In Neustadt geht es um die Zukunft der Arbeit - Hier entsteht Industrie 4.0

Von Jochen Dannenberg · 6. August 2026 um 11:00

Wirtschaftlicher Niedergang, Verlust von Arbeitsplätzen. Stichworte wie diese bestimmen die öffentliche Diskussion um den Zustand der deutschen Wirtschaft. Doch so muss es nicht kommen. Ein Neustädter Unternehmer ist überzeugt, dass auch in Zukunft in Deutschland produziert wird. Dafür müssen jedoch bestimmte Bedingungen erfüllt sein.

Es ist so etwas wie der „dritte Weg“, den Martin Hess, Inhaber von Intertec Hess in Neustadt a.d. Donau, vorschlägt – ein Mittelding zwischen „weiter so“ und Untergang. Hess stellt Schutzgehäuse für hochempfindliche Instrumente und Kontrollgeräte her. Seit 1965 wurden im Unternehmen der Familie Hess über eine Million Schutzgehäuse gefertigt und an Kunden in den Bereichen Energie, Chemie und Engineering weltweit ausgeliefert. Die Schutzgehäuse („Shelter“) können so groß sein wie eine Werkzeugkiste oder ein Einfamilienhaus.

Intertec ist ein Industriebetrieb und der Chef des Unternehmens sagt: „Meine Überzeugung ist: Die Zukunft der deutschen Industrie ist eine handwerksnahe Fertigung.“ Auch wenn es in Anbetracht der hohen Stückzahlen anders wirkt, beteuert er: „Wir machen keine Massenfertigung.“ Was Intertec betreibe, sei „im Prinzip Maßschneiderei“. Es gehe um Gehäuse, die genau auf einen individuellen Anwendungszweck ausgerichtet sind, der vom Kunden bestimmt wird.

„Fast ohne körperliche Anstrengung“

Um was es dabei geht, wird derzeit als Industrie 4.0 beschrieben. Industrie 4.0 ermöglicht die individualisierte, maßgeschneiderte Herstellung im Stile einer Manufaktur zu den ungleich wirtschaftlicheren Bedingungen industrieller Massenfertigung. Sie schafft hochflexible, sich autonom anpassende Wertschöpfungssysteme, die unmittelbar auf Kundenanforderungen ebenso wie auf Störungen in den Lieferketten reagieren können.

Der Transport der zum Teil 30 Quadratmeter großen Platten erfolgt mit Vakuumhebern. - Foto: Jochen Dannenberg

Intertec hat das erkannt und investiert. Damit ist die „gläserne Manufaktur“, so benannt nach der großen Glasfassade an der Seite neben der Eisenbahnlinie, entstanden. In der „Sandwichhalle", wie dieselbe Halle aufgrund der hier stattfindenden Produktionsweise intern genannt wird, werden Platten aus glasfaserverstärktem Kunststoff und PU-Schäumen geschnitten und mit anderen Materialien verpresst. Diese Sandwichplatten sind besonders widerstandsfähig, und – ganz wichtig – keine der oft rund 30 Quadratmetern großen Platten muss noch per Hand gehoben werden. Das erledigen Vakuumheber. Produktionsleiter Erwin Vikete freut sich. Er sagt: „Es ist beeindruckend zu sehen, wie damit ein vielfach größerer Ausstoß generiert werden kann, während die Arbeit für die Belegschaft fast ohne körperliche Anstrengung abläuft.“

In der rund 4000 Quadratmeter großen Halle, in der es auch Büros gibt, arbeiten gerade einmal drei Männer in der Produktion. Gekostet hat das sechs Millionen Euro allein für die Halle. Dazu kamen noch die Kosten für die Maschinen, zu der auch eine neue automatische Plattensäge gehört, die Photovoltaikanlage auf dem Dach und der Batteriespeicher.

Die Investition am Standort Neustadt wird von Hess denn auch als „ein enorm wichtiges Zeichen und ein klares Bekenntnis zum Standort Neustadt und zur Sicherung der Produktion vor Ort“ gesehen. Dafür stehen auch die Veränderungen im Laufe der sechs Jahrzehnte währenden Firmengeschichte. Betrug die Produktionsfläche im Jahr 1971 noch 1900 Quadratmeter, sind es aktuell 17.000 Quadratmeter. Dazu kommen 1200 Quadratmeter Büro- und 26.000 Quadratmeter Freifläche.

Derzeit beschäftigt Intertec 230 Mitarbeiter in Neustadt. Das soll auch so bleiben. „Wir wollen, dass es auch in Zukunft gleich viele Mitarbeiter sind“, sagt Hess. Der Weg dahin, ist klar: „Unser Ziel ist es, die Effizienz zu steigern.“

Um den Standort zu sichern, genügt es nicht, die Produktion zu verändern. Das Geschäft mit den Schutzkästen ändert sich. Zu den klassischen Schutzkästen, die sowohl in der Arktis als auch in der Wüste funktionieren, sind zuletzt auch Kästen gekommen, die bei einem Unfall in viele Einzelteile zerfallen. Sie kommen an den Start- und Landebahnen vieler Flughäfen zum Einsatz. Die Idee: Wenn sich bei einem Flugzeug eine unsichere Landung andeutet, soll der Jet nicht auch noch gegen ein starres Hindernis prallen.

Neue Einsatzzwecke – Wandel bei den Produkten

Ein neueres Produkt sind Batteriehäuschen. Sowohl Straßenbahnen als auch Eisenbahnen könnten damit mobiler werden. „Das ist etwas, wo ich einen Zukunftsmarkt sehe“, ist Hess optimistisch. Das könnte bei Intertec irgendwann einmal auch den ursprünglichen Einsatzbereich der Schutzkästen, die Erdölraffinerien, ersetzen.

Was aussieht wie der Innenausbau eines Wohnhauses, wird ein Schutzkasten „Made in Neustadt“. - Foto: Jochen Dannenberg

Bis dahin hofft Hess auf andere Hilfen – zum Beispiel Bürokratieabbau. „Es wird immer von Bürokratieabbau gesprochen“, sagt er. „Uns würde es reichen, wenn es nicht zu viel Bürokratie wird.“ Als Beispiel nennt er die jährlichen Nachhaltigkeitsberichte, die vor zwei Jahren von der Bundesregierung beschlossen wurden. Damit werden Unternehmen verpflichtet, Anlegern und Banken mehr Einblick zu geben, damit die nachhaltig investieren können. Das Problem aus Sicht von Hess: „Es ist noch nicht definiert, wie berichtet werden soll.“

Dabei ist die „gläserne Manufaktur“ fast schon so etwas wie das Gesetz. Durch die großen Fenster lässt sich problemlos beobachten wie bei Intertec Hess in Neustadt produziert wird.

So kennt man die „Shelter“ von vielen Flughäfen. Sie stehen an Start- und Landebahnen. - Foto: Erwin Vikete, Intertec