Millionen-Krimi um Reinigungsfirma in Regensburg startet mit Geständnissen vor Gericht

Mehr als 5,5 Millionen Euro sind laut der Anklage weg. Steuern, Beiträge zur Sozialversicherung und viel Geld von Gläubiger soll ein Trio aus dem Unternehmen gezogen haben. Zum Prozessstart vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Regensburg schiebt der Ex-Firmenboss alles auf Drogen, Alkohol sowie Spielsucht und fühlt sich nicht gerecht behandelt. Auch seine zwei Mitangeklagten äußern sich.
Scheinrechnungen, Falschmeldungen an Krankenkassen und Sozialversicherung, abgezweigtes Firmengeld und eine jahrelange Flucht vor den Ermittlern – dieser Fall hat das Potenzial, der größte Wirtschafts-Krimi jüngerer Zeit zu werden. Mehr als 5,5 Millionen Euro soll ein 39-Jähriger beiseite geschafft haben. Um Drogen, Alkohol und seine Spielsucht zu finanzieren, wie er am Montag zu Prozessauftakt auch gesteht.
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Vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts muss sich Christian G. (Name geändert), einst schillernder Firmenboss aus Regensburg, nicht allein verantworten. Die Mutter des 39-Jährigen und ein weiterer Mann stehen laut Anklage mit ihm im Zentrum von systematischem Betrug am Sozialsystem, Steuerhinterziehung und Bankrott. Vor Gericht positionieren sich alle – und räumen letztlich gewisse Beteiligungen ein.
Steuerprüfung brachte den Stein ins Rollen
Gleich drei Anklagen werden allein gegen G. verhandelt und jede für sich genommen hat es in sich: Der 39-Jährige soll, teils mit den anderen, die Stundenzettel seiner Mitarbeiter manipuliert haben. Statt geleisteter Arbeitszeit wurden niedrigere Stunden an die Sozialversicherer weitergemeldet. In 580 Fällen von April 2018 bis Ende 2021 geht es um über 2,7 Millionen Euro. Mit fingierten Rechnungen soll er zudem Umsatz nach unten korrigiert haben – Schaden hier rund 2,5 Millionen.
Ans Licht gekommen waren die Vorwürfe sukzessiv bei einer Steuerprüfung. Ende 2022 landete G. sogar in U-Haft, kam aber überraschend wieder frei und tauchte unter. Statt in der Karibik, wo er vermutet worden war, sei er jedoch in München, Landshut und in Kroatien gewesen– wo er schließlich im Februar verhaftet und ausgeliefert wurde. Strafverteidiger Jörg Meyer lieferte erste Erklärungen: In der „Spirale aus Alkohol, Drogen und Spielsucht“ wäre der 39-Jährige abgerutscht und habe auf falsche Ratgeber gehört, Löhne manipuliert und Scheinrechnungen erstellt. Im Wesentlichen räume er aber die Vorwürfe ein; die Schadenshöhe könne er nicht verifizieren.

Laut Anklage soll die Mutter des Mannes ihre Finger ganz tief drin gehabt haben, was sie über Verteidiger Dr. Georg Karl aber vehement bestreiten ließ. Laut Ermittlern war ihr Sohn seit 2006 offiziell zwar Inhaber des Unternehmens, faktisch aber soll die 58-Jährige die Zügel in der Hand gehabt haben – um wegen offener Forderungen Einkünfte zu verschleiern. Erst Mitte 2020 soll sie laut Anklage die Leitung an den Sohn abgegeben haben. Laut Karl sei alles über „seinen Tisch gegangen“, das „Kommando“ habe einzig der Sohn der Frau gehabt. Auch, als er auf der Flucht war. Telefonisch sei sie von ihm angewiesen worden, was zu tun wäre.
Der Dritte im Bunde, ein 41-Jähriger aus Regensburg, ließ quasi dasselbe von Verteidiger Dr. Florian Münch erklären. Er habe G.s Worte im Ohr gehabt, dass das „Reinigungsgeschäft eben schmutzig“ sei, wo man „nachhelfen muss, um erfolgreich zu sein“. Ihm sei auch klar gewesen, dass es „illegale Dinge“ seien. Der 41-Jährige sei nur ein Helfer im Betrieb gewesen, habe dem Boss aber nahe gestanden. Geld auf sein Privatkonto umzuleiten sei „der größte Fehler seines Lebens“ gewesen. Er sei, so Dr. Münch, bereit, „die Konsequenzen dafür zu tragen“.

Das will wohl auch Christian G., mit aufrichtiger Reue jedoch scheint er sich schwer zu tun. In eigenen Erklärungen lieferte er Hintergründe, aber auch einige tiefe Einblicke. Zur Flucht, bei der ihm Freunde halfen, sei es in einer psychischen Ausnahmesituation gekommen. Er sei im Ausland gefangen gewesen und habe da „ohne Drogen und Alkohol“ erkannt, was er angestellt habe. „Ich möchte mich in aller Form entschuldigen.“ Die Angaben seiner Mitangeklagten untermauerte er außerdem.
U-Haft „re-traumatisiert“ den Ex-Firmenboss
Teil zwei seiner abgelesenen Erklärungen aber wurde mehr zur Abrechnung: Er „bettelt dauerhaft um Hilfe“ in der JVA, sieht der Sucht und einem Trauma aus Kindheit und Jugend aber offenbar viel zu wenig Augenmerk geschenkt. Seine Kritik richtete sich gegen den psychiatrischen Sachverständigen und das Landgericht selbst. Ärzte rieten ihm zu einer Therapie, die Haft aber verhindere das. Denn: Die Gefängnispsychologen machten „nur Alltag“, externe und wohl versiertere Kräfte jedoch müsste er zahlen.

In der JVA erleide er „täglich Re-Traumatisierung“, erklärte der 39-Jährige. Einzig in Freiheit gäbe es nämlich das „eingesperrt und gedemütigt werden“ nicht – doch der dürfte der Mann weit weniger nahe sein, als er sich offenbar erhofft. Ihm und auch den beiden Mitangeklagten dürften bei einer Verurteilung mehrjährige Haftstrafen drohen. Fünf weitere Prozesstage sind angesetzt, ehe Ende August dann ein Urteil fällt.