine Checkliste, denn Süttner unterstützt den Piloten zugleich beim Flug.

Die Rotoren drehen sich, immer und immer schneller, sie wirbeln Luft auf. Draußen behält Notarzt Tobias Hecht den Startvorgang im Blick. Er steigt als Letzter in die Maschine, schließt die Tür. Dann hebt der Hubschrauber mit einem leichten Ruck vom Boden ab. Es geht nach Erbendorf (Landkreis Tirschenreuth).

Der Einsatz an diesem Samstag Ende Juni ist einer von vielen, die Christoph 80 jedes Jahr fliegt. Allein im vergangenen Jahr sind die Luftretter 1308 Mal ausgerückt. Am Flugplatz Latsch bei Weiden stationiert, ist der Hubschrauber der DRF Luftrettung an 365 Tagen im Jahr im Dienst – immer von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Auch in den Landkreis Schwandorf werden die Luftretter gelegentlich alarmiert. Und nicht nur das: Seit die Rettungszweckverbände Nordoberpfalz und Amberg fusioniert sind, trägt der Airbus H145 auch das Landkreis-Wappen auf seiner Tür.

Burglengenfelder Notarzt hilft Patienten in der Not

Es ist 17.30 Uhr, noch zwei Minuten bis zur Landung. Der H145, ausgestattet mit zwei Turbinen mit je 1020 PS, schafft bis zu 260 Stundenkilometer. In der Kabine sitzt der Notarzt direkt hinter dem Piloten. Über dem Kopf trägt Hecht einen weißen Helm mit einem Mikrofon, das fast an den Lippen aufliegt. Nur so kann sich die Crew im Lärm des Helikopters verständigen. Der Mediziner streift sich ein Paar blaue Gummihandschuhe über.

Hecht selbst lebt in Burglengenfeld. Der Arzt ist Anästhesist und Notfallmediziner im Klinikum Amberg, das gemeinsam mit der Klinik Nordoberpfalz in Weiden die Ärzte für den Hubschrauber stellt. Seit Januar gehört er zum Team von Christoph 80. Für Hecht ist die Notfallmedizin eine Leidenschaft – so sehr, dass er auch am Boden in Burglengenfeld regelmäßig Dienste übernimmt.

An der Arbeit im Hubschrauber reizt ihn vor allem die Abwechslung zum Klinikalltag und das besondere Einsatzspektrum, vom Kindernotfall bis zum Trauma. Aber auch die Arbeit in einem guten, humorvollen Team schätzt Hecht sehr. „Und Fliegen hat ja doch seinen Reiz, auch wenn man nur hinten drin sitzt“, sagt er.

Mittlerweile kreist Christoph 80 über Erbendorf. Aus der Luft entdeckt das Team einen Rettungswagen, der auf einem Supermarktparkplatz steht. Nur wenige Meter entfernt findet Pilot Martin Anz eine Landefläche. Es ist eine kleine Anhöhe, vielleicht knapp über zehn Meter breit, vorne ein Metallzaun, links Bäume. Noch im Flug öffnet Notfallsanitäter Patrick Süttner die linke Tür. Er lehnt sich leicht aus dem Cockpit, blickt nach unten, kontrolliert die Umgebung. Nichts darf dem Rotor in die Quere kommen – es geht um jeden Zentimeter. „Links ist gut“, sagt Süttner. Dann setzt Anz den H145 auf, eine Punktlandung. Es ist 17.32 Uhr. Die Rotoren drehen noch aus, da eilen Hecht und Süttner bereits zur Einsatzstelle.

Großes Einsatzspektrum für die Weidener Luftretter

Für das Team von Christoph80 ist es der siebte Einsatz an diesem Tag. Der Hubschrauber war gerade mal eine halbe Stunde einsatzbereit gemeldet, schon kam kurz nach 7.30 Uhr der erste Alarm. Zwischen zehn und 13Uhr war das Team pausenlos unterwegs. Fast zurück an der Luftrettungsstation, musste Pilot Martin Anz einmal sogar im Landeanflug durchstarten, weil ein neuer Einsatz rief.

Das Team eilte unter anderem zu einem älteren Mann, der an einer Sepsis leidet. Zu einem Mann und einer Frau mit allergischen Schocks. Beide waren von einer Wespe oder Biene gestochen worden. Oder zu einem älteren Herren, der gestürzt war. Bei ihm bestand der Verdacht auf ein Schädel-Hirntrauma. „Vom Einsatzspektrum war das querbeet“, wird Notarzt Tobias Hecht später sagen.

Oft ist der Hubschrauber das schnellste Mittel, um einen Notarzt zu den Patienten zu bringen. Den Transport übernimmt am Ende dennoch häufig der Rettungswagen. An diesem Samstag fliegt Christoph 80 überhaupt nur einen Patienten direkt in die Weidener Klinik. Zwei weitere begleitet Hecht am Boden. Alle anderen kommen per Rettungswagen ins Krankenhaus, ohne dass es einen Notarzt braucht.

In Erbendorf liegt der Patient bereits in einem Rettungswagen auf der Trage. Zwei Sanitäter kümmern sich. Der Mann ist knapp unter 50 Jahre alt, sein rechtes Bein ist provisorisch geschient. Offenbar hat er sich das Schienbein gebrochen. Wie das passiert ist, will er den Rettern nicht verraten. „Uninteressant“, sagt er nur. Dafür erzählt der Mann von seiner Vorgeschichte, dass er bereits mehrere Herzinfarkte erlitten habe. Sonst ist von dem Patienten nichts zu erfahren. Für die Retter bedeutet das bei der Versorgung viele Unsicherheiten.

Die Luftretter reagieren ruhig und professionell

Auf jeden Fall bereitet die Verletzung dem Mann große Schmerzen. Als Hecht das Bein vorsichtig berührt, stöhnt er auf. „Wir machen Ihnen ein bisschen was für die Schmerzen“, sagt Hecht. Über einen Zugang bekommt der Patient eine geringe Menge an Schmerzmittel. Doch der Mann reagiert unerwartet. Plötzlich döst er weg, seine Atmung flacht ab.

Das Team bewahrt die Ruhe. Die Retter sind Profis, sie wissen genau, was zu tun ist. Hecht versucht, ihn zu erwecken. „So, auf geht’s! Mal Luft holen“, sagt er. Vergeblich. Nun gibt ihm Hecht ein Medikament, das dem Schmerzmittel entgegenwirkt. Dann stabilisiert sich der Zustand langsam. Der Patient bleibt aber weggedämmert.

Womöglich war der Mann stärker alkoholisiert – was das Team nicht wissen konnte. Daher reagierte er unerwartet, vermutet das Team hinterher. Zur Sicherheit begleitet Hecht den Mann im Rettungswagen in die Klinik nach Weiden. Es ist 18.10 Uhr, als Christoph 80 abhebt.

Als der Rettungswagen in der Klinik ankommt, hat Anz die Maschine längst auf dem Dachlandeplatz aufgesetzt. In der Notaufnahme übergibt Hecht den Patienten an die Klinik, fasst alle Details zusammen. Dann geht es aufs Dach. Pilot Martin Anz wirft die Turbinen an. Die Rotoren drehen sich, immer und immer schneller. Und der Hubschrauber hebt ab in Richtung Flugplatz. Bis der nächste Patient die Hilfe von Christoph 80 braucht, ist es nur eine Frage der Zeit.

Hochmodern: Der Airbus H145 der Luftretter erreicht bis zu 260Stundenkilometer.