Überlastete Mütter, genervte Väter: Der Weg zur fairen Familienorganisation

Turnschuhe für den Sohn kaufen, Zahnarzttermin für die Tochter vereinbaren, ein Geschenk für den Kindergeburtstag besorgen, dazwischen mit den Großeltern die Nachmittagsbetreuung regeln, Abendessen vorbereiten und, ach ja, am Mittwoch kommt noch der Elektriker vorbei – bei etwa 97 Prozent der Mütter dürfte diese Liste, die sich unendlich fortsetzen ließe, ähnlich aussehen.
Da die meisten von ihnen auch noch einen Job haben, bedeutet das: Stress. Mental Load heißt der Fachbegriff. Dem kann begegnet werden, wie ein Online-Abend in Neumarkt aufzeigen will.
Mental Load bedeutet gar nicht unbedingt, dass Mütter all diese Aufgaben auch umsetzen, sondern dass sie das Gefühl haben, an all diese Dinge denken zu müssen, der Kopf ist übervoll. Oder wie viel Prozent der Mütter haben nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag schon mal von ihrem Partner den Satz gehört: „Schatz, der Elternbeirat hat geschrieben, dass für die Schuleinschreibung noch Kuchen benötigt werden. Ich hab das schon in der Whatsapp-Gruppe geklärt.“
Über diese Falle, in die Frauen und Männer bei der Gründung einer Familie oft tappen, sprechen die beiden Experten Laura Fröhlich und Heiner Fischer am 20.April auf Einladung der Koordinierungsstelle Familienbildung des Landratsamts Neumarkt. Und sie geben Tipps, wie man sich daraus befreien und auf den Weg zu einer fair geteilten Familienorganisation machen kann. Beide sind selbst Eltern und in Partnerschaften. Da sie gemeinsam auftreten, werden sowohl die männliche als auch die weibliche Perspektive Raum haben – das ist den beiden Referenten wichtig. Und sie hoffen, dass dadurch auch mehr Männer zuhören und mitdiskutieren – zumal das Angebot online stattfindet.
Frustrierte Männer flüchten sich in Sport oder Arbeit
„Männer fühlen sich in der Familie häufig wie ein Kind behandelt. Die Frau übernimmt Organisation und Kommunikation, dadurch entstehen beim Mann Frust und Wut, er fühlt sich nicht mehr als Teil der Familie und wertet sich in seiner Rolle ab“, sagt Fischer. Das äußere sich häufig in übermäßig viel Sport oder Arbeit. Dann gehe es darum, herauszufinden, wie es gelingen könne, eine gemeinsame Sprache zu finden. „Es erfordert Mut, in den Konflikt zu gehen“, sagt Fischer, der die Plattform vaterwelten.de für aktive Vaterschaft und neue Vereinbarkeit entwickelt hat. Doch letztlich führe an Kommunikation kein Weg vorbei.
Eine Methode: das Zwiegespräch, bei dem sich die Partner einmal die Woche eine Stunde Zeit füreinander nehmen und im fünfminütigen Wechsel miteinander sprechen, sich zuhören. Und auch wenn eine Seite nichts mehr zu sagen hat, wird gewartet, bis die fünf Minuten um sind. Zum Abschluss bedanken sich beide für die Zeit des anderen. „Vor allem Männern, die in ein Gespräch meist mit dem Anspruch reingehen, dass am Ende eine Lösung stehen muss, muss klar sein: Es gibt danach nicht unbedingt eine Lösung“, sagt Fischer.
Dass Frauen und das gesellschaftliche Umfeld von Familien sich gedanklich bewegen müssen, ist Laura Fröhlich ein Anliegen. „Wer neue Väter fordert, muss auch neue Mütter fordern.“ Das Bild der Frau, die Rollenzuschreibung müsse aufgebrochen werden. Ein Problem: Viel zu häufig würden alle Fragen, die die Familie betreffen, automatisch an die Frau gerichtet – ob von Lehrern, Verwandten oder Freunden. Kommt ihr zur Hochzeit? Weißt du schon was wegen Weihnachten? Wie ist es mit dem Schulprojekt?
