Truppenübungsplatz Hohenfels: Bewegende Schüleraufsätze erzählen vom Verlust der Heimat

Von Markus Rath · 30. Juli 2026 um 16:49

„O, könnten wir nur den Lehrer mitnehmen!“ Es ist nur ein Satz, geschrieben von einem Mädchen aus der achten Klasse. Doch er erzählt mehr über die Vertreibung aus den Dörfern des heutigen Truppenübungsplatzes Hohenfels als viele Geschichtsbücher.

Es waren die letzten Schüler von Pielenhofen, denen der damalige Lehrer Anton Möstl die Aufgabe stellte, die bevorstehende Vertreibung aus der Heimat in Worte zu fassen. Entstanden sind bewegende Zeitdokumente voller Angst, Trauer und Hoffnung – und sie berühren auch mehr als sieben Jahrzehnte später noch.

Entdeckt hat die sieben Schüleraufsätze die Historikerin Bele Schneider bei den Recherchen für die Ausstellung „75 Jahre Truppenübungsplatz Hohenfels“. In der Chronik von Pielenhofen, die auch der Lehrer verfasst hat, der den Kindern die Aufgabe gestellt hat, fand sie die abgetippten Texte der Kinder, die auch über den Lehrer selbst viel aussagen.

Letzter Pielenhofener Lehrer verwendet Texte der Schüler für seine Chronik

„Unser Lehrer war gut, wenn er auch hie und da streng war. So muss er sein. Dafür hat er mit uns Ausflüge gemacht, hat mit uns Theater gespielt wie kein anderer zuvor“, schreibt Wally Schmaußer aus der achten Klasse über den Mann und die Tatsache, dass sie und ihre Freunde „bald zum letzten Mal in Pielenhofen in die Schule gehen werden“. Zuvor hatten die Schüler mit ihren Eltern in einer trügerischen Ruhe gelebt. „Das ganze Frühjahr lebten wir in Ruhe und Frieden. Niemand glaubte, dass wir von hier fort müssen. Jeder verschönerte seine Heimat, und mancher baute neue Gebäude“, schreibt Sebastian Braun.

Dazu muss man wissen, dass viele der Menschen, die damals auf dem heutigen Truppenübungsplatzgelände leben, Vertriebene aus den Ostgebieten waren. Sie waren erst kurz davor, nachdem die Wehrmacht den Übungsplatz geräumt hatte, in den leeren Dörfern neu angesiedelt worden und begannen dort, sich ein neues Leben aufzubauen.

Georg Wittmann zum Beispiel berichtet, wie viele Schweißtropfen die Familie doch vergossen hatte, dass sie ein schönes Heim habe. „Von früh bis spät haben wir gearbeitet und gespart, dass wir unser Haus fertigbrachten, und jetzt sollen wir alles verlassen: unser Haus, unsern Grund, unsern Wald, unsere Kirche und Toten, unsern Herrn Pfarrer und Herrn Lehrer, unsere Kameraden“, schreibt Wittmann und gibt zu:

Bele Schneider und Hans Dischner zeigen die Fundstelle in einer Chronik, in der sie die Aufsätze entdeckt haben. - Foto: Markus Rath

„Es war eine traurige Nachricht, als wir erfuhren, dass wir von unserer Heimat weg müssen. Wir setzten uns alle hin und weinten.“ Gleichzeitig gab es Wut und Enttäuschung, als im August die Entscheidung feststand und der Bürgermeister in Pielenhofen davon berichtete. „Da plötzlich musste der Bürgermeister nach Lutzmannstein; alles wartete mit Schmerzen auf den Bericht des Bürgermeisters. O, welch ein Schreck! Denn er sagte: Vier Gemeinden müssen geräumt werden, und zwar Pielenhofen, Lutzmannstein, Griffenwang und Geroldsee. Fast alle Bauern hatten neue Gebäude hergestellt. Alle Väter schimpften über diese dumme Regierung.“

Neuen Platz zum Leben zu finden fällt den Vertriebenen schwer

Auch die Stimmung in den Familien ist angespannt. „Wie wenig wird jetzt in unserem Haus gelacht! Wie gedrückt geht alles der Arbeit nach! Wie gereizt ist alles! Streit war in unserem Hause unbekannt. Jetzt aber kommen alle um einer Kleinigkeit wegen in die Hitze!“, fasst B. Stigler die Situation im Elternhaus zusammen.

Denn die Suche nach einer neuen Heimat ist nicht so einfach: „Der Vater ist ganz besorgt. Tag für Tag fährt er aus. Er sucht für uns eine neue Heimat. Jeden Abend kommt er nach Hause und hat wieder nichts Richtiges gefunden.“ Fragen stelle ihm die Familie aber nicht mehr, denn: „Wenn er spät heimkommt, ganz müde und traurig, dann wissen wir, dass wir noch immer keine neue Heimat haben.“ Gleichzeitig bestimmt die Sehnsucht danach den Alltag: „O, hoffentlich ist bald der Tag da, wo auch wir ein neues Heim haben? Das wird freilich lang dauern, hat doch der Vater nur ganz wenig Geld für unser schönes Anwesen bekommen.“