„Es ist eine Gratwanderung“: Fahndungs-Leiter über die Suche nach dem flüchtigen Mörder

Es war einespektakuläre Flucht, die viele Regensburger nicht so schnell vergessen werden: Am 5. Januar sprang ein verurteilter Mörder aus dem Regensburger Amtsgericht und war danach vier Tage unterwegs, ehe er in Frankreich von Spezialkräften gefasst wurde. Kriminaldirektor Michael Danninger hat die Fahndung nach dem Straftäter geleitet.
Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Michael Danninger:Die Gedanken kreisen. Hat man etwas übersehen? Hat man alle Maßnahmen eingeleitet? Welche Möglichkeiten gibt es noch? Wo könnte man noch ansetzen? Man ist immer angespannt. Das Gute ist: Ich war nicht allein, auch wenn ich letztlich der Entscheidungsträger war.Wir arbeiten im Team, wir tauschen uns aus, damit wir nichts übersehen.
Welches Gefühl haben Sie empfunden, als die Meldung einging, dass der Flüchtige geschnappt ist?
Danninger:Erleichterung. Wir hatten am Anfang ja noch kein Bild von den Kollegen bekommen, die Mitteilung, dass er gefasst wurde, haben wir am Telefon bekommen. Man ruft dann noch mal nach und lässt es sich bestätigen. Ist es tatsächlich auch die gesuchte Person? Das müssen wir natürlich erst bestätigen.
Die Fahndung nach dem Straftäter ist sehr schnell gestartet. Er war nur wenige Minuten weg, da kreiste schon ein Helikopter über der Stadt. Wie ging das so schnell?
Danninger:Über die Einsatzzentrale werden alle zur Verfügung stehenden Kräfte hinzugezogen. Zum einen die örtlichen Beamten von den Dienststellen, zum anderen die Einsatzzüge. Falls die Bereitschaftspolizei vor Ort ist, wird die natürlich auch gleich mit eingebunden. Beim Polizeihubschrauber kommt es darauf an, ob er gerade verfügbar ist und ob das Wetter passt. Der ist auch sehr schnell da. Zudem haben wir von den umliegenden Dienststellen Kräfte hinzugezogen, wobei es da darauf ankommt, wie die Einsatzlage sonst ist. In solchen Momenten muss man klar priorisieren und so schnell viele Kräfte zusammenziehen.
Was ist in den ersten Stunden einer Fahndung wichtig?
Danninger:Letztlich geht es darum, Ansatzpunkte zu erkennen. Da geht es um die Fluchtrichtung, mögliche Fluchthelfer. Dabei sind Hinweise aus der Bevölkerung sehr wichtig, deshalb sind wir auch schnell an die Öffentlichkeit gegangen. Sehr häufig gibt es da hilfreiche Hinweise, was uns wiederum die Möglichkeit gibt, zielgerichteter zu fahnden.
Am Ende gab es 161 Hinweise aus der Bevölkerung.Wie geht man da vor? Welchen Hinweisen geht man nach, welchen nicht?
Danninger:Das läuft immer sehr individuell. Wir schauen uns an, wie uns die Mitteilung erreicht hat, wie genau sie ist, ob sie mit unseren bisherigen Erkenntnissen zusammenpasst. Man darf natürlich keinen Hinweis vergessen, aber man muss priorisieren: Welchen Hinweisen kann ich mit vielen Kräften nachgehen.
Gibt es bei einer solchen Fahndung neuralgische Punkte in der Stadt, an denen die Polizei besonders präsent ist?
Danninger:Das kommt immer darauf an, wer gesucht wird. Welche Möglichkeiten gibt es, dass die gesuchte Person unterkommt. Aber es gibt natürlich Punkte, an denen ein Gesuchter eher anzutreffen ist. Versucht er mit dem ÖPNV weiter zu kommen? Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte.
In Schwandorf machten während der Flucht Gerüchte die Runde, wonach der Gesuchte sich am Bahnhof aufhalten könnte. Wie gehen Sie mit solchen Falschmeldungen um?
Danninger:Das ist ein ganz schwieriger Punkt. Wenn es sich definitiv sagen lässt, dass es eine Falschmeldung ist, muss man das natürlich auch in die Öffentlichkeit tragen. Aber etwas zu unterschlagen, dass man selber noch nicht besser weiß, ist genau so gefährlich. Es ist eine Gratwanderung: Welche Informationen gibt man raus, welche nicht.
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Wie wichtig ist die mediale Begleitung einer solchen Fahndung?
Danninger:Sehr wichtig. Dadurch können letztlich auch wieder Hinweise generiert, oder Falschmeldungen entkräftet werden.
Der Straftäter wurde in Frankreich geschnappt. Wie funktioniert eigentlich eine grenzübergreifende Fahndung?
Danninger:Die Kommunikation mit den französischen Kollegen läuft über das Landeskriminalamt und das Bundeskriminalamt. Dort gibt es die deutsche Zentralstelle Sirene, die für den nationalen und internationalen Nachrichtenaustausch mit Schengenmitgliedsstaaten eingerichtet wurde, um die weggefallenen Grenzkontrollen zu kompensieren. Später haben wir auch direkt mit den Kollegen in Frankreich kommuniziert.
Wie beurteilen Sie die Fahndung insgesamt?
Danninger:Aus meiner Sicht bin ich zufrieden. Die Ermittlungen laufen nach wie vor, auch was den Fluchtweg betrifft. Ich denke, dass der Einsatz unterstreicht, wie gut die Zusammenarbeit mit der Polizei in anderen Bundesländern laufen kann.Aber auch die Zusammenarbeit mit der ausländischen Polizei hat wunderbar funktioniert.
Sie bekleiden Ihren Posten erst seit rund zwei Wochen. Die Großfahndung war eine echte Feuerprobe, oder?
Danninger:Ja, das stimmt. Aber der Erfolg war das wichtigste.