In Elternchats diskutierten meist Mütter ellenlang über Dinge. „Hier müssen sich Frauen auch selbst mal raushalten, entscheiden, was ist wichtig, was nicht.“ Dass Frauen oft nicht loslassen könnten, liege zum einen an der Sorge, die Rolle nicht verlassen zu können, und zum anderen am Druck von außen. Das wiederum liegt an der Sozialisation. „Männer sind so sozialisiert, dass die Priorität immer auf der Berufstätigkeit und dem Geldverdienen für die Familie liegt. Bei Frauen ist Familienfürsorge Priorität eins oder zumindest auf gleicher Stelle mit dem Beruf.“ Männer wiederum würden oft nicht verstehen, worum es den Frauen gehe, sagt Heiner Fischer, getreu dem Motto: Was will die überhaupt? „Das macht nicht zufrieden.“ Und sei ihm Prinzip auch „der absolute Liebeskiller“, so Fröhlich.
Männer müssen im Job als Väter sichtbarer sein
Sie sagt: Väterliche Rollenvorbilder müssten viel mehr sichtbar gemacht werden. Das gelinge vor allem dort, wo viele Männer zusammen seien – auf der Arbeit. „Es ist nicht nur wichtig, Frauen in den Beruf zurückzubringen, sondern genauso wichtig, Männer aktiv in die Familien zu bringen“, sagt Fischer. Und zwar nicht nur für zwei Monate Elternzeit, in denen dann entweder am Haus gebaut oder gereist wird. Oder in der Rolle des Vaters, der mit den Kindern zum Spielplatz geht und tobt, dafür womöglich noch erfreut-bewundernde Blicke von Frauen erntet – aber zu Hause die Care-Arbeit wieder der Mutter überlässt. „Ich wünsche mir viel mehr Väter, die bleiben, die politisch aktiv werden“, sagt Fischer. Es brauche keine Väter die sich inszenierten, etwa in Blogs oder auf der Bühne – und in dieser Zeit der Familie fehlten.
Arbeitgeber wiederum müssten noch mehr lernen, dass Männer, die ihren Platz in ihrer Familie haben, auch mit besonderen Fähigkeiten an den Arbeitsplatz zurückkehren. Dass berufstätige Männer sich aktiv für ihre Familie engagieren, „darf nicht mehr als Privileg gelten, es muss ein Recht sein“. Hier lohne immer noch ein Blick in skandinavische Länder, wo die Gleichberechtigung einen viel höheren Stellenwert habe.
Eine Veränderung beobachtet Laura Fröhlich in der Gesellschaft aber doch: Frauen werden immer stärker und sensibler für das Thema Mental Load, möchten darüber reden. Dass das passiert, ist beiden Referenten wichtig. Sie wissen: Oft ist der Graben irgendwann unüberwindbar tief. „Aufgrund von Mental Load zerbrechen Beziehungen.“ Regelmäßige Kommunikation und ein gemeinsames aktives Einbringen führten dazu „dass beide zufrieden und gleichberechtigt leben und mit mehr Leichtigkeit durchs Leben gehen können“.
Mental Load und Familienorganisation:
Online-Veranstaltung:Die Koordinierungsstelle Familienbildung und die Gleichstellungsstelle des Landratsamts veranstaltet den Abend „Tschüss Mental Load. Hallo Teamwork“ am Donnerstag, 20. April, von 19.30 bis 20 Uhr. Vortrag und Diskussion werden via Zoom übertragen, der Link wird kurz vor der Online-Veranstaltung versendet. Anmeldungen sind möglich bis Dienstag, 18. April, per Mail an familienbildung@landkreis-neumarkt.de (mit Angabe der Teilnehmer*innenanzahl).
Erwartung:Ziel des Abends ist es, Konflikte rund um den Alltags-Stress zu mindern und Familienorganisation fair zu teilen. Teilnehmer bekommen Ideen, wie man miteinander ins Gespräch kommt und ganz praktische Tipps, wie man die Organisation aufteilen kann, damit es allen in der Familie besser geht.
Referenten:Laura Fröhlich ist Mutter von drei Kindern, Autorin, Speakerin und Coach für das Thema Mental Load. Sie hält Vorträge, berät Unternehmen und Privatpersonen und entwickelt Konzepte, um Mental Load zu reduzieren. Im Sommer 2020 veröffentlichte sie den Ratgeber „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“. Heiner Fischer ist Vater von zwei Kindern, war früher selbst Nachwuchsführungskraft und hat die Community Vaterwelten gegründet. Er hält Vorträge und Workshops zum Thema aktive Vaterschaft und neue Vereinbarkeit. Außerdem begleitet er Unternehmen bei der Gründung interner Väternetzwerke.
