Bei Anruf Hilfe: Die Krisendienste Bayern sind rund um die Uhr besetzt

Von Eva Gaupp · 16. Juni 2023 um 13:44

An wen kann ich mich in einer akuten Krisensituation wenden? Rund um die Uhr ist beispielsweise der Krisendienst Bayern besetzt.

Er wurde während der Pandemie gegründet. Wer in der Oberpfalz die kostenlose Rufnummer 0800/6553000 wählt, hat vielleicht den Psychologen Julian Sieber Schäfer am Telefon.

Das Interview im Wortlaut:

Herr Sieber Schäfer, können Sie erst mal erklären, wer die Menschen wie Sie sind, die am Telefon des Krisendiensts Oberpfalz sitzen?

Bei uns arbeitet nur professionelles Personal. Wir sind Psychologen, Sozialpädagogen oder Fachkräfte für Psychiatrie.

Wie lange sind Sie dabei?

Seit etwa eineinhalb Jahren.

Arbeiten Sie hauptberuflich beim Krisendienst?

Ja. Davor habe ich in der Schmerztherapie im Wörther Krankenhaus gearbeitet.

Was hat Sie bewogen, für einen Krisendienst zu arbeiten?

Es ist ein sehr niedrigschwelliger Zugang. Man braucht keinen Termin auszumachen, sondern kann die Hilfe einfach hier und jetzt bekommen. Es ist eine besondere Arbeit, weil sich die Anrufer häufig in einer akuten Krisensituation befinden. Die Menschen fallen manchmal mit der Tür ins Haus.

Sie wissen aber nie, mit welchen Fragen und Problemen Sie konfrontiert werden, wenn das Telefon klingelt.

Genau. Das meinte ich auch damit, dass es wirklich eine besondere Art von Arbeit ist. Wenn man in einer Klinik arbeitet oder auch ambulant in der Psychotherapie, kennt man den Patienten irgendwann. Hier treffen einen die Situationen unvorbereiteter. Das muss man mögen.

Sie sagen, die Menschen rufen meistens in einer akuten Situation an – wie können Sie am Telefon konkret helfen?

Prinzipiell geht es darum, zusammen mit den Betroffenen Mittel und Schritte zu finden, um einen adäquaten Umgang mit der Situation zu finden und diese zu entschärfen. Am Ende soll sich der Betroffene in der Lage fühlen, die Situation bewältigen zu können und die Kontrolle zu haben.

Krisendienste Bayern: Anrufer steht im Mittelpunkt

Wie klar kann ein Mensch in einer akuten Krise seine Situation bewerten? Können Sie seinen Aussagen vertrauen?

Prinzipiell kommt es für uns erst mal auf die Sichtweise des Betroffenen an. Es ist schon auch wichtig, dass wir gucken, wie sehen das Umfeld oder andere Menschen, die in dieser Situation mit beteiligt sind, die Lage. Aber wir stellen das persönliche Erleben der Krise nicht groß in Frage.

Welche Schritte folgen dann?

Wenn wir die Lage der oder des Betroffenen kennen, kommt es auf die Auftragsklärung an. Was erhofft sich der Anrufer von diesem Telefonat? Das kann zum Beispiel die Planung der nächsten Schritte sein. Einfach einen Umgang mit der aktuellen Situation finden, das kann auch eine vorübergehende Stabilisierung sein. Prinzipiell geht es darum, dass man sich empathisch zuwendet und eine Entlastung in der aktuellen Situation schafft. Daneben geht es aber auch um eine langfristige Unterstützung. Wir vermitteln an Beratungsstellen weiter, eine Tagesstätte oder eine Klinik, wenn dies nötig ist.

Von wo rufen die Menschen bei Ihnen an?

Das Angebot firmiert ja unter dem Namen Krisendienst Bayern. Jeder Bezirk hat eine eigene Leitstelle. Dementsprechend kommen bei uns Anrufer aus der ganzen Oberpfalz an.

Anrufer haben Job verloren oder betrauern Tod eines Angehörigen

Welche Nöte haben die Menschen, die bei Ihnen anrufen?

Das ist gar nicht so pauschal zu beantworten. Weil es ein relativ breites Spektrum ist. Das reicht von Veränderungen der Lebensbedingungen – wenn zum Beispiel der Job weggebrochen ist, über den Tod eines Angehörigen bis zu Krisen, die aus psychischen Vorerkrankungen resultieren können, wie zum Beispiel eine suizidale Krise.

Es rufen auch viele Angehörige an, wenn sie Verwandte haben, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Sie fragen nach, wie sie dieser Person Hilfe zukommen lassen oder wie sie sie unterstützen könne.

Wie alt sind denn die Personen, die sich an Sie wenden?

Es sind Menschen jeglichen Alters. Die Krisendienste Bayern verstehen sich grundsätzlich als Beratungsangebot für Erwachsene, also Personen über 18. Für Kinder und Jugendliche gibt es spezialisierte Beratungsstellen oder Krisentelefone.

