Ja zu Organspende durch kostenloses Tattoo: Künstlerin aus Velburg macht das möglich

Zwei Halbkreise und ein Kreis zieren seit wenigen Tagen den Unterarm von Anja Gänßbauer. Tattoos hat die 22-Jährige schon viele, doch dieses hier ist mehr als ein schönes Motiv. Im Ernstfall kann es Leben retten. Es handelt sich um ein Organspende-Tattoo. Kein Ersatz für einen offiziellen Ausweis, aber doch ein eindeutiges Bekenntnis.
Unter die Haut gebracht hat ihr das Motiv Tattoo-Künstlerin Laura-Isabell Meier. Sie hat sich mit ihrem Studio Inkerbell in Deusmauer einer Initiative des Münchner Vereins „Junge Helden“ angeschlossen. Dieser hat es sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe eines Tattoos mehr Menschen zu Spendern zu machen und zum Gespräch über das Thema anzuregen. Tätowierer aus ganz Deutschland haben sich inzwischen angeschlossen und stechen die Grundform des Symbols kostenlos.
Es besteht aus zwei Halbkreisen, die zu einem Ganzen werden können. Sie bilden gleichzeitig die Buchstaben O und D, die für das Wort „Organ Donor“, also Organspender, stehen.
„Junge Helden“: Motiv schon 3000 Mal gestochen
Etwa 3000 Mal wurde das Motiv inzwischen gestochen, berichtet Anna Barbara Sum, Mitgründerin des Vereins „Junge Helden“. Drei weitere Träger des Organspende-Tattoos sind vergangene Woche dank Inkerbell dazugekommen. Anja Gänßbauer hat nämlich noch zwei Freundinnen aus der Berufsschule mitgebraucht: Christine Ströbel (21) und Vanessa Mucha (19).
Das aufgeweckte Trio hat nicht nur die Schulausbildung zusammen gemeistert, sondern auch sonst viele Gemeinsamkeiten. Tattoos zum Beispiel – und einen Organspendeausweis, verrät Vanessa Mucha: „Wir haben alle einen Ausweis, weil das einfach total wichtig ist. Aber man hat ja nicht immer den Geldbeutel dabei und dann kann einem auch was passieren.“
Viele Anfragen von ganz unterschiedlichen Menschen
Damit sind sie in ihrem Freundeskreis aber eher Exoten, meint Christine Ströbel, denn: „Die meisten haben keinen Organspenderausweis. Aber wenn man darüber redet, wären eigentlich viele bereit zu spenden.“ Das beobachtet auch Tätowiererin Laura-Isabell Meier: „Vielen ist es vielleicht einfach zu umständlich, irgendwo hinzugehen und etwas auszufüllen. Zum Tätowieren muss man zwar auch einen Termin machen und hingehen, aber das machen viele junge Menschen gern. Tattoos sind eben cool.“
Die 33-Jährige hat selbst schon lange einen Spenderausweis und will sich das Tattoo auch noch zulegen, sobald sie sich für eine Körperstelle entschieden hat. Momentan hat sie viele Anfragen, nimmt sich die Zeit aber gern, weil sie von der Idee überzeugt ist.
Das Studio in Deusmauer betreibt sie momentan noch nebenberuflich. Für die drei jungen Frauen bei diesem Termin nimmt sie sich nach Feierabend Zeit. Sie sind fast schon Stammkundinnen im Tattoo-Studio. Das Organspende-Motiv locke jedoch auch ganz neue Menschen, berichtet Meier: „Demnächst kommt eine Frau, 55 Jahre alt, die noch gar kein Tattoo hat, und sich jetzt das stechen lässt.“ Sie findet es toll, wenn sich Menschen durch die Aktion Gedanken über Organspende machen. Zum Nachdenken und vor allem zu Gesprächen über das Thema anregen, das ist eines der Motive hinter der Initiative, denn viele Menschen mit Tattoos lieben es, über die Bedeutung ihrer Motive zu sprechen.
Und das funktioniert, versichert Anja Gänßbauer: „Ich werde so oft auf meine anderen Tattoos angesprochen. Mit dem Neuen kann ich auch das Thema Organspende ins Gespräch bringen.“
Intensivmediziner: „Tattoo ist ein Pfund“
Doch was bringt das Symbol auf der Haut im Ernstfall? Götz Gerresheim ist Transplantationsbeauftragter am Klinikum Neumarkt, wo pro Jahr ein bis zwei Spenden realisiert werden können. Von den „Jungen Helden“ und ihren Aktionen hat er schon gehört, das Tattoo-Motiv kannte er bislang noch nicht. Dennoch findet er die Idee gut. „Unser Ziel ist immer, den Patientenwillen zu realisieren“, erklärt der Oberarzt der Intensivstation. Wo der nicht schriftlich fixiert ist, etwa per Organspendeausweis oder Patientenverfügung, müssen Ärzte den mutmaßlichen Willen einer Person ermitteln. Das muss im Gespräch mit den Angehörigen zu einem Zeitpunkt geschehen, in dem diese gerade vom Hirntod eines geliebten Menschen erfahren haben.
Egal wie ein Mensch zur Organspende steht, der Klinikarzt plädiert an alle, mit ihren Angehörigen über die eigene Einstellung zu sprechen, denn: „Das ist eine Frage der Achtung gegenüber seinen Nächsten, nicht ihnen diese Frage in einer so belastenden Situation zu überlassen“.
Bei der Suche nach dem mutmaßlichen Willen eines potenziellen Spenders helfen Äußerungen in Gesprächen, aber auch das Tattoo findet Götz Gerresheim sinnvoll: „Jede klare Willensäußerung für oder gegen Organspende hilft mir. Wenn einer ein Tattoo hat, ist das echt ein Pfund. Denn das hat eine höhere Wichtigkeit, als wenn jemand zum Beispiel etwas auf den Rand einer Zeitung geschrieben hat.“ Wer sich für ein solches Tattoo entscheide, habe sich vorher echt mit dem Thema auseinandergesetzt, vermutet der Arzt.
Doch was, wenn man sich nach Jahren entscheidet, doch nicht Spender werden zu wollen? Das Symbol lässt sich wie jedes andere Tattoo vom Körper tilgen, entweder durch eine Laserbehandlung oder durch Überstechen mit einem anderen Motiv.
Organspende Warteliste: Genau 8826 Menschen standen zum 31. Dezember 2022 in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Rund drei Viertel dieser Patienten warteten auf eine Niere.
Spender: Die Zahl der postmortalen Organspender schwankte in den vergangenen zehn Jahren zwischen knapp 800 und 955 im Jahr. Eine wesentliche Erhöhung konnten auch zahlreiche Werbekampagnen für den Organspendeausweis noch nicht erreichen.
Transplantationen: 2022 gab es 869 Organspender, denen zusammen 2662 Organe entnommen werden konnten. Es werden also im Schnitt drei Organe je Spender transplantiert.
