Mittelschule statt Gymnasium und Realschule? Parsbergs Rektor räumt mit Vorurteilen auf

Für viele Kinder entscheidet sich mit zehn Jahren scheinbar die Zukunft. Während am Tag der Übertrittszeugnisse gejubelt und gefeiert wird, haben andere das Gefühl, gescheitert zu sein. Matthias Ferstl, Rektor der Mittelschule Parsberg (Landkreis Neumarkt), hält genau dieses Denken für einen der größten Fehler im deutschen Schulsystem. Im Interview erklärt er, warum er Mittelschüler nicht als Verlierer, sondern als mögliche Gewinner von morgen sieht.
Herr Ferstl, jedes Jahr entsteht der Eindruck, dass der Übertritt nach der vierten Klasse ein Wettlauf Richtung Gymnasium oder Realschule ist. Was macht das mit den Kindern, die nicht als Sieger über die Ziellinie laufen?
Matthias Ferstl: Sie brauchen zuerst einmal sehr viel Zuspruch. Man muss ihnen Mut machen, dass sie sich wieder etwas zutrauen. Sie haben erlebt, dass sie bei diesem Wettlauf um Realschule und Gymnasium zunächst einmal verloren haben. Das finde ich immer sehr schade. Die Kinder wollen es allen recht machen. Sie wollen ihren Eltern gefallen, Erfolg haben und Anerkennung bekommen. Und dann kommen sie zu uns und fühlen sich erst einmal als Verlierer.
Wie gehen Sie damit um, wie fangen Sie diese Kinder auf?
Ferstl: Ich sage ihnen gleich am ersten Tag: Ihr seid gar keine Verlierer. Ihr habt euch für eine sehr gute Schulart entschieden. Bei uns ist alles möglich. Euch stehen alle Wege offen – und das sogar in der gleichen Zeit wie auf anderen Schularten. Wichtig ist jetzt, dass ihr euch hier wiederfindet, wieder an euch glaubt und Erfolgserlebnisse sammelt.
Mittelschülern stehen in Parsberg viele Weg offen
Sie sagen, den Kindern stünden alle Wege offen. Viele Eltern glauben das nicht. Warum haben Sie so eine andere Sicht?
Ferstl: Weil unser Schulsystem zwar gegliedert ist, aber gleichzeitig wahnsinnig durchlässig. Ich muss nicht nur den Eltern, sondern auch Studierenden – die von der Universität Regensburg zu uns als Partnerschule immer wieder ins Haus kommen – immer vor Augen führen, wie viele Wege unsere Mittelschule eröffnet.
Welche Wege sind das?
Ferstl: Der Schlüssel ist der mittlere Schulabschluss. Den bekommt man klassisch an der Realschule, am Gymnasium nach der 10. Klasse, bei uns in der M-Klasse, über die Wirtschaftsschule oder sogar später über den Qualifizierten beruflichen Bildungsabschluss, den Quabi. Und dieser Abschluss öffnet wiederum den Weg an die FOS oder BOS und damit bis zum Fachabitur oder Abitur. Viele wissen gar nicht, dass man das mit dem Weg über die Mittelschule genauso schnell erreichen kann. Der Unterschied ist nur: Wir legen uns nicht schon in der fünften Klasse auf ein einziges Ziel fest. Nach jedem Schuljahr kann neu entschieden werden, ob der Weg zur Realschule, zum Gymnasium, in den M-Zug oder in die Wirtschaftsschule führt. Wir begleiten die Kinder auf diesem Weg und schauen jedes Jahr neu, was zu ihrer Leistungsbereitschaft und ihrer Entwicklung passt.
Ihr seid gar keine Verlierer. Ihr habt euch für eine sehr gute Schulart entschieden. Bei uns ist alles möglich.Matthias Ferstl, Rektor Mittelschule Parsberg
Sie sagen, dass die Mittelschule gerade die Fachkräfte ausbildet, die künftig dringend gebraucht werden. Was macht Ihre Schulart dabei besonders?
