„Es gibt kein Gegenmittel“: Kelheimer Tierärztin erklärt, wie das Gift der Blaualgen auf Hunde wirkt

Noch steht der offizielle Beweis aus. Doch ein Hund ist in Kelheim nach dem Bad in der Donau verstorben, mehrere sind erkrankt. Laura Hermes weiß, wie gefährlich Cyanobakterien für Vierbeiner sind.
Frau Hermes, mehrere Hunde waren zuletzt in Kelheim nach dem Baden in der Donau erkrankt, einer ist sogar gestorben. Wenn tatsächlich Blaualgen die Ursache waren, welche Symptome lösen sie aus?
Laura Hermes: Das Anatoxin A der Cyanobakterien wirkt cholinerg. Das bedeutet, dass einer der wichtigsten Botenstoffe des Körpers, Acetylcystein, von seinen Rezeptoren verdrängt wird und somit nicht mehr wirken kann. Acetylcystein steuert unter anderem Muskelbewegungen, Gehirn sowie Verdauung.
Gibt es Unterschiede zwischen reinem Hautkontakt und getrunkenem Wasser?
Hermes: Bei reinem Hautkontakt kann es zu lokalen Reizungen sowie Juckreiz kommen – hier kann es helfen, den Hund als Erstmaßnahme so schnell wie möglich mit klarem Leitungswasser abzuwaschen und dann einem Tierarzt vorzustellen.
Und wenn das Tier Wasser getrunken hätte...?
Hermes: Bei oraler Aufnahme treten die Symptome akut auf. Also bereits nach etwa 30 Minuten bis wenige Stunde später. Diese beginnen oft schon sehr stark, weil das Toxin stark auf das Nervensystem wirkt. Es kommt zu Bewegungsstörungen, Zuckungen und Krämpfen, Lähmungen und Atemlähmung. Außerdem treten teils vermehrter Speichel- und Tränenfluss sowie Atemnot und sehr hohe Körpertemperaturen auf. Es kann sehr schnell zum Herz-Kreislauf-Stillstand und zum Tod kommen. Zeit ist hierbei ein sehr wichtiger Faktor.
Können Hundehalter selbst Akutmaßnahmen ergreifen?
Hermes: Wenn das Tier noch schlucken kann, ist die Eingabe von Aktivkohle eine sinnvolle Erstmaßnahme, aber das Tier muss schnellstmöglich zum Tierarzt. Selbst mit schneller Behandlung ist die Prognose als sehr vorsichtig einzuschätzen.
Könnte man als Tierhalter darauf hoffen, dass geringe Dosen weniger kritisch sind?
Hermes: Bei geringeren Dosen des Toxins wirkt es systemisch auf verschiedene Organe. Es entstehen Schäden an Leber, Niere, Herz, Verdauungstrakt, Lunge, Thymus und Nebennieren. Klassische erste Symptome hier sind Erbrechen, Durchfall, Schwäche sowie Kreislaufstörungen, blasse beziehungsweise teilweise gelbe Schleimhäute. Diese Patienten gehören in intensivmedizinische tierärztliche Betreuung mit Infusion, Schockbehandlung und gezielter weiterer Therapie, gegebenenfalls sogar Dialyse.
Gibt es gegen das Gift der Blaualgen ein bestimmtes Gegenmittel?
Hermes: Leider nicht. Schnelles Handeln ist absolut entscheidend für die Überlebenschancen. Es gibt nichts, was die Vergiftung aufheben würde. Entsprechend müssen beim Tierarzt allgemeine Dekontaminierungsmaßnahmen durchgeführt werden, wie Aktivkohle, Infusion, Dialyse oder Magenspiegelung.
Das klingt gar nicht gut...
Hermes: Die Prognose ist grundsätzlich als schlecht einzuschätzen, aber von der Dosis abhängig. Grundsätzlich kann diese Vergiftung innerhalb sehr kurzer Zeit, binnen weniger Stunden, zum Tod führen. Das Beste ist Prophylaxe, sprich betroffene Gewässer zu meiden.
Das sagt das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL)
• Ab wann sind Blaualgen-Konzentrationen kritisch? Einige Arten der Cyanobakterien können laut LGL Giftstoffe, sog. Cyanobakterientoxine produzieren. Bei einem Massenvorkommen können die Toxine im Wasser hohe Konzentrationen erreichen. Bei einer oralen Aufnahme größerer Wassermengen kann es zu einer Schädigung der menschlichen Gesundheit kommen. Allerdings sind eindeutige Vergiftungsfälle von Menschen durch Aufnahme von Cyanobakterientoxinen beim Baden – im Gegensatz zu Vergiftungen von Wild- und Haustieren – laut LGL in Deutschland und Europa bislang nicht bekannt, heißt es aus München. Bei äußerem Kontakt mit Cyanobakterien können in Einzelfällen bei empfindlichen Personen zudem Haut- und Schleimhautreizungen auftreten. Ein Sicherheitsrisiko bei einem Cyanobakterien-Massenvorkommen stelle häufig die starke Trübung des Wassers dar: Oft sei die Sichttiefe im Wasserkörper dann stark eingeschränkt (bis auf wenige Zentimeter unterhalb der Wasseroberfläche). Für Hunde können Cyanobakterien tödlich sein, da sie beim Baden in und beim Trinken von stark belastetem Wasser größere Mengen aufnehmen können.
• Wie können Badende sich schützen? Warnhinweise und Verbote beachten, bei grünlich oder rot trübem Wasser bzw. bei Vorkommen einer auf der Oberfläche schwimmenden grünen oder roten Schicht Hautkontakt vermeiden, d.h. nicht ins Wasser gehen, Kinder vom Wasser fernhalten; Selbst prüfen: langsam knietief ins Wasser laufen, ohne das Sediment aufzuwirbeln: wenn die Füße nicht zu sehen sind, nicht baden!