Beratung und Freizeitprogramm: Sie machen Angebote gegen die Einsamkeit

Von Eva Gaupp · 4. Juli 2023 um 05:00

Einsamkeit kann krank machen – und psychisch Kranke sind oft einsam. Eine große Zahl, wenn man bedenkt, dass fast jeder dritte Deutsche einmal in seinem Leben psychisch krank wird. Für diese Menschen hält der Sozialpsychiatrische Dienst (SPDI) in Neumarkt besondere Angebote bereit.

„Seit meiner Erkrankung haben sich viele Menschen von mir abgewendet“, sagt die 56 Jahre alte Beate S. (Namen geändert). „Vor allem in depressiven Phasen fühle ich mich alleine, da viele Menschen sich nicht trauen, auf mich zuzugehen“, meint die 38-jährige Susanne L.. Die zwei Frauen haben eines gemeinsam: Sie leiden unter einer psychischen Erkrankung und besuchen das Tageszentrum der Diakonie Neumarkt-Altdorf-Hersbruck.

Tageszentrum der Diakonie in der Friedenstraße

Alexander Liebsch und seine Kollegen sorgen dort mit einem abwechslungsreichen Programm dafür, dass die Besucher zum einen eine Struktur in ihren Tagesablauf bekommen und zum anderen nicht zu Hause vereinsamen. In den Räumen an der Friedenstraße 33 wird gemeinsam Marmelade eingekocht, gespielt, gebastelt, das Gedächtnis trainiert. Es gibt Sportangebote und gemeinsame Ausflüge.

„Wir sind die, die sich darum kümmern, dass die Leute nicht einsam sind“, sagt der Sozialpädagoge. Alle Angebote sind freiwillig – jeder kann sich seine Kurse individuell auswählen. Dabei bestimmen die Wünsche der Besucher auch das monatlich wechselnde Programm.

Es gibt jedoch Ausnahmen: Eine Gruppe betreut beispielsweise fest den Garten des Seniorenheims Martin-Schalling-Haus. Eine andere stellt kreative Grußkarten her, die verkauft werden. Darüber hinaus kocht ein Team unter der Woche für die Tagesgäste sowie einen Kindergarten und ein anderes backt Kuchen und Torten. Letztere ergänzten den „Mittagstisch mit Herz“ im Klostersaal über den Winter.

Wer auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Job mehr findet und sein Einkommen aufstocken möchte, kann außerdem einen Platz in einem Zuverdienstprojekt erhalten. Für Firmen verpacken, sortieren und montieren sie Produkte. „Das sind einfache Tätigkeiten, während derer Gespräche möglich sind“, erklärt Alexander Liebsch und kommt wieder auf das wichtigste Ziel des Tageszentrums zu sprechen: Menschen aus der Einsamkeit zu holen, Kontakte ermöglichen.

„Ich komme seit Jahren sehr gerne hierher – hier fühle ich mich nicht einsam.“ Es sind Aussagen von Klienten wie diese, die bestätigen, dass das Konzept aufgeht. Liebsch und seine Kollegen haben sie im Vorfeld des Interviews mit unserer Zeitung gesammelt.

„Einsamkeit ist ein grundsätzliches Thema.“ Anita Drews, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Diensts

Die Frauen und Männer, die das Tageszentrum besuchen, bleiben lieber anonym. Zu schwer fällt ihnen der Weg an die Öffentlichkeit. Scham, Angst vor Zurückweisung, Ausgrenzung, die eigene Verletzlichkeit, aber auch Krankheitssymptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit sowie Nebenwirkungen der Medikamente zählen sie auf, wenn es darum geht, weshalb sie sich zurückziehen. „Ich habe oft mit Vorurteilen und Stigmata zu kämpfen“, sagt Karin M..