Ferstl: In unserer Gesellschaft wird oft vor allem die kognitive Leistung betrachtet. Was dabei häufig zu kurz kommt, sind die praktische, aber auch die emotionale Intelligenz.
Wo Sie besondere Schwerpunkte setzen.
Ferstl: Richtig. Wir haben eine qualifizierte berufliche Ausbildung im Blick. Das ist die Grundlage für beruflichen Erfolg, aber auch für ein gelingendes Leben. Deshalb hat die Berufsorientierung bei uns einen sehr hohen Stellenwert. Wir haben ein eigenes Berufswahlkonzept, das genau festlegt, was in jeder Jahrgangsstufe passiert. Wir arbeiten mit Berufsberatern, Berufseinstiegsbegleitern und Partnerbetrieben zusammen. Unsere Schüler machen Betriebserkundungen, Praktika und Betriebsbesichtigungen. Das ist fest im Unterricht verankert. Dazu kommen die praxisorientierenden Fächer wie Technik, Ernährung und Soziales oder Wirtschaft und Kommunikation. Diese Verbindung von Schule und Berufswelt ist eine große Stärke der Mittelschule.
Studium: Hier sind frühere Mittelschüler den Gymnasiasten überlegen
Die ihre Schüler später im Idealfall ausspielen können.
Ferstl: Ich sehe das sogar bei meinen eigenen Kindern. Sie haben Abitur gemacht und anschließend ein technisches Studium begonnen. Sie haben selbst gesagt, dass sie gegenüber Kommilitonen, die über die BOS gekommen sind und vorher einen Beruf gelernt hatten, teilweise im Nachteil waren. Die anderen hatten praktische Erfahrung. Sie kannten die Maschinen, sie wussten, wie Dinge funktionieren. Meine Kinder kannten vieles nur aus Büchern. Wenn heute jemand Maschinenbau studiert, sollte er auch wissen, wie eine Maschine funktioniert oder schon einmal selbst an einer gearbeitet haben. Diese praktische Grundausbildung ist Gold wert.
Vor allem angesichts des großen Fachkräftemangels im Handwerk.
Ferstl: Genau. Ich versuche seit einem halben Jahr, bei mir eine Wallbox installieren zu lassen. Einer kommt vorbei, schaut sich alles an und sagt, er meldet sich – und dann passiert nichts mehr. Wir haben ehemalige Schüler, die sich relativ schnell selbstständig gemacht haben und heute erfolgreiche Betriebe führen.
Mittelschule leistet wichtigen Beitrag für ein gelingendes Leben
Da stellt sich doch die Frage: Was ist eigentlich Erfolg?
Ferstl: Für mich geht es letztlich um ein gelingendes Leben. Und ich glaube, dass unsere Mittelschule dafür einen wichtigen Beitrag leistet. Genau das kommt in der öffentlichen Diskussion oft viel zu kurz.
Sie stören sich daran, dass Mittelschüler häufig als Verlierer abgestempelt werden?
Ferstl: Ja, sehr sogar. Da heißt es dann: Das Kind hat es nicht geschafft, jetzt muss es auf die Mittelschule. Oder früher sprach man von der „Restschule“. Das finde ich wirklich diffamierend.
Dabei ist es nur ein anderer Weg.
Ferstl: Ich würde mir wünschen, dass Eltern am Ende der Schulzeit sagen: Es war gut, dass mein Kind auf der Mittelschule war. Es war genau der richtige Weg. Und ich wünsche mir, dass die Mittelschule auch gesellschaftlich die Anerkennung bekommt, die sie verdient. Dass jemand ganz selbstverständlich sagen kann: Ich bin auf die Mittelschule gegangen – und das wird genauso wertgeschätzt.
Für mich geht es letztlich um ein gelingendes Leben. Und ich glaube, dass unsere Mittelschule dafür einen wichtigen Beitrag leistet.Matthias Ferstl, Rektor Mittelschule Parsberg
Sie lehnen auch den Begriff Brennpunktschule, der für Mittelschulen oft verwendet wird, ab.
