Verurteilter Dealer in Rollstuhl: Spezialkräfte verhindern Gefangenenbefreiung in Landshut

Von André Baumgarten · 9. Juli 2026 um 12:09

Elf Tage nach seiner Verurteilung in Amberg sorgt ein Ukrainer (49) für Wirbel. Der Sohn des Drogendealers mit Bezügen nach Schwandorf (Oberpfalz) plante wohl, seinen Vater zu befreien. Doch die Ermittler kamen dem 25-Jährigen und einem Helfer (23) zuvor – denn der Ältere war längst im Fokus, wie die Staatsanwaltschaft bestätigt.

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Ende Juni wird ein Ukrainer als Teil einer internationalen Drogenbande in Amberg verurteilt – elf Tage später macht der 49-Jährige erneut Schlagzeilen. Spezialkräfte rücken am Montag in Landshut an, um ihn nach einem wohl vorgetäuschten Herzinfarkt zurück ins Gefängnis zu bringen. Hinter dem Großeinsatz samt Hubschrauber steckt weit mehr: Der Sohn von Victor C. und ein Helfer sollen Vorbereitungen getroffen haben, um den Mann womöglich mit Waffengewalt zu befreien. Die Staatsanwaltschaft in Amberg bestätigt Ermittlungen und den Zugriff.

Bilder und ein Video in Sozialen Medien zeigen den martialisch anmutenden Einsatz am Landshuter Klinikum. Vermummte Beamte, die Maschinengewehre im Anschlag, sichern das Gelände in alle Richtungen ab. Im Pulk der Beamten ist Victor C., gefesselt an einen Rollstuhl. Er wird zum Polizeihubschrauber gebracht, von dem sich zuvor die Einsatzkräfte am Klinikum abgeseilt hatten. Die Rotoren der Maschine laufen noch. Zunächst war wenig zu dem Einsatz bekannt geworden.

Und das Klinikum ist nicht der einzige Ort gewesen, wo am Montag Ungewöhnliches passiert: Nahe der JVA in Landshut nimmt das Mobile Einsatzkommando (MEK) Südbayern zudem zwei Männer fest. Sie sitzen mittlerweile in U-Haft, wie Oberstaatsanwalt Carsten Reichel sagt. Am Tag nach der Verhaftung seien sie dem Haftrichter des Amtsgerichts Amberg vorgeführt worden.

Dringender Tatverdacht: versuchte Gefangenenbefreiung

Wegen des „dringenden Tatverdachtes der versuchten Gefangenenbefreiung“ seien Haftbefehle ergangen, teilt der Sprecher der Amberger Staatsanwaltschaft mit. Die 23 und 25 Jahre alten Tatverdächtigen sollen „den Versuch unternommen haben, einen 49-jährigen Ukrainer zu befreien“, heißt es weiter. Details könne man aufgrund der laufenden Ermittlungen, die wohl das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) führt, nicht preisgeben. Die Männer seien ukrainisch, deutsche sowie ukrainisch-ungarische Staatsangehörige. Recherchen der Mediengruppe Bayern belegen: Der Ältere der Verhafteten ist der Sohn des Gefangenen.

Victor C. (vorn, weißes Shirt, im Gespräch mit seinen Strafverteidiger Jörg Jendricke) beim Prozessauftakt im Drogenverfahren in Amberg. - Foto: Baumgarten

Der wiederum ist kein Unbekannter: Wegen schweren Raubes hatte er in Weiden zehn Jahre Haft kassiert, war Jahre später in die Ukraine abgeschoben worden und wenig später wohl illegal zurückgekehrt – offenbar, um sich sofort einer Bande anzuschließen, der Ermittler im Oktober 2024 das Handwerk legten. Drogen im Kilobereich und auch Waffen soll die Gruppe von Schwandorf aus quer durch ganz Deutschland verkauft haben. Nach einem riesigen Drogen- und Waffenfund in Contwig (Rheinland-Pfalz) hatten Spezialkräfte in Maxhütte-Haidhof (Lkr. Schwandorf) bei einer Razzia zugegriffen.

Der Kopf besagter Bande, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet wird, wurde in einem Mammut-Prozess vom Landgericht in Amberg zu zwölf Jahren verurteilt. Er hatte nach zig Verhandlungstagen ein spätes Geständnis abgelegt. Nur getrennt durch eine Anwältin saß Victor C. neben ihm in selber Reihe. Der 49-Jährigen aber hatte bis zuletzt alles bestritten – „einfach ein Märchen“, sagte das Gericht am Ende dazu.

Crystal, Koks und Kalaschnikows im Angebot

Ihr Fall sorgte in der Oberpfalz und weit darüber hinaus für Schlagzeilen. Denn die Bande agierte international. Monatelang brauchten die Ermittler, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Ein verwanztes Leihauto, in dem sie völlig offen sprachen, war der Durchbruch. Die Mitschnitte im Audi zeigten, wie tief die Bande in die Welt von Crystal Meth, Koks, Kalaschnikows und sogar Handgranaten vernetzt war. Auch Bezüge zur Rockergruppe Hells Angels kamen dabei ans Licht.

Wie Oberstaatsanwalt Reichel nun bestätigt, ist der 25-jährige Sohn der Nummer 2 der Drogenbande schon länger im Visier. Gegen ihn sei bereits „wegen Handeltreibens und Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“ ermittelt worden – offenbar auch in dem Fall, wegen dem seinen Vater im Mammut-Prozess in Amberg zu elf Jahren Gefängnis verurteilte wurde. Ein Haftbefehl gegen den Sohn habe bereits existiert und sei nun um eine „versuchte Gefangenenbefreiung erweitert“ worden.

Der Vater des Älteren war laut der Staatsanwaltschaft am Sonntagabend „aufgrund eines mutmaßlich vorgetäuschten medizinischen Notfalls von der JVA Landshut zunächst in das Klinikum Landshut verlegt“ worden. Offenbar hatte der Häftling am Sonntag Medikamente eingenommen, um damit einen Notfall vorzutäuschen. Daraufhin kam er in die Klinik. Dort sollte – so die Hypothese der Ermittler – die geplante Befreiungsaktion stattfinden. Einige Medien berichten von einer geplanten Geiselnahme.

Victor C. „wohnt“ nun in einer anderen JVA

Wie genau man von den Plänen erfuhr, den 49-Jährigen zu befreien, ließ Oberstaatsanwalt Reichel offen. Nachdem der 25-Jährige schon zur Festnahme ausgeschrieben war, könnten womöglich auch Zielfahnder des BLKA ihn aufgespürt und mitgehört haben. Mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen wurden auch diese Fragen nicht beantwortet. Die weiteren Ermittlungen müssten abgewartet werden. Reichel: „Hinsichtlich sämtlicher Beteiligter gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.“

Statt wieder zurück in die JVA Landshut soll Victor C. nun in ein Hochsicherheitsgefängnis in Bayern verlegt worden sein, heißt es weiter. Offiziell bestätigt wird auch das nicht; lediglich von einer „bayerischen Justizvollzugsanstalt“, explizit aber nicht Landshut, ist die Rede.