Fernseh- und Radiomoderatorin Bärbel Schäfer spricht in Neumarkt über Einsamkeit

Lesen gehört für mich zum Leben wie Atmen. Ich lese alles. Vom Liebesroman bis zum Fachartikel über Implantologie. Darunter befinden sich spannende Bücher, interessante, amüsante, unterhaltsame. Als ich die letzte Seite von Bärbel Schäfers „Avas Geheimnis“ umblättere, fehlen mir aber die Worte, um dieses Buch zu beschreiben.
Es ist nicht spannend, nicht unterhaltsam, schon gar nicht amüsant. Vielleicht könnte man es so beschreiben: Wenn man „Avas Geheimnis“ von Anfang bis Ende durchliest, ist man nicht mehr dieselbe als auf Seite eins.
Bärbel Schäfers neues Buch wird vor allem im Zusammenhang mit dem Thema Einsamkeit aufgegriffen. Denn im Kern geht es tatsächlich darum, warum die Hauptfigur Ava einsam ist und wie es gelingt, sie wieder ins Leben zu holen. Interviews ergänzen die persönlichen Erlebnisse der Autorin.
„Ava“ hält Bärbel Schäfer einen Spiegel für das eigene Leben vor
Zwischen zwei Bissen in einen Döner verspricht Bärbel Schäfer spontan ihrer Freundin Carolin, deren Schwester Ava im Krankenhaus zu besuchen. Eine Gefälligkeit, nichts weiter. Doch am Krankenbett trifft sie auf eine Frau, die nicht nur gestürzt ist und sich die Hand verletzt hat. Sie trifft auf eine Frau, die in eine tiefe Depression gestürzt ist und eine verletzte Seele verbirgt. Diese Frau hält Bärbel Schäfer einen Spiegel für ihr eigenes Leben vor.
Es würde dem Buch nicht gerecht werden, wenn man es auf das Thema Einsamkeit reduzierte. Denn die Autorin hat den Mut, auch sehr viele andere Themen anzusprechen, die genauso tabuisiert sind: Selbstzweifel, das Schweigen in Familie und Partnerschaft, „Lebenswunden“, die man überspielt. Denn wir führen alle unser „Hallo-ich-bin-immer-gut-drauf-Leben“, wie es die Autorin nennt.
Journalisten übernehmen in der Regel die Rolle des Beobachters, sie schreiben über andere Menschen, die in Krisen stecken. Die Journalistin und TV-Moderatorin verlässt diese Position und gewährt ihren Lesern einen tiefen Einblick in ihre Seele und in ihr Familienleben. Das habe sie auch schon in ihren beiden früheren Büchern gemacht, als sie über die Holocausterlebnisse ihrer Freundin Eva Szepesi oder den Unfalltod ihres Bruders geschrieben habe, sagt Schäfer.
„Aber nur, wenn ich mich selbst öffne, sind andere vielleicht auch bereit, sich mir gegenüber zu öffnen.“ Bärbel Schäfer
Es sei ihr ganz bewusst nicht um einen voyeuristischen Standpunkt gegangen, sondern um die Einladung an das Gegenüber, sich zu öffnen. „Aber nur, wenn ich mich selbst öffne, sind andere vielleicht auch bereit, sich mir gegenüber zu öffnen“, sagt Schäfer.
Sie habe das Buch geschrieben, als alle wegen der Pandemie zumindest einen „Hauch von Einsamkeit“ gespürt hätten. Die Lockdowns mit ihren Kontaktverboten seien eine Zeit gewesen, da die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen wurden.
„Ich komme aus einer stillen Familie, in der nicht gefragt und wenig diskutiert wurde.“ Bärbel Schäfer
Heute sei sie in ihrer Ehe, Familie und im Freundeskreis gut eingebunden, erzählt die 59-Jährige. Aber als Teenagerin habe sie sich ebenfalls oft einsam gefühlt. Wie der Leser erfährt, weckt die Begegnung mit Ava Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, an die Momente, da sie sich mit ihrem Bruder im Bett verkrochen hat, um den Streit der Eltern gemeinsam auszuhalten.
