Aus dem Steinbruch in die neue Welt: Marchings Konzert mit dem besonderen Etwas

Von Lorenz Erl · 19. Juli 2026 um 17:00

Abgelegener als die Felsenbühne im Neustädter Ortsteil Marching wird kaum ein anderer Konzertort sein. Das Podium aus gewaltigen Monolithen vor einer 20 Meter aufragenden, aus dem Kalkgestein geschnittenen Felsenwand liegt kaum einsehbar inmitten von Feldern und Wäldern mitten im aktiv betriebenen Steinbruch. Und doch ist der Ort an diesem Abend das Ziel für 500 Musikbegeisterte – und der Ausgangspunkt für eine Reise zu fernen Ländern und Menschen.

Seit gut 20 Jahren betreten Musikerinnen und Musiker des Kammerorchesters Neustadt an der Donau jeweils am dritten Samstag im Juli kurz vor Einbruch der Dämmerung diese Natur-Bühne. Und ebenso lange leitet und dirigiert Reinhold Furtmeier diese Serenade im Steinbruch. Jedes Jahr findet er dafür ein neues Motto als Leitfaden.

Für die geographisch-musikalische Rundreise an diesem Samstagabend hat der hauptberufliche Musiklehrer des Gymnasiums Mainburg Kompositionen aus allen Himmelsrichtungen ausgewählt. Für das 50-köpfige Orchester – kaum einer von ihnen ist Berufsmusiker – sind die Werke des Italieners Ottorino Respighi, des Norwegers Edvard Grieg, des Tschechen Antonin Dvorák, des Ukrainers Myroslav Skoryk und des Russen Alexander Borodin ebenso eine reizvolle Herausforderung wie die des Engländers Albert W. Ketèlbey oder des Franzosen Camille Saint-Saëns zum Finale. Die Instrumentalisten hatten nur bei zwei Gemeinschaftsproben kurz vor Konzertbeginn die Möglichkeit, den Gesamtklang zu formen. „Die erste Probe ist erfahrungsgemäß zäh“, erzählt Furtmeier vorab im Gespräch mit unserer Zeitung.

Zudem haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Erstmals übernahm die Stadt Neustadt die Organisation der Serenade, nachdem die Pfarrei St. Laurentius als bisheriger Ausrichter das nicht mehr stemmen konnte. „Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die Serenade fortsetzen zu können“, sagte Bürgermeister Thomas Memmel (CSU) in seiner Begrüßung.

Den Grund, warum diese Serenade so einzigartig ist, spürten und erlebten alle in den folgenden beiden Stunden, auf den Stühlen vor der Felsenkulisse. Zwar ist die Akustik im Steinbruch, bei untergehender Sonne und dem erwachenden Sternenhimmel, ganz anders ist als in einem Konzertsaal und bedingt auch Abstriche. Aber genau dieses Zusammenspiel von unmittelbaren Natureinflüssen und den Klassik-Klängen des ausdrucksstarken Orchesters macht den Reiz des Abends aus.

Für die Musikerinnen und Musiker ist die Akustik im Steinbruch durchaus eine Herausforderung. - Foto: Erl

Dirigent und Orchester nutzen ihre Erfahrung, um die Herausforderungen des Ortes in ihre Intonation einzubinden. Die glatten Felswände reflektieren die Töne. Sie laden den machtvollen Bläsersätzen in Griegs „Huldigungsmarsch“ seiner Sigurd Jorsalfar-Komposition einen dominant-maskulinen Nachdruck auf, und sie geben den sanften Klängen des Englischhorns ausdrucksstarke Tiefe in Dvoráks Sinfonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“, bei der die Weite und Sentimentalität der Prärie förmlich spürbar wird.

In dieser musikalischen Weltreise zeigt das Orchester eindrucksvolle Wandlungsfähigkeit mit vielen bunten Gesichtern. Von der Grieg´schen einsamen Schwere des Nordens bis zu den quirligen Marktplätzen des Orients nehmen Furtmeier und seine Instrumentalisten die Zuhörer wie auf einem fliegenden Teppich aus Klängen schwerelos mit. Minutenlanger Schlussapplaus und die Forderung nach einer Zugabe sind der Lohn für dieses eindrucksvolle Klassik-Erlebnis an einem Ort, an dem sonst schwere Maschinen und schweißtreibende Arbeit dominieren.

Zwei Premieren in der Organisation der „Steinbruch-Serenade“

Erstmals hat die Stadt Neustadt die Organisation der längst bei Musikfreunden etablierten Serenade im Steinbruch von Marching übernommen. Und dabei erlebt, wie begehrt dieses klassische Musikevent ist. „Nur vier Stunden nach Start des Online-Ticketverkaufs waren alle 500 Karten weg“, berichtet Andrea Holzapfel Leiterin der Abteilung Kultur, Tourismus und Bildung im Rathaus. Die zusätzlich übernommene Organisationsaufgabe seit gut zu bewältigen gewesen, denn die Pfarrei als bisherige Ausrichterin habe sie und ihr Team gut unterstützt. „Ich fände es sehr wünschenswert, wenn wir das weitermachen könnten“, signalisiert sie die Bereitschaft zur Fortsetzung.

Nicht nur die Organisation samt Bestuhlung und Rahmenarbeiten lag in neuen Händen. Das Catering wurde erstmals vom Freizeit- und Kulturverein Bad Gögging gestemmt. „Unsere Vereinsmitglieder haben alle mitgezogen, und wir sind Catering in größerem Maßstab schon gewohnt“, versicherte Vorstandsmitglied Manuel Thoma mit Blick auf die gut versorgten Gäste.

Einer dieser Gäste war Landrat Christian Nerb (FW) mit seiner Frau. „Ich bin zum ersten Mal da und beeindruckt alleine schon von der Kulisse. Die Felswände geben einen tollen Klang und das Kammerorchester ist ein Genuss für die Ohren. Beeindruckt bin ich auch, dass Neustadt ein Kammerorchester hat“, freute sich der Landrat.

Für Neustadts Bürgermeister Thomas Memmel war es keine Frage, die Serenade weiter zu führen. „Da haben wir uns in der Pflicht gesehen, diese Konzertreihe ist einer unserer kulturellen Höhepunkte. Es kommen viele Besucher und ich bin froh um das Engagement von Reinhold Furtmeier“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Dass diese Konzerte im Steinbruch auch für die Musiker ein reizvolles Erlebnis sind, bestätigte die Mathematikerin Stefanie Hartmann, die im Orchester Oboe und Querflöte spielt. „Der Steinbruch hat eine ganz besondere Atmosphäre, da macht es gleich viel mehr Spaß zu spielen“, resümiert die Musikerin. Ihre Partituren hatte sie über Wochen zu Hause einstudiert und erst in den beiden Proben die Gemeinschaft erlebt. „Bei dieser besonderen Open-Air-Akustik im Steinbruch muss man noch besser als in einem Konzertsaal aufeinander hören und auf den Dirigenten schauen“, verrät sie.