Kelheims Kirchen vor großem Umbruch – Gotteshäuser mit weltlicher Nutzung?

Die Zahl der Gläubigen wird sich in den nächsten gut zehn Jahren um die Hälfte reduzieren. Das trifft sowohl katholische als auch evangelische Kirche. Im Landkreis Kelheim schreitet der Umbau zu größeren Einheiten weiter voran. Einher geht das mit der Frage, welche Gebäude noch gebraucht werden – auch Gotteshäuser.
Kelheims Dekan Georg Birner, katholischer Pfarrer in Abensberg, hat einen Auftrag: Aus 28 Pfarreieinheiten im Dekanat Kelheim muss er zwölf Pfarreiengemeinschaften machen. Das Bistum Regensburg reagiert mit einer Änderung der Strukturen auf die sinkende Zahl an Kirchenmitgliedern und Seelsorgern. „Bis 2040 geht die Zahl der Katholiken um die Hälfte zurück, sagt eine Studie“, so Birner. Im Landkreis gehören aktuell rund 70.000 Menschen dieser Konfession an.
Eine ähnliche Entwicklung steht der evangelischen Kirche bevor, die im Bereich Kelheim rund 12.000 Gläubige zählt. Die Ortskirchen „werden in Regionalgemeinden gebündelt“, sagt der evangelische Kelheimer Pfarrer Uwe Biedermann, zugleich stellvertretender Dekan im Dekanatsbezirk Regensburg. Die evangelischen Kirchengemeinden Abensberg-Neustadt, Kelheim-Saal und Schierling-Langquaid werden sich in einer Regionalgemeinde mit Regenstauf und Burglengenfeld wieder finden. Bad Abbach fällt (wie bisher) Regensburg zu.
Die Ortsgemeinden werden nicht aufgegeben
„Niemand muss Sorge haben, dass seine Pfarrei oder Kirche vor Ort verschwindet“, betont Dekan Birner. Die neuen Einheiten sollen in beiden Konfessionen vor allem im Bereich kirchliches Personal, Finanzen und Verwaltung einen Verbund schaffen. „Fristen“ für eine Umsetzung gebe es nicht, „es wird ein geschmeidiger Übergang“, sagt Birner.
Problem für beide Kirchen ist auch der zunehmende Mangel an Seelsorgern und anderen kirchlichen Mitarbeitern. „Es wird künftig nicht jeden Sonntag in jeder Kirche eine Eucharistiefeier geben können“, so der katholische Dekan. Die evangelische Pfarrerin Anne-Katrin Streeck kündigt für ihre Kirchengemeinde Abensberg-Neustadt an: „Abensberg und Neustadt werden sich ab Oktober wöchentlich abwechseln.“
Birner geht davon aus, dass es wenig Vorbehalte gibt, in einem Nachbarort in den Gottesdienst zu gehen. Er kennt aus anderen Regionen Modelle, bei denen Gläubige per Fahrdienst eingesammelt werden. Streeck sieht auch in Gottesdiensten für bestimmte Zielgruppen (Familien, Jugendliche) einen Anreiz, über den eigenen Kirchturm hinaus zu blicken, sprich woanders die Messe zu besuchen.

Weniger Mitglieder, dadurch weniger Kirchensteuern, zudem weniger Kirchenpersonal: Die Gemengelage zwingt Katholiken und Protestanten auch, ihre Immobilien auf den Prüfstand zu stellen. Der „Ausverkauf von Kirchen“ stehe nicht bevor, sagt Birner nachdrücklich. „Für mich wäre es nicht vorstellbar, wenn das Äußere eine Kirche ist, innen aber nicht mehr der christliche Glaube gelebt wird.“
Dennoch – und da ist er sich mit seinem evangelischen Kollegen Biedermann einig – stelle sich die Frage: „Brauchen wir noch alle Gebäude?“ Birner blickt in seiner Pfarreiengemeinschaft Abensberg-Sandharlanden-Pullach auf sechs Kirchen, drei Pfarrheime, drei Pfarrhöfe, ein Wohnhaus und Grundstücke. Streeck zählt zwei Kirchen, zwei Gemeindehäuser und ein Pfarrhaus in ihrer Kirchengemeinde. Sie sagt sehr deutlich: „Wir können uns nicht mehr den Luxus leisten, für eine Stunde Gottesdienst in der Woche eine Kirche zu halten.“
Weniger Geld für Erhalt von Kirchen und Pfarrhöfen
Auch sie redet nicht dem Verkauf das Wort. „Aber wir müssen uns mit anderen Nutzungsmöglichkeiten befassen.“ Das gelte auch für Gemeinderäume. Büchereien, Kunstausstellungen, Ateliers, Kurse – vieles sei denkbar in Pfarrheimen. Biedermann sagt: „Wir können Räume bieten.“ Erster Ansprechpartner seien Kommunen und der Landkreis.
Aktuell laufen in beiden Kirchen „Bewertungsprozesse“. Im Blick, so Birner, müsse man auch Sanierungsausgaben haben. „Können wir uns das noch bei jedem Gebäude leisten?“ Die Zuteilung von Geldmitteln aus Bistum bzw. Landeskirche wird zurückgehen.
Birner weiß, „dass es ganz sensibel ist, an wen etwas vermietet oder veräußert wird“. Entscheidungen über örtliche Kirchengremien hinweg werde es nicht geben, halten alle drei Geistlichen fest. Gotteshäuser sollen wie erwähnt nicht auf den Verkaufsmarkt kommen.
Einmalig bleibt damit vorerst die Umgestaltung der evangelischen Lukaskirche in Kelheim, die von einem Architekten gekauft wurde, zu Ferienwohnungen vor fünf Jahren. Die Idee war nicht neu: In den Niederlanden werden Kirchen zu Wohnungen und Restaurants umgebaut, berichten Birner und Biedermann. In Miesbach hat die evangelische Gemeinde einen Sakralbau in ein Café und Kursräume umgewandelt, ergänzt Streeck. Und auch das gibt es: In selten genutzten Kirchen werden Urnenwände aufgestellt.
Solche Entwürfe werden im Landkreis nicht angedacht. Für den katholischen Dekan Birner sind Kirchen ein Symbol christlichen Glaubens. Darum sagt er trotz Reformprozess: „Die Kirche muss im Dorf bleiben.“