Architekt Johannes Steidl prämiert: Ackerbürgerhaus erzählt Neunburgs Geschichte

Ein Haus kann viel erzählen. Das Ackerbürgerhaus Am Bügerl in Neunburg beherbergte über die Jahrhunderte Wirte, Metzger und sogar US-Soldaten. Vermutlich entstand es bereits im Spätmittelalter, auch der Maler und Chronist Georg Dorrer war zeitweise mit dem Gebäude verbunden. Heute lebt dort die Familie Sorgenfrei. Dass das geschichtsträchtige Haus erhalten blieb, ist einer aufwendigen – und nun ausgezeichneten – Sanierung zu verdanken.
Für Architekt Johannes Peter Steidl besitzt jede Immobilie ihre eigene Identität. Beim Ackerbürgerhaus zeigt sich diese vor allem durch seine Geschichte. Das Gebäude prägt das Stadtbild und fügt sich mit seiner mittelalterlichen Bausubstanz in die Altstadt ein. „Es kommen hier viele Leute vorbei, gerade auch Fußgänger“, erklärt Steidl. „Wir reden hier von einer ganz anderen Strahlkraft als bei einem Wohnhaus in einem Reihenhausviertel.“
Massive Wandpfeiler und aufgesetztes Mauerwerk an der Nordfassade deuten für Steidl darauf hin, dass das Haus vermutlich bis ins Spätmittelalter zurückreicht. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass das Viertel am Bügerl einst von Brauhäusern geprägt war. Auch die heute verrohrte Bachgasse erinnert daran: Früher floss dort ein Bach, den die Brauhäuser für ihre Arbeit benötigten.

Da das Gebäude weder herrschaftlich noch öffentlich genutzt wurde, existieren nur wenige historische Aufzeichnungen oder Abbildungen. Umso wichtiger wurden die Erkenntnisse der archäologischen Untersuchungen. „Wir haben Knochen gefunden“, erzählt Steidl. Menschliche Überreste waren darunter allerdings nicht. Die Tierknochen stammten von Abfällen, die einst in einer Abwurfgrube entsorgt wurden und später in der Verfüllschicht über dem Gewölbekeller wieder auftauchten.

Die Funde lieferten außerdem Hinweise auf die frühere Nutzung des Hauses. Offenbar lebten dort über längere Zeit mehrere Metzgerfamilien. Im 18. Jahrhundert ging das Anwesen schließlich an einen Johann Leberwurst über. „Der war aber leider kein Metzger, sondern Wagner“, sagt Steidl schmunzelnd.
Johannes Steidl leitet auch das Schwarzachtaler Heimatmuseum
Dass sich der 37-Jährige so intensiv mit der Geschichte des Hauses beschäftigt, kommt nicht von ungefähr. Steidl leitet mittlerweile das Schwarzachtaler Heimatmuseum. Sein Interesse an der Heimatgeschichte wurde ihm durch seinen Vater Michael Steidl, den Kreisheimatpfleger, mitgegeben. Nun hilft ihm das auch bei seiner Arbeit als Architekt. „Dadurch kann ich viele Zusammenhänge schneller begreifen“, sagt er. Bei einer Sanierung müsse aber auch die heutige Nutzung berücksichtigt werden. „In diesem Fall war es einfach, weil das Haus weiterhin zum Wohnen genutzt wird.“

Genau darauf ließen sich Christian und Verena Sorgenfrei ein. Vom Alter des Hauses ließen sie sich nicht abschrecken – im Gegenteil. Gerade seine Geschichte machte das Gebäude für sie besonders reizvoll. „Vor unserem Haus gibt es keine Wand, die gleich ist“, schwärmt Christian Sorgenfrei. Ein Haus von der Stange wäre für das Ehepaar nie infrage gekommen. Eine besondere Erinnerung bewahrt die Familie bis heute. Am 19. Juni 1893 brannte das Anwesen lichterloh. Dank bereits installierter Wasserleitungshydranten konnte das Gebäude gerettet werden. Die Rußspuren im Wohnzimmer ließ die Familie bewusst erhalten.
Für den Hausherren besitzt sein Gebäude zudem eine persönliche Bedeutung. „Christians Großeltern haben ihr Hofgut aufgrund ihrer Flucht aus der DDR nicht behalten können und sehr darunter gelitten, Heimat und Besitz aufgeben zu müssen“, erzählt Verena Sorgenfrei. Für ihren Mann bedeute das Ackerbürgerhaus deshalb auch ein Stück Rückkehr zu den eigenen Wurzeln.

Zu den bekanntesten Vorbesitzern zählt der Neunburger Stadtbürger Georg Dorrer. Er bewohnte das Gebäude vermutlich nicht, sondern verkaufte es kurze Zeit später wieder, da es bereits baufällig war. Dass Dorrer das Haus nicht dokumentierte, bedauert Steidl. Schließlich ist er für seine detaillierten Aufzeichnungen über Neunburg bekannt, die auch der Architekt regelmäßig für seine Arbeit nutzt.
Bis das Haus 2025 schließlich komplett bezugsfertig war, war es ein langer Weg. Die Sanierung begann 2020 und wurde durch die Corona-Pandemie erschwert. Vor allem Handwerker waren schwer zu bekommen. „Wir dachten, wir schreiben die Arbeiten aus und die Unternehmen reißen sich darum“, erinnert sich Steidl. Doch viele Betriebe seien ausgelastet gewesen, gleichzeitig stiegen die Holzpreise.

Der Aufwand zahlte sich dennoch aus. Die Bayerische Architektenkammer nahm das Projekt in die Architektouren 2026 auf. Zusätzlich erhielt die Sanierung das KlimaKulturKompetenz-Prädikat in der Kategorie „Weitere Aspekte der Nachhaltigkeit“.
Architekt Steidl setzt bei Restauration auf nachhaltige und regionale Baustoffe
Nachhaltigkeit bedeutet für den Architekten vor allem, auf regionale Baustoffe und langlebige Materialien zu setzen. Gleichzeitig blieb möglichst viel historische Substanz erhalten: Türen wurden restauriert oder nach alten Vorbildern gefertigt. Eine besondere Herausforderung stellte das fehlende Tageslicht dar, da die Südseite des Hauses durch einen Anbau verschlossen ist. Deshalb wurden die Fenster überwiegend an der Nordfassade platziert. Dadurch entstanden ungewöhnliche Raumgeometrien – die Galerie im Obergeschoss wurde für Steidl dennoch zu einem der Lieblingsorte des Hauses.

„Wir haben quasi einem anderen Haus, das keinen mehr hatte, wieder zum Leben verholfen“, sagt Verena Sorgenfrei. Auch Theo Männer, der zum Beginn des Projekts noch Heimatpfleger der Stadt Neunburg war, ist von der Sanierung begeistert: „Es freut mich, dass die Familie Sorgenfrei sich zusammen mit Steidl als Architekten der Sanierung des Gebäudes angenommen hat.“ So bleibe ein Stück Neunburger Geschichte auch für kommende Generationen erhalten.