„Man muss Mut haben“ - So geht es einem lebenden Jahrhundert

Von Jochen Dannenberg · 22. Juli 2026 um 05:00

So richtig alt werden Menschen laut Statistik nur selten. Nur zwei von 10.000 Menschen werden 100 Jahre alt. Ein Neustädter hat dieses Alter jetzt erreicht. Wie geht es einem als „lebendes Jahrhundert“, Herr Trieb?

Erich Trieb genießt den Blick auf seinen Garten. Vom ersten Obergeschoss seines Elternhauses hat er einen famose Aussicht auf die grüne Idylle hinter seinem Haus. Viele Bäume wachsen hier, an einer Magnolie sind noch Blüten zu sehen. Es ist der Sommer 2026, der wegen seiner vielen heißen Tage vermutlich als Jahrhundertsommer in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Erich Trieb kennt die Sommer in Neustadt. Er ist ein echter Neustädter. Er ist in der Albrecht-Rindsmaul-Straße aufgewachsen. Hier hat er sein Friseurgeschäft gehabt und mit seiner Familie in einem Haus gelebt, das mehrere hundert Jahre alt ist. Er sagt: „Hier kann man es auch in einem Sommer wie diesem aushalten.“

Der Blick vom ersten Obergeschoss geht auch auf die Rückseiten der benachbarten Häuser. Vieles, was von der Straße her ganz prächtig aussieht, wirkt hier mit einem Mal sehr schlicht. Schlicht, aber ehrlich. Und so ist Erich Trieb auch. „Die Hitze macht mir nichts aus“, sagt er. Dabei sind es an diesem Tag in der Stadt wieder 30 Grad.

Das Leben ging für ihn immer wieder weiter

100 Jahre ist er vor wenigen Tagen alt geworden. Wie ist das, wenn man so alt wird? „Das werden Sie noch erleben“, antwortet er dem Reporter vieldeutig, aber bestimmt. Der Mann von der Zeitung will es genauer wissen und hakt nach: „Muss man Mut haben?“ Die Antwort fällt dieses Mal deutlich aus. „Ja, man muss Mut haben, auf jeden Fall“, sagt Erich Trieb. „Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen.“

Dazu gehören wie bei Millionen anderer Menschen in Deutschland und der Welt zum Beispiel auch Kriegserlebnisse. Trieb kehrte erst zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Gefangenschaft in den USA in seine Heimat zurück. Zu den Dingen, „die man nehmen muss“, gehört auch, dass seine Ehefrau vor fast zehn Jahren und auch Tochter Li, die eigentlich Helma hieß und eine große Künstlerin war, vor fünf Jahren verstorben ist. „Und von meiner Schulklasse lebt auch kein Mensch mehr“, ergänzt der 100-Jährige. Alt werden hat auch was mit Abschied nehmen zu tun.

Erich Trieb auf der Dachterrasse seines Wohnhauses. Von hier blickt er auf den Garten und die umliegenden Häuser. - Foto: Jochen Dannenberg

Das Leben habe sich verändert, erzählt Erich Trieb. Früher sei er viel gereist, war in vielen Vereinen aktiv – unter anderem als Torwart, Faust- und Volleyballer sowie bei den Stockschützen. Außerdem war er Mitglied in drei verschiedenen Kegelclubs in Neustadt. „Aber das hat sich alles aufgehört“, stellt Erich Trieb fest. Seit fünf Jahren kommt er nicht mehr aus dem Haus. „Ich bin Diabetiker, die Muskulatur lässt nach“, erklärt er. Wieder so eine Sache, „die man nehmen muss“. Trotzdem klagt er nicht. „Die Dinge nehmen, wie sie kommen“ hat für Erich Trieb nicht nur die Bedeutung, dass man das Leben akzeptiert, sondern dass man auch das Beste daraus macht. Auch deshalb war er in vielen Vereinen aktiv und ist mit seiner Frau gerne ausgegangen. „Man muss das Leben genießen“, rät der 100-Jährige.

Leben in Büchern dokumentiert

Erich Trieb hat sein Leben bzw. das, was in seinem Leben wichtig war, in mehreren Büchern dokumentiert – die Geschichte des Hauses, in dem er seit Geburt an wohnt, die Kriegsgefangenschaft und die alten Ansichten von Neustadt. Dazu kommen unzählige Erinnerungen, zum Beispiel an die eigene Kindheit. Ein richtiges Schulhaus gab es damals nicht. Drei Klassen wurden im Rathaus in einem Raum unterrichtet, nebenan war das Büro des Bürgermeisters und die Feuerwehr war im Erdgeschoss untergebracht.

Erich Trieb ist geistig fit, er weiß, was geschieht und er erinnert sich genau, was früher war. Als Kind läutete er die Glocken und trat den Blasebalg, damit der Organist bei den Gottesdiensten auf der Orgel spielen konnte, erzählt er. Aber eben weil sich Erich Trieb noch so gut erinnert, sagt er auch: „Früher war es vielleicht nicht so hektisch wie heute, aber es geht uns heute besser.“

Dinge ändern sich, nichts ist für die Ewigkeit. Erich Trieb hat noch seinen Sohn, der lebt weit weg in Hamburg. Ein Pflegedienst kümmert sich deshalb um den Vater. Nach der Tochter ist jetzt ein Förderpreis für den künstlerischen Nachwuchs benannt worden, worauf der 100-Jährige stolz ist.

Ist Altwerden eine Kunst? Vielleicht ist es etwas anderes. Nicht einmal hat Erich Trieb im Gespräch mit dem Reporter gesagt, dass er einsam sei oder beklagt, dass er nicht so viel unterwegs sein könne wie früher. Möglicherweise ist die Antwort einfach die: Hochbetagte haben viel, sehr viel erlebt. Sie haben einen anderen, positiven Blick auf das Leben, auch wenn ihr eigenes nicht immer leicht war.