Expertin in Neumarkt: Die große Angst vor der Pubertät – wie kommen wir da heil durch?

Man kann Panik in den Augen aller Eltern sehen, wenn man ein Wort ausspricht: Pubertät. Zugrunde liegt dieser Furcht vor allem die ernsthafte Angst davor, den Kontakt zu seinem Kind zu verlieren. In Neumarkt klärt Erziehungs-Expertin Hannah Kirchner über den Mythos auf und hilft vor allem Vätern durch die Pubertät ihrer Kinder.
Pubertät verstehen: Das Gehirn verändert sich
Im Grunde geht es beim Thema Pubertät vor allem darum: die Beziehung zum Jugendlichen aufrecht erhalten, zuhören, versuchen, zu verstehen – und vor allem aushalten. Denn aushalten müssen Eltern eine ganze Menge. Zunächst empfiehlt Kirchner Eltern, die Lebenswelt von Jugendlichen durch deren Brille anzuschauen, um zu verstehen, wie sie ticken – das viel zitierte Chaos im Kopf hat mit den tatsächlichen Veränderungen im Gehirn zu tun, das Gehirn des Kindes wird zum Gehirn eines Erwachsenen, es wächst, aber nicht gleichmäßig und nicht in allen Regionen gleich schnell, hinzu kommen hormonelle Veränderungen.
Verhalten mit den Augen des Kindes betrachten
Dass es da zu Knatsch kommt, ist kein Wunder. Hannah Kirchner spricht dann davon, die „Ressourcen-Brille“ des Kindes aufzusetzen und zu hinterfragen, welche Absicht hinter einer Verhaltensweise steckt. Etwa, wenn die Tochter plötzlich die Badezimmertür absperrt – mag sein, dass Eltern dann genervt sind, dass sie davor lange warten müssen, „aber andersherum kann man sagen: Sie entwickelt Schamgefühl und sorgt für sich“, sagt Kirchner. Sie schafft sich eine Situation, in der sie sich wohl fühlt. „Und nichts ist wichtiger als das. Herauszufinden, womit man sich wohlfühlt, damit man sich traut, das auch nach außen zu kommunizieren.“
Generell sollten Eltern berücksichtigen, wie viele Ressourcen Umstellungen im Leben eines Kindes erfordern – beispielsweise beim Übergang von der vierten in die fünfte Klasse, wenn alles neu ist. Die Lehrer, die Mitschüler, der Schulweg. „Wenn da die Tochter auf einmal was geklaut hat und Eltern sagen, sie erkennen ihr Kind nicht wieder, geht es darum, das Bedürfnis herauszufinden. “In diesem Fall sei es, zu erkennen: „Irgendwie fühlt sich die grad nicht richtig“, sagt Kirchner.
Zuhören: Das „Fenster der Offenheit“ nutzen
Doch wie gelingt es Eltern, die Beziehung zum Kind aufrecht zu erhalten beziehungsweise neu zu gestalten? Sie sollten auf jeden Fall das „Fenster der Offenheit“, wie es Hannah Kirchner nennt, im Auge behalten. Sprich: Aufpassen, wann das Kind etwas erzählen möchte. Das kann schon mal abends um 22.30 Uhr sein, wenn man selbst eigentlich gerade gerne schlafen gehen möchte, das Kind aber gerade ins Erzählen kommt. „Dann kann man das entweder nutzen und ins Gespräch kommen oder sagen, dass man jetzt müde ist. Das ist dann ganz authentisch und authentisch zu sein ist wichtig.“ Wer dann am nächsten Tag nachfrage, müsse jedoch damit rechnen, dass das Erzähl-Zeitfenster geschlossen ist.
Aber: Eltern sollten immer wieder Kontaktangebote unterbreiten. „Die Kunst ist es, auszuhalten, wenn sie ausgeschlagen werden.“ Meist sei es einfacher, Unterhaltungen während einer gemeinsamen Tätigkeit zu führen: beim Backen oder Kochen, im Auto, beim Spazierengehen mit dem Hund, bei dem die kleine Schwester dann ganz bewusst nicht dabei ist. Natürlich könne es sein, dass bei fünf Spaziergängen nur einmal ein wirkliches Gespräch stattfinde, „aber die Kinder wissen, dass der Raum da ist“.
