Donner und Gloria – Schlossherrin von Thurn und Taxis im Regensburger Presseclub

Was wird es diesmal sein? Mit welchem Satz wird Gloria von Thurn und Taxis polarisieren? Vielleicht sollte man einschränken: am meisten polarisieren. Niemand fordert die Stadtgesellschaft so sehr heraus wie die einstige „Punk-Prinzessin“, die sich zur strengen Katholikin gewandelt hat. Regensburgs bekannteste Schlossherrin ist gerne schrill, derb und ungezogen. Sie gilt als Schlagzeilen-Garantin – mit und wegen ihrer Nähe auch zu radikalen Kreisen. Entsprechend ist am Mittwochabend der Andrang im Presseclub.
Gloria von Thurn und Taxis ist mit großer Lust eine Provokateurin, die regelmäßig Debatten auslöst, die weit über die Domstadt hinausgehen. Auch im Presseclub spricht sie sich gegen offen ausgelebte Homosexualität aus. Wenige Sätze später schwelgt sie in Erinnerungen an Schwulenpartys, die sie mit Freddie Mercury oder Andy Warhol besucht hat, um wieder einige Sätze später zu erzählen, dass sie sich gerne Gay-Pride-Paraden anschaue, dort aber noch nie einen glücklichen, lachenden Menschen gesehen habe.
Sie stellt die These auf, dass bei dem Reaktorunglück 2011 in Fukushima, niemand „an nuklearen Konsequenzen“ gestorben sei, sondern weil es ein Erdbeben und Hochwasser gegeben habe. Trotzdem habe Kanzlerin Merkel anschließend den Atomausstieg verkündet. Das Unglück habe dazu geführt, dass die Union „sich grün gemacht“ habe. Ein politischer Schwenk, der der 63-Jährigen missfällt. Die Grünen? Denen gehe es um die Deindustrialisierung Deutschlands, ist sie überzeugt, was letztlich zum Zusammenbruch der Wirtschaft und der Demokratie führen werde.
Protest gegen Schlossherrin
In der Heimatstadt des Fürstengeschlechts derer von Thurn und Taxis bekommt die Prominente nun auch das Missfallen, das sie auslöst, entgegengeschleudert. Künstler haben zum Boykott der Schlossfestspiele, die am Freitagabend beginnen, aufgerufen. Eine Demonstration und Protestaktionen sind angekündigt. Der Boykottaufruf ist der äußere Anlass, um zu hören, was die Unternehmerin zu den Vorwürfen sagt, sie sei homophob und rassistisch. Für die 63-Jährige steht fest: „Das sind die Vorwürfe, die jeder an den Kopf geknallt bekommt, der sich über das unterhalten will, was Sache ist.“ Das wirft die Frage auf: Was sind „die echten Themen“, um die es Gloria von Thurn und Taxis geht? Billige Energie, damit Betriebe nicht Pleite gehen, meint man als Antwort herauszuhören. Aber das ist eben nur ein Teil ihrer Antwort. Die Unternehmerin wittert auch einen „politischen Willen“, einen wirtschaftlichen Niedergang herbeizuführen.
Ist es ein Zeichen, dass kurz vor der Veranstaltung im Presseclub unter Donnerschlägen ein Gewitterschauer niedergeht und eine feuchte Treibhausatmosphäre schafft? Gloria von Thurn und Taxis kommt im Schuluniform-Look: dunkle Strümpfe, knielanger Rock, blütenweiße Bluse. Als geistigen Beistand hat sie Prälat Wilhelm Imkamp dabei. Aber sie ist kein braves Mädchen. Schon in der Schule habe sie zu den Störenfrieden gehört, erzählt sie. In der von MZ-Chefreporter Christian Eckl moderierten Fragerunde springt Gloria von Thurn und Taxis von einem Thema zum nächsten, das sie oft nur in Halbsätzen antippt. Das Wort, das bei ihr am häufigsten fällt: Mittelstand. Zum Mittelstand zählt sie auch sich und ihre Familie.
Der Mittelstand im Visier
Dem Mittelstand soll es an den Kragen gehen, wenn man Gloria von Thurn und Taxis glaubt. Von der jetzigen Politik profitierten allein die Superreichen, die „noch nie ein normales Flugzeug bestiegen“ hätten. Was bei den Ausführungen der 63-Jährigen folgt, sind aber keine Vorschläge, wie sich die Schere zwischen Arm und Reich wieder schließen lässt, sondern Geraune. „Superreiche Supranationale“ mit einem „größeren Vermögen als viele Staaten“ hätten sich mit ihrem Geld „Nebenorganisationen“ geschaffen, um die Politik und die Politiker zu steuern. Es werde gegen die Interessen der Bürger regiert, befindet Gloria von Thurn und Taxis. „Ähnlich wie in der Kirche, wo gegen die Gläubigen regiert wird.“ Bei dieser Aussage verzieht sich das Gesicht von Prälat Imkamp. Den Redefluss von Gloria von Thurn und Taxis stoppt das nicht. „Große Interessengruppen“, „Nicht-Gewählte“, „Think Tanks“ haben ihrer Meinung nach ein Ziel: „Der Mittelstand soll verschwinden.“ Denn der sei unabhängig vom Staat. „Und das stört.“ Auf die freien Bürger sei der Krieg angesagt. Sie empfiehlt, fleißig zu lesen. „Denn es steht alles in der Zeitung.“
Gloria von Thurn und Taxis erzeugt im Presseclub eine explosive Mischung aus Anziehung und Abstoßung. Das funktioniert nach einem anachronistischen Rezept: Aus zehn Sätzen von Gloria würden andere locker Material für zehn Themenabende schöpfen. Sätze voller Donner, Doria und Halleluja, die den Eindruck beschwören, die Zuhörer wohnten einer Sitzung des Jüngsten Gerichts bei. Aber es ist ein Schnellgericht, das zudem offen lässt, über wen eigentlich geurteilt wird. Die Geschäftsfrau ist dabei nicht zu fassen, bleibt beim nebulösen Geraune von einer Verschwörung.
Auf die Frage, wer hinter den vermeintlich alles steuernden Mächten stehe, wer das konkret sei, flüchtet sie sich in einen Gag. Sie könne keine Namen nennen. „Dafür müssten Sie mich bezahlen. Das wäre ja eine Berater-Tätigkeit.“ Der 63-Jährigen macht das Gespräch sichtlich Spaß, aber spaßig sind ihre Aussagen nicht. An der Aufmerksamkeit, die sie bekommt, misst sie ihren eigenen Marktwert. Mit sich ist sie am Ende zu zufrieden. Sie bedankt sich „für den netten Abend“.