Ferstl: Es gibt keine Brennpunktschulen. Es gibt Kinder aus schwierigen sozialen Situationen. Vielleicht gibt es Regionen mit besonderen Herausforderungen. Aber wenn man eine Schule als Brennpunktschule bezeichnet, klingt das so, als wäre die Schule das Problem. Das lehne ich ab.
Was ist dagegen die Wahrheit?
Ferstl: Wir haben Kinder mit ganz unterschiedlichen Begabungen, unterschiedlichen sozialen Hintergründen und unterschiedlichen kulturellen Wurzeln. Unser Blick richtet sich auf ihre Stärken. Wir wollen sie dort abholen, wo sie stehen. Nehmen wir das Beispiel Neurodivergenz (abweichende Funktionsweise des Gehirns und der Informationsverarbeitung im Vergleich zur gesellschaftlichen Norm, dazu gehören zum Beispiel ADHS, Autismus oder eine Lese- und Rechtschreibstörungen). Gerade in Zeiten der Künstlichen Intelligenz könnte das noch wichtig werden. Kinder, die wir heute als neurodivergent bezeichnen, sehen Dinge oft aus einer anderen Perspektive. Sie bringen andere Kreativität und andere Blickwinkel mit. Genau das kann Unternehmen oder der Gesellschaft später wichtige Impulse geben.
Wenn das Kind die Chance bekommt, seinen eigenen Weg im für ihn richtigen Tempo zu gehen.
Ferstl: Genau. Theoretisch bietet unser Schulsystem diese Offenheit ja bereits. Trotzdem legen sich viele Eltern schon sehr früh auf einen einzigen Weg fest. Für mich ist eine der wichtigsten Aufgaben von Schule, dass Kinder sie als etwas Positives erleben. Vielleicht ist „Lernen macht Freude“ etwas hoch gegriffen. Aber sie sollen erleben: Ich kann etwas. Ich kann mich einbringen. Ich habe Erfolg.
Wie gelingt das?
Ferstl: Es kann sein, dass einem Mathematik nicht besonders liegt. Dafür kann man in anderen Bereichen zeigen, was man kann. Dieses Gefühl brauchen Kinder. Wenn jemand dagegen ständig erlebt, dass es nie reicht, dass er immer nur Kritik bekommt und nie Anerkennung erfährt, dann sucht er sich diese Anerkennung irgendwann woanders. Wir erleben immer wieder Kinder, die von anderen Schularten zu uns wechseln. Sie haben sich dort jahrelang durchgequält, waren immer gerade so dabei und hatten ständig das Gefühl: Ich genüge nicht. Wenn ihnen dann einmal etwas gelungen ist, hieß es: „Da hast du halt Glück gehabt.“ Aber niemand sagte: „Das hast du wirklich gut gemacht.“ Mit so einem Selbstbild gehen junge Menschen später ins Leben. Ihnen fehlt das Selbstvertrauen. Und dann war Schule aus meiner Sicht nicht erfolgreich.
Wie macht man es besser?
Ferstl: Natürlich ist das eine große Aufgabe. Sie braucht viel Unterstützung. Wir sagen immer, kein Kind darf verloren gehen, und alle Talente müssen gesehen werden. Das stimmt. Aber die Umsetzung kostet Geld und vor allem Menschen, die diese Kinder begleiten können.
Fehlt dafür Personal?
Ferstl: Einen Schuldigen gibt es da nicht. Aber es gibt leider zu wenig Lehrer. Ich kann nur für die Mittelschule sprechen. Dort haben wir derzeit einen deutlichen Lehrermangel. Als Partnerschule der Universität Regensburg merke ich das auch bei den Studierenden. Ich betreue dort Praktika und sehe, dass die Zahl der angehenden Mittelschullehrer in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Das ist keine schöne Entwicklung.