„Wann ist das Gefühl, allein zu sein, so tief in mich reingekrochen und hat sich ausgebreitet wie Schimmel an der Hauswand?“, schreibt sie. „Ich komme aus einer stillen Familie, in der nicht gefragt und wenig diskutiert wurde“, ergänzt sie im Gespräch.
Merken Sie sich den Termin vor: Am 21.Juni, um 18 Uhr liest Bärbel Schäfer im Neumarkter Klostersaal aus ihrem Buch „Avas Geheimnis“.
Dabei stellt sie fest: Wann immer wir uns heute in einer Krise befinden, werden wir auf alte Krisensituationen zurückgeworfen. Bei ihr sind es die Sprachlosigkeit in der Familie, der Unfalltod ihres Bruders, der Verlust ihres ersten Lebenspartners, der ebenfalls bei einem Autounfall ums Leben kam. Gleichzeitig wirft sie die Frage auf: „Was ist meine Vorstellung von einem gelungenen Leben?“ Und was passiert, wenn sich nicht alle Hoffnungen und Erwartungen erfüllen?
Nicht nur funktionieren und einfach weitermachen, sondern die „Lebenswunden“ anschauen. Das ist Bärbel Schäfers Rat. Das gelinge nicht allein. Dafür brauche es Menschen, die einem wirklich nahestehen. Denen man sich ohne Scham öffnen kann. In ihrem Buch wird Bärbel Schäfer dieser Mensch für Ava.
Und so erfährt sie von den Demütigungen, die Ava schon als kleines Mädchen erlitten hat. Die Protagonistin heißt in Wirklichkeit nicht Ava und auch ihre Schwester Carolin trägt im wahren Leben einen anderen Namen. Aber die Geschichte ist wirklich passiert, sagt Schäfer. Auch die Gespräche in der Familie und mit ihrer Mutter haben sich so zugetragen – nur die beiden Hauptdarstellerinnen wollte die Autorin schützen. „Nicht, dass sie beim Elternabend in ihrer Schule darauf angesprochen wird“, schmunzelt Schäfer. Denn Ava geht es inzwischen wieder gut. Sie unterrichtet wieder in einer Grundschule.
Bärbel Schäfers Appell: Das Tabu der Einsamkeit durchbrechen
Ihr Buch versteht die 59-Jährige als Appell, genau hinzusehen, Menschen anzusprechen, wenn sie einsam wirken, aber auch, sich anderen zu öffnen und im Leben auf Bindungen zu setzen, die tief und eng und deshalb tragfähig sind. „Es ist einfacher, nur übers Wetter zu reden“, gibt Schäfer zu. Aber wer freue sich nicht, wenn sich jemand um einen kümmere, wenn es einem schlecht geht?
Wie im Fall von Ava ermuntert sie ihre Leser dazu, dran zu bleiben, hartnäckig zu sein. Sich von Floskeln wie „Alles ok!“ oder gar brüsker Ablehnung nicht davon abhalten zu lassen. Sie habe das selbst erlebt, nachdem ihr Bruder gestorben war. Monatelang hätten sich Freunde nicht gemeldet, weil sie nicht gewusst hätten, was sie sagen sollten.
„Stille Familien“, in denen nicht über Gefühle gesprochen wird, gebe es sicher viele, sagt Bärbel Schäfer. Vor allem in ihrer Generation der Kriegsenkel. In der Generation der Eltern und Großeltern „wurde alles unter den Schweigeteppich gekehrt, Lebensgeschichten wurden abgeschnitten“. Über Schicksale und Verstrickungen wurde nicht gesprochen.
Und heute? In einer Welt, da jeder pausenlos kommunizieren und sich per Handy mit der Welt vernetzen kann, stellt Bärbel Schäfer in ihrem Buch die Frage, was ehrliche Freundschaften sind und was „Show-Freundschaften“. Nur eine Frage von vielen, mit denen sie ihre Leser nach der Buchlektüre zum Nachdenken bringt.




