Deal im Ausland ging nach hinten los: Unternehmer aus Wackersdorf verliert 470.000 Euro

Mit einem fast schon filmreifen Fall hatte sich am Donnerstag die Große Strafkammer des Landgerichts Amberg zu beschäftigen. Betrüger haben einen Firmeninhaber aus Wackersdorf um fast eine halbe Million Euro erleichtert.
Angeklagt war das wohl letzte Glied der Kette: Ein 63 Jahre alter Rumäne, der eine bar bezahlte, angebliche Provision durch Papierschnipsel ausgetauscht hatte. Der Tatort: eine Bank in Tschechien.
Der Mann musste sich nun wegen Diebstahls mit Waffen vor Gericht verantworten. Seit 20. Januar befindet er sich in der JVA Amberg in Untersuchungshaft, wohnte vorher in Italien und war in der Vergangenheit in mehreren Ländern wegen Diebstahls, Dokumentenfälschung oder Fahrens ohne Fahrerlaubnis aufgefallen. Er betrat den Sitzungssaal in Fußfesseln. Begleitet wurde er von Verteidiger Michael Schüll sowie Übersetzerin Jenica Schneider.
Der Angeklagte ist ein Puzzleteil einer dreisten Masche, auf die ein Wackersdorfer reinfiel, der seine Firma aus gesundheitlichen Gründen verkaufen wollte. Wie Staatsanwalt Jakub Uhlik in der Anklageschrift verlas, ereignete sich der Vorfall vor fünf Jahren. Der Geschädigte suchte einen Abnehmer für seine Firma und inserierte den Betrieb unter anderem auf einer Unternehmens-Nachfolgebörse, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz betrieben wird. Auf sein Angebot meldete sich ein angeblicher Geschäftsmann aus England, der sich mit dem Familiennamen Goodwin vorstellte und, wie er sagte, als Vermittler für eine Schweizer Firma tätig sei.
Wie der angebliche Goodwin dem Unternehmer erklärt haben soll, sei der Interessent bereit, die Firma samt Gebäude für den geforderten Preis in Höhe von 4,7 Millionen Euro zu kaufen. Am 12. Oktober 2018 fand laut Staatsanwalt das erste Treffen zwischen Verkäufer und Vermittler im kroatischen Zagreb statt. Begleitet wurde der Wackersdorfer von seiner Prokuristin.
Angeklagter zeigte falschen italienischen Ausweis vor
In Zagreb angekommen, trafen die beiden aber laut Anklage nicht auf den englischen Vermittler, sondern auf eine weitere Person, die sich als dessen Bruder ausgegeben haben soll. Dieser habe dem Geschädigten und seiner Prokuristin mitgeteilt, dass für die Vermittlung mit dem potenziellen Käufer aus der Schweiz eine Provision in Höhe von zehn Prozent des Firmenkaufpreises fällig sei, die in Bar in einem Bankschließfach hinterlegt werden soll. Gezählt werde der Betrag vor Ort durch einen Vertrauensmann.
Gesagt, getan: Der Unternehmer aus Wackersdorf zahlte die geforderte Summe in Höhe von 470.000 Euro in 500-Euro-Scheinen in ein Schließfach ein. Dieses befand sich in einer Bank im tschechischen Tachov. Am 6. November 2018 trafen sich der Geschädigte, dessen Prokuristin und eben jener Vertrauensmann in der Bank. Bei letzterem handelte es sich um den Angeklagten, der sich als Diplomat „Campanella“ mit einem italienischen Ausweis vorstellte.
Nachdem dieser das Geld aus dem Schließfach holte und zählte, verpackte er die Scheine in ein Kuvert und umwickelte dieses mit Klebeband, um es anschließend wieder im Schließfach zu verstauen. Im Anschluss dieses Treffens meldete sich der vermeintliche Goodwin und monierte, dass das Geld nicht ordnungsgemäß gezählt wurde. Somit trafen sich der Unternehmer aus Wackersdorf, seine Prokuristin und Diplomat Campanella am Folgetag erneut in der Bank.