Ist Einsamkeit auch ein Thema in Ihren Beratungsgesprächen?

Es ist auf jeden Fall ein Thema. Denn Einsamkeit und Krisen können schon eng miteinander verbunden sein. Einsamkeit kann eine bestehende Krise verstärken. Dann kann eine Situation mit dem Gefühl von Überforderung und Hilflosigkeit einhergehen. Emotionale Unterstützung, soziale Interaktion, also Dinge, die in schwierigen Situationen wichtig sind, können eingeschränkt sein oder sogar gänzlich fehlen. Das erschwert die Bewältigung einer Krise. Einsamkeit kann aber auch Krisen auslösen. Wer über einen längeren Zeitraum isoliert und allein ist, kann anfälliger für Depressionen, Angstzustände oder Suchtverhalten werden.

Corona-Pandemie hat Einsamkeit verstärkt

Hat die Corona-Pandemie das Thema Einsamkeit verstärkt?

Ich würde das auf jeden Fall bejahen. Zum einen hat das mit den Einschränkungen zu tun, weil viele Strukturen weggebrochen sind. Kinder hatten Homeschooling und die Erwachsenen waren im Home-Office. Dadurch konnten Gefühle der Einsamkeit verstärkt werden und öfter auftreten. Dazu unterlagen auch viele Hilfsangebote den Einschränkungen: Selbsthilfegruppen konnten sich nicht treffen, Tagesstätten konnten nicht öffnen.

Die Frage ist, ob sich die Situation nun wieder entspannt oder ob die psychischen Belastungen weiter bestehen bleiben.

Ich denke, es wird auf jeden Fall schon eine Aufarbeitung brauchen. Jetzt besteht schon die Herausforderung, die Menschen, die vorübergehend aus diesem System ausgefallen sind, wieder aktiv zu integrieren.

Wie gehen Sie persönlich mit diesen Schicksalen um, die Ihnen am Telefon geschildert werden? Sie können diese Menschen ja nicht therapeutisch begleiten, sondern erleben sie nur in einem besonderen Moment der Krise.

Stimmt, als Krisendienst sind wir nicht auf eine langfristige Begleitung ausgelegt. Aber es ändert sich bei den Betroffenen oftmals etwas im Laufe des Gespräch. Oft sind sie sehr verzweifelt, wenn sie anrufen, aber im laufe des Gesprächs können wir Sachen strukturieren, die nächsten Schritte planen, Entlastung schaffen. Und das merkt man auch am Telefon. Und da bekommen wir auch sehr positive Rückmeldungen.

Sie hatten eingangs gesagt, der Krisendienst Oberpfalz ist ein niedrigschwelliges Angebot. Trotzdem gehört ja doch etwas Mut dazu, anzurufen?

Der Griff zum Telefon ist natürlich einfacher als andere Angebote, die nicht so niedrigschwellig gestaltet sind. Es ist doch einfacher, bei uns anzurufen als sich vielleicht um einen Klinikplatz zu bemühen oder eine Psychotherapie.

Aber ich persönlich würde erst dann einen Krisendienst, eine völlig fremde Person, anrufen, wenn ich überhaupt nicht mehr weiter weiß.

Sagen wir mal so, die Definition einer Krise besagt ja, dass die eigenen Bewältigungskompetenzen in diesem Moment nicht ausreichen, um mit der Lage zurechtzukommen. Sie haben oft schon alle ihnen zur Verfügung stehenden Schritte ausgeschöpft.

Gibt es bestimmte Uhrzeiten, an denen besonders viele Menschen Rat suchen? Abends oder nachts, weil man sich dann besonders allein mit seinen Ängsten und Problemen fühlt?

Das variiert. Es gibt zwischendurch Vormittage, an denen wir sehr viele Anrufe haben. Tendenziell rufen in der Nacht weniger an – vielleicht, weil die meisten Menschen dann doch schlafen.

Welche Arbeitszeiten haben Sie als Berater? Arbeiten Sie in Schichten?

Wir arbeiten grundsätzlich in einem Dreischichtsystem. Es gibt eine Früh-, eine Spät- und eine Nachtschicht. Die Leitstellen der Oberpfalz, Mittelfranken und Oberfranken haben sich zu einer Nachtallianz zusammengeschlossen und wechseln sich mit Nachtschichten ab. Hat beispielsweise die Leitstelle der Oberpfalz eine Nachtdienstwoche, werden Anrufer aus Mittelfranken und Oberfranken automatisch an die Leitstelle Oberpfalz verbunden. Die Krisendienste Bayern sind rund um die Uhr erreichbar. Da gibt es keine Ausnahme.

Unsere Zeitung greift das Tabu-Thema „Einsamkeit“ in einer Serie auf.