Grenzüberschreitung: Konsequenz statt Hausarrest
Trotz aller Gespräche passiert es in der Pubertät, dass Grenzen überschritten und Regeln nicht eingehalten werden. Doch was dann? Jedenfalls kein Hausarrest oder Partyverbot. Klassische Strafen sorgen dafür, dass Kinder diese als unfair empfinden und dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind gestört wird. „Was da hängen bleibt, ist dieses Machtverhältnis, das dazu führt, dass das Kind nichts mehr sagt oder sich heimlich aus dem Haus schleicht.“
Statt Strafen sollen Konsequenzen folgen – und zwar solche, die man gemeinsam festlegt. Ein Beispiel: Das Kind kommt statt um 20 Uhr erst um 21 Uhr nach Hause. Erstmal sollten Eltern in diesem Fall daran denken, was gerade im Gehirn ihres Kinds passiert, rät Kirchner. Die Vernunftzentrale sei in der Pubertät „sehr leise“, Risiken könnten schwer eingeschätzt werden, zugleich gebe es womöglich Freunde, die zum Bleiben animierten.
Eltern sollten in einem solchen Fall vor allem eins: ruhig bleiben. Die Tür öffnen und als Einleitung einen „wertneutralen Satz“ sagen. Etwa: „Es ist 21 Uhr.“ Dabei müsse natürlich auf den Tonfall geachtet werden. In entspannter Atmosphäre, vielleicht am nächsten Tag, sollte dann nochmals darüber gesprochen werden.
Streitfall besprechen: Am besten am nächsten Tag
Das Setting müsse dabei für die Jugendlichen „halbwegs angenehm“ gestaltet werden, „damit sie wissen: Sie müssen nicht aufs Schafott und damit sie nichts verheimlichen.“ Im Gespräch gehe es darum, „vom mir zum du zum wir“ zu gelangen. Sprich: Eltern können sagen: Sie haben sich gesorgt, sind enttäuscht, verstehen aber auch, dass die Party wichtig ist. Dann wird der Ball zum Jugendlichen gespielt: Wie können wir sicherstellen, dass das nicht mehr passiert? Entweder könne der Jugendliche selbst gleich einen Vorschlag machen oder man legt fest, dass er sich etwa bis abends Gedanken macht.
Dadurch erkennen Jugendliche zum einen, dass ihre Grundbedürfnisse respektiert werden, und zum anderen, dass es Eltern nicht darum geht, Macht auszuspielen, so Kirchner. Konsequenzen werden im besten Fall gemeinsam ausgehandelt – und beim nächsten Partyabend kann vorab daran erinnert werden, so dass der Jugendliche die Wahl hat, pünktlich zu sein oder die von ihm selbst mitbestimmten Konsequenzen zu tragen.
Aufgaben der Eltern: begleiten, stärken, aushalten
Wichtige Aufgabe von Eltern ist es in der Pubertät, ihr Kind zu begleiten und zu stärken, damit sie in der Lage sind, sich bei Fehlverhalten abzugrenzen. Doch wie funktioniert das? „Ich helfe, indem ich zuhöre, wie sie sich fühlen“, sagt Kirchner. Eltern sollten Gefühle nicht „wegrationalisieren“, sondern Kindern in ihren Gefühlen begleiten, sie mittragen – „und aushalten, dass sie keine Lösung präsentieren können“.
Auch positive Motivation hilft, immer mal wieder etwas Nettes zu sagen statt nur zu kritisieren. Apropos Kritik: Auch eine positive Fehlerkultur sei wichtig. Also nicht das „Siehste, hab ich es dir doch gleich gesagt“, sondern das Annehmen von Fehlern, das Akzeptieren, dass etwas schief gelaufen ist und dass es womöglich beim nächsten oder auch erst übernächsten Mal besser läuft.
Workshops in Neumarkt:
Referentin: Hannah Kirchner arbeitet hauptberuflich im Jugendamt Neuburg-Schrobenhausen. Sie ist zertifizierte Kess-Kursleiterin – „Kess“ steht für den Erziehungsstil „kooperativ, ermutigend, sozial, situationsbezogen“. Außerdem ist sie ausgebildete systemische Eltern- und Erziehungsberaterin.
Workshops: Erziehungs-Expertin Kirchner bietet am 7.Juli auf Einladung der Koordinierungsstelle Familienbildung des Landratsamts in Kooperation mit dem Kolping-
Erwachsenen-Bildungswerk Eichstätt einen etwa zweistündigen Workshop speziell für Väter von Kindern zwischen zehn und 16 Jahren an. Dieser ist allerdings bereits ausgebucht, die Koordinierungsstelle bietet daher einen weiteren kostenlosen Termin am Freitag, 22.September, um 18.30 Uhr im Bürgerzentrum in der Alten Schule in Pölling an, für den noch Plätze frei sind. Anmeldungen sind möglich per Mail an familienbildung@landkreis-neumarkt.de.