Nach Rechtsgespräch stand der Strafrahmen fest
Der Angeklagte nahm das Kuvert aus dem Schließfach, öffnete es mit einem Teppichmesser, holte das Geld heraus, fotografierte und zählte es erneut. Anschließend verpackte er es in einem neuen Kuvert – und da ereignete sich der Diebstahl. In einem unbeachteten Moment tauschte der Angeklagte das Kuvert aus und ersetzte es mit einem, das lediglich mit Papierschnipsel gefüllt war. Strafbar sei das laut Staatsanwaltschaft als Diebstahl mit Waffen, da der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt ein Teppichmesser mit sich führte.
Verteidiger Michael Schüll beantragte nach Verlesung der Anklagschrift ein Rechtsgespräch. Nach knapp einer Stunde erzielten die Staatsanwaltschaft, die Kammer unter Vorsitz von Richter Christian Frey sowie die Verteidigung eine grundsätzliche Einigung. Bei einem vollumfänglichen Geständnis blühe dem Angeklagten eine Freiheitsstrafe zwischen mindestens drei Jahren und neun Monaten und maximal vier Jahren und drei Monaten. Und dieses Geständnis gab es dann auch: Über Verteidiger Schüll räumte der Angeklagte alle in der Anklageschrift aufgezählten Vorwürfe ein. Er sei von einer Frau aus Tschechien instruiert worden und habe das Kuvert mit den 470.000 Euro Bargeld auch an diese nach der Tat übergeben. Dafür sei er mit 1000 Euro entlohnt worden. Eine Kommunikation zu dem rätselhaften Goodwin oder dessen angeblichen Bruder habe zu keiner Zeit stattgefunden. Er kenne diese Personen nicht.
Unternehmer aus Wackersdorf kann sich den Vorfall bis heute nicht erklären
Um sich den Tathergang auch von Opferseite bestätigen zu lassen, rief Richter Frey den geschädigten Unternehmer sowie dessen Prokuristin in den Zeugenstand. Beide bestätigten den Tathergang. „Wir haben uns immer wieder gefragt, wie das passieren konnte. Das ging alles so schnell“, sagte der Unternehmer. Er habe den Angeklagten nur kurz dabei beobachtet, wie er versuchte, das Kuvert in seiner Aktentasche verschwinden zu lassen. Als er ihn darauf angesprochen habe, habe dieser das Kuvert aber sofort wieder aus seiner Tasche gezogen und es in das Schließfach gelegt. Hier sei es wohl zum Tausch gekommen.
Auch die Prokuristin konnte sich das alles nicht erklären. Sie habe den angeblichen Diplomaten sogar dabei gefilmt, aber nichts Verdächtiges wahrnehmen können. Auf den Diebstahl seien beide nur aufmerksam geworden, weil der Kontakt mit dem englischen Vermittler nach der Geldübergabe in Tschechien schnell abgerissen war. „Wir haben zusammen einen Termin mit einem Notar in der Heimat vereinbart, aber er hat uns immer wieder vertröstet, bis wir ihn dann gar nicht mehr erreicht haben“, sagte der Wackersdorfer Unternehmer.
Diebstahl riss tiefes Loch in die Finanzen der Firma
Er und seine Prokuristin seien daraufhin nochmals zur Bank gefahren und hätten das Kuvert im Schließfach geöffnet. „Da war aber nur Papier drin.“ Vom Geld fehlte jede Spur – bis heute. Das Geschäft habe durch den Verlust erheblich Schaden genommen, „aber wir sind mit einem blauen Auge durchgekommen“, so der Wackersdorfer. Mittlerweile seien er und seine Prokuristin nicht mehr im Geschäft und hoffen, mit dem Vorfall nun abschließen zu können.
Von dem vermeintlichen Goodwin, dessen Bruder oder dem angeblichen Schweizer Unternehmen hätten sie nie wieder etwas gehört. Auch die Kriminalpolizei Amberg, die von einer Beamtin vor Gericht vertreten wurde, fische hier größtenteils noch im Dunkeln.
Der Angeklagte wurde letztlich für seine Tat in Tschechien zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Einziehung von Wertersatz in Höhe von 470.000 Euro wird angeordnet.