Neue Details: So gelang dem Mörder die Flucht aus der Stadt – Ermittlungen gegen Regensburger

Von Philip Hell · 15. Juni 2023 um 15:34

Die spektakuläre Flucht eines Straftäters aus dem Regensburger Justizgebäude wirft noch immer Fragen auf. Unterdessen bereitet sich das Landgericht auf die Rückkehr des Kriminellen vor.

168 Tage nach seiner spektakulären Flucht aus dem Regensburger Justizgebäude wird ein verurteilter Mörder am kommenden Mittwoch dort erneut Platz nehmen. Ein weiteres Mal muss er sich dort dafür verantworten, im Juli 2021 Beamte im Straubinger Gefängnis attackiert zu haben. Eine Pause im ersten Prozess nutzte er zur Flucht – nun steht die Berufungsverhandlung an.

So lief die Flucht des Mörders aus Regensburg

Indes wird immer klarer, wie der Mörder damals aus Regensburg entkam. Der Mann sprang gegen 14 Uhr am 5. Januar aus einem Fenster des Justizgebäudes. Vier Tage später wurde er im französischen Farébersviller aufgegriffen. Was sich in den rund 100 Stunden abspielte, war bislang in größten Teilen unbekannt.

Nun kommt etwas Licht ins Dunkle. Der Regensburger Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher sagt auf MZ-Anfrage: „Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass der Flüchtige Regensburg in einem Pkw verlassen hat, der wahrscheinlich von einem oder einer nahen Familienangehörigen des Flüchtigen gesteuert wurde und diesen bis nach Frankreich brachte.“ Bei seiner Festnahme saß der Mörder auf dem Beifahrersitz des Autos seiner Schwester. Ein Ermittlungsverfahren gegen die Schwester läuft laut Rauscher jedoch nicht, da sich Angehörige nicht der Strafvereitelung strafbar machen können. Ganz generell, so Rauscher, stehe nicht fest, ob der Mörder überhaupt Fluchthelfer hatte, die sich strafbar machen konnten.

Ermittlungen dauern weiter an

Erst am Mittwoch wurde Rauscher zufolge ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Regensburger eingestellt, die im Verdacht standen, den flüchtigen Mörder in der Nacht vom 5. Januar auf den 6. Januar beherbergt zu haben. Zudem soll der Flüchtige mit einem der Männer telefoniert haben. Ein Personensuchhund schlug Rauscher zufolge in der Wohnung der Verdächtigen an. Dies allein reiche jedoch nicht für eine Anklage, so Rauscher. Zumal die Aussage des Flüchtigen selbst dagegen spreche, teilt Rauscher weiter mit. Die Ermittlungen sind damit allerdings noch nicht am Ende: Verschiedene Personen, so Rauscher, seien weiter im Fokus der Behörden. Diese sollen mit dem Flüchtigen in Kontakt gestanden haben. Weitere Informationen könne er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht mitteilen.

Dem verurteilten Mörder, der 2011 eine Kiosk-Besitzerin in Nürnberg umgebracht hat, drohen für seine Flucht aller Voraussicht nach keine Konsequenzen. Die Staatsanwaltschaft habe keine Hinweise darauf, dass er sich auf dem Weg nach Frankreich strafbar gemacht habe. Die Flucht selbst ist nach deutschem Recht nicht strafbar – solang diese nicht mit Gewalt gegen Personen einhergeht.

Neuer Prozess: Landgericht bereitet sich vor

Während seine Flucht also wahrscheinlich kein Nachspiel hat, muss er sich ab dem kommenden Mittwoch erneut für den Angriff auf Vollstreckungsbeamte in der JVA Straubing verantworten. Für die Verhandlung vor dem Landgericht hat die Justiz Vorkehrungen getroffen, wie Sprecherin Ruth Koller auf MZ-Anfrage mitteilt. Der Angeklagte soll vom Vorführdienst ständig bewacht werden. Zudem soll der verurteilte Mörder die gesamte Zeit gefesselt sein. Dies war Anfang Januar nicht der Fall – ein Umstand, der dem Mann zur Flucht verhalf.

Darüber hinaus wird Koller zufolge ein Maßnahmenkatalog umgesetzt, den eine Taskforce der bayerischen Justiz nach der Flucht im Januar erarbeitet hat. Das heißt konkret: Das Anwaltszimmer, aus dem der Mörder floh, ist nun tabu für Angeklagte. Zudem gibt es ein neues Hinweisblatt für Vorführbeamte, das für mehr Sicherheit sorgen soll. Stellenweise führen auch Beamte, die nicht aus Regensburg stammen, Angeklagte vor – im Fall des verurteilten Mörders handelte es sich beispielsweise um Franken. Darüber hinaus wurden Veränderungen an den Türgriffen im Sitzungssaalgebäude vorgenommen. Zu Einzelheiten wollte Koller aus Sicherheitsgründen allerdings keine Angaben machen.