Queere Jugendliche aus dem Landkreis Neumarkt finden im G6 ein sicheres Umfeld

Von Friederike Klett · 27. Juni 2023 um 11:00

Jeden Sommer finden in immer mehr Städten auf der Welt Pride-Paraden statt. Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität kommen dafür aus der ganzen Umgebung, um dort in Gemeinschaft zu feiern und zu demonstrieren.

Auch Ben und Hannah aus dem Landkreis Neumarkt haben sich dafür schon öfter das Gesicht mit Regenbogenfarben geschminkt. Sie sind zwei queere Jugendliche aus dem Landkreis, die sich durch das G6 kennengelernt haben.

Anke Buchmüller, Leiterin des Jugendbüros der Stadt Neumarkt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Ort für queere Teenager zu schaffen, zu denen lesbische, schwule, bisexuelle, transgender und nonbinäre (LGBTQ) junge Menschen zählen.

„Es kam zuerst von zwei Jugendlichen selbst, die mich gefragt haben, ob man nicht ein Treffen organisieren könnte. Damit haben sie bei mir sofort offene Türen eingerannt.“ Anke Buchmüller organisierte solch ein Treffen, teilte den Termin über die sozialen Medien, aber niemand erschien. „Ich denke dass es so öffentlich war, hat viele abgeschreckt“, sagt sie.

Dann kam die Idee, den Zugang zur Gruppe anonymer zu gestalten und die Jugendlichen kamen zusammen. „Wir haben jetzt eine WhatsApp-Gruppe. Wenn jemand dazukommen möchte, muss die Person erst mir schreiben, aber nicht ihr Gesicht zeigen.“ Außerdem könne sie so auch darauf aufpassen, dass niemand in die Gruppe kommt, der den Raum missbrauchen will. Mittlerweile hat die Gruppe 15 jugendliche Mitglieder, die sich auch hin und wieder im G6 treffen.

Viele negative Erfahrungen in Schulen und Familien

Zwei von ihnen sind Hannah und Ben. Beide Namen wurden von der Redaktion geändert, um ihre Anonymität zu wahren. Sie kennen sich aus der Gruppe und kommen beide aus dem Landkreis Neumarkt.

„Ich habe erst gedacht, dass ich bisexuell wäre und habe mich auch vor meiner Familie geoutet. Obwohl meine Eltern sehr religiös sind, haben sie mich sofort unterstützt“, erzählt Hannah.

Mittlerweile habe sie sich als lesbisch geoutet, auch vor ihren Freunden und in der Schule. Damit habe sie zuerst auch keine Probleme gehabt, bis sie in die achte Klasse kam und sich das Verhalten einiger Mitschüler geändert hätte. „Viele verwenden auf einmal ,schwul’ und ,lesbisch’ als Schimpfworte.“ Das sei zwar nicht gegen sie selbst gerichtet, aber trotzdem sei ein solcher Umgang mit Worten verletzend.

Ben hat im familiären Umfeld und in der Schule bereits viele negative Erfahrungen machen müssen. Er ist nichtbinär und trans. Das bedeutet, dass ihm bei der Geburt zwar das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde, er sich damit aber nicht identifiziert. „Meine Eltern akzeptieren mich zwar, aber ich bin in ihrem Handy immer noch mit meinem Deadname eingespeichert. Auch im Rest meiner Familie werde ich meist mit den falschen Pronomen angesprochen.“

Der Deadname (toter Name) ist der Name, der ihm bei der Geburt gegeben wurde. Obwohl er ihn abgelegt hat, sei seine Bitte, ihn mit seinem selbst gewählten Namen anzusprechen, ignoriert worden, erzählt Ben. „Ich habe auch jedem Lehrer in der Schule einen Brief auf den Tisch gelegt, in dem ich darum gebeten habe, mich mit meinem neuen Namen anzusprechen. Es hat aber keiner reagiert oder mich darauf angesprochen.“

Die Wünsche wurden an der Schule ignoriert

Dabei ginge es nicht darum, dass es Eltern zuerst schwer falle, sich an einen neuen Namen zu gewöhnen, oder dass manchmal aus Versehen ein falsches Pronomen verwendet würde, denn das passiere jedem mal. Auch Anke Buchmüller würde selbst nicht immer alles richtig machen, sagt sie. „Es geht darum, sich Mühe zu geben. Ich denke, dass es nicht jeder verstehen muss, aber jeder sollte den Menschen so nehmen wie er ist. Dafür muss man gar nicht verstehen.“

Über solche Erfahrungen können sich die Jugendlichen in der WhatsApp-Gruppe und bei den gemeinsamen Treffen im G6 austauschen. Dabei verbinde die Mitglieder ein unterschwelliges Verstehen miteinander, sagt Hannah. „Es gibt bestimmte Erfahrungen, die man als nicht queere Person einfach nicht macht.“ Ben pflichtet ihr bei. „Wenn ich Menschen kennenlerne, dann werde ich oft sofort gefragt, wie meine Eltern das finden, dass ich trans bin. Das sind sehr persönliche Fragen, die sofort kommen.“

In großen Menschenmengen oder wenn sie allein unterwegs sind, würden beide aus Angst vor Angriffen versuchen, nicht erkennbar queer zu sein. „Auch wenn ich noch nie persönlich angegriffen wurde, fühle ich mich unwohl“, sagt Hannah, „Man hat einfach Angst“, ergänzt Ben. Beide würden es oft erleben, dass sie zwar nicht aggressiv, aber anders als andere behandelt würden.

„Die gute Seite des Internets“ – Algorithmen trainieren

Dass sich immer mehr Teenager damit auseinandersetzen würden, liege in erster Linie am Internet, sind sich Hannah und Ben einig. „Man hat Zugriff auf unendlich viel Wissen“, erzählt Hannah. „Man muss auf die gute Seite des Internets kommen“, erklärt sie eine Taktik, die darauf beruht, dass Apps wie TikTok oder Instagram erkennen, welche Inhalte sich Nutzer gern ansehen und dann immer wieder Ähnliches zeigen. „Ich trainiere meinen Algorithmus auch ein bisschen.“

In Neumarkt fehle es an Beratungsstellen und Bildungsangeboten zum Thema Queernes, meinen beide. „Ich finde, dass besonders pädagogisches Personal dazulernen sollte. Oft gehen Lehrer nicht einmal dazwischen, wenn die Jugendlichen sehr homophobe Dinge sagen“, so Ben.

Beide werden dieses Jahr wieder auf den CSD in Nürnberg fahren. Hannah wird wie im vergangenen Jahr mit ihren Eltern gehen, weil sie minderjährig ist. „Es sind letztes Jahr ganz viele zu meinem Vater gekommen, um zu sagen, wie toll sie es finden, dass er mit seiner Tochter auf der Parade ist.“