„Einsamkeit ist ein grundsätzliches Thema“, sagt die Leiterin des SPDI, Anita Drews. „Einsamkeit macht krank. Aber Krankheit macht auch einsam.“ Psychische Erkrankungen seien zudem in der Öffentlichkeit immer noch mit Vorurteilen behaftet. Deshalb fühlten sich die Betroffenen nicht zugehörig. Darüber hinaus neigten psychisch belastete Menschen eher dazu, die Gründe für diese Ausgrenzung bei sich zu suchen, anstatt zu erwarten, dass die Gesellschaft ihnen Brücken baut, sagt Drews. Bei Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung werde über den Abbau von Barrieren gesprochen, sagt die Diplompsychologin und psychologische Psychotherapeutin. „Psychisch kranke Menschen brauchen jemanden, der zuhört.“

Angebot für psychisch kranke Senioren im Kreis Neumarkt

„Wir verstehen uns als Brückenbauer“, sagt Angelika Schlierf-Lindner, die speziell Senioren mit psychischen Problemen berät. Denn bei ihnen kommt neben der Krankheit oft noch eine eingeschränkte Mobilität hinzu. Diese Personen besucht die Sozialpädagogin im ganzen Landkreis auch zuhause. Außerdem werden Außensprechstunden in Parsberg und Berching angeboten: In Parsberg in der Psychiatrischen Institutsambulanz, in Berching im Rathaus.

Finanziert wird das Angebot über den Bezirk und Spenden. Wer Unterstützung bei der Beratungsstelle für psychische Gesundheit sucht oder das Angebot des Tageszentrums nutzen möchte, zahlt keine Gebühren, muss keinen Antrag stellen. Kosten fallen nur an für Ausflüge oder etwa für Material bei einzelnen Kursen. Und es spielt überdies keine Rolle, welchen finanziellen Background ein Klient hat.

Einsam? Dann können Sie hier Hilfe finden

Die finanzielle Unterstützung durch den Bezirk Oberpfalz erfolge pauschal, erklärt Anita Drews. Die Diakonie NAH müsse dafür keine Einzelanträge stellen. Das wäre auch äußerst kompliziert, denn die Klienten nutzen gerade das Angebot des Tageszentrums sehr unterschiedlich.

Von den etwa 170 Frauen und Männern besuche die Hälfte das Tageszentrum regelmäßig, die andere Hälfte sporadisch, sagt Alexander Liebsch. Manche kommen jede Woche, manche nur ab und zu. Durchschnittlich 20 Besucher zähle das Tageszentrum täglich. Wer kommen will, muss sich vorher anmelden – für manch einen psychisch kranken Menschen sei diese Verbindlichkeit schon eine wichtige Übung.

Viele psychisch Kranke schämen sich

„Eine feste Tagesstruktur ist eine ganz wichtige Säule, um gesund zu bleiben oder gesund zu werden.“ Für viele der Klienten stelle das Tageszentrum deshalb eine bedeutende Stütze dar, um nicht in eine vollstationäre Einrichtung zu kommen, erklärt Liebsch.

Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen oder Schizophrenie – die Liste der Diagnosen ist lang. Breit gefächert ist auch die Altersstruktur: Die Besucher sind zwischen 18 und 83 Jahre alt. Wobei der Schwerpunkt zwischen 45 und 55 Jahre liegt und deutlich mehr Frauen als Männer das Angebot nutzen.

Angesichts aktueller Statistiken, nach denen fast jeder dritte Deutsche im Laufe seines Lebens einmal an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung leidet, erscheint Anita Drews die Zahl ihrer Klienten in Neumarkt relativ gering. Vielleicht sei dies ein gutes Zeichen, dass manche doch allein zurecht kämen. „Aber mancher findet nicht den Weg zu uns, weil eine psychische Erkrankung als Schwäche angesehen wird.“

Obwohl sich das schon etwas in der Gesellschaft wandle, ergänzt Angelika Schlierf-Lindner. „Es gibt mehr Betroffene, die sich trauen, darüber zu sprechen.“ Um Kontakte zu Menschen außerhalb der Gruppe zu möglichen, bietet die Beratungsstelle offene Treffs an. Dazu gehören ein Kaffeeklatsch für Senioren alle zwei Wochen im Bürgerhaus oder gemeinsame Aktionen mit dem G6. Und manch ein Klient habe so den Mut gefunden, wieder alleine Veranstaltungen zu besuchen.