Langer Weg zur Anerkennung: Maurice Alhelwa aus Syrien will endlich Arzt sein dürfen

Er hat schon in Syrien in einem Krankenhaus gearbeitet, sammelt jetzt im Blindeninstitut in Hemau (Landkreis Regensburg) Erfahrungen im deutschen Gesundheitssystem und hat innerhalb kurzer Zeit die Prüfung für Medizin-Fachsprache bestanden: Maurice Alhelwa tut alles für seinen Traum. Der 29-Jährige will in Deutschland als Arzt durchstarten. Eigentlich dürfte er bereits Assistenzart sein. Wegen Stellenmangel und langer Wartezeiten braucht er aber Geduld.
„Ich bin eben gerne unter Menschen und mag es, zu helfen“, erklärt Alhelwa seien Berufswunsch ganz banal. Anfang März 2025 ist er mit einem Visum nach Deutschland gekommen, um seine ärztliche Qualifikation anerkennen zu lassen. Nicht als Flüchtling also, sondern auf dem Bildungsweg. Seit Januar lebt er in Hemau, zieht jedoch aktuell nach Regensburg um.
In seiner kurzen Zeit in Deutschland hat Alhelwa –so scheint es – aber auch schon Bekanntschaft mit zwei eher unliebsamen landestypischen Phänomenen gemacht: Bürokratie und langen Wartezeiten. Denn im April hat er die FSP, die Fachsprachenprüfung für Medizin, bestanden. Jetzt steht noch die Kenntnisprüfung an. Doch ein Termin lässt auf sich warten. „Im Durchschnitt wartet man eineinhalb Jahre“, sagt er.
Eine Sache beschäftigt den angehenden Arzt, der in einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus aufgewachsen ist, aber noch mehr als das lange Warten: die Lücke, die er zwischen dem offiziellen Anerkennungsweg und der Praxis beobachtet. Maurice Alhelwa erklärt: „Auf dem Papier hat man nach der Fachsprachenprüfung das Recht, als Assistenzarzt unter Aufsicht zu arbeiten.“
Das sei der vorgesehene Weg, um das deutsche Gesundheitssystem kennenzulernen und sich darin zu integrieren. „In der Realität aber finden die meisten von uns keine Stelle in einem Krankenhaus.“ Es gebe kaum offene Stellen für Ärzte und kaum strukturierte Programme zur Einarbeitung. Das Ergebnis: Viele angehende Ärzte aus dem Ausland warten jahrelang auf ihre Anerkennung, ohne jemals einen deutschen Patienten behandelt zu haben. Für Maurice Alhelwa ist allerdings klar: „Das eigentliche Lernen beginnt im Krankenhaus, nicht im Lehrbuch.“ Aus seiner Sicht wäre es für alle besser, wenn es klare, strukturierte Programme gibt, die ausländische Ärzte schrittweise ins System einführen.
Es gibt kaum offene Stellen für Ärzte mit Berufserlaubnis und kaum strukturierte Programme zur EinarbeitungMaurice Alhelwa, angehender Arzt aus Syrien
Aktuell steckt der 29-Jährige seine ganze Energie in die Anerkennung und die Integration. „Das ist mein Fokus. Ich wünsche mir, dass ich irgendwann die Früchte dieser Arbeit sehe.“ Denn sein Ziel sei es definitiv, in Deutschland zu bleiben und dort langfristig zu arbeiten – idealerweise im Bereich Innere Medizin. „Das ist mein Hintergrund aus Syrien. Aber ich bin auch für andere Fachbereiche offen.“ Wo genau Alhelwa einmal arbeiten wird, steht in den Sternen. Es würden viele angehende Ärzte aus dem Ausland intensiv nach einer Stelle im Krankenhaus suchen. Das sei nicht immer einfach. „Man muss dorthin gehen, wo es Möglichkeiten gibt, manchmal sogar in ein anderes Bundesland“, sagt Alhelwa – auch wenn es ihm in Hemau gut gefällt.
Die Gegend sei ruhig und schön und die Menschen nett, freundlich und hilfsbereit. Was Alhelwa aber besonders aufgefallen ist: „Die Leute lächeln mich auf der Straße an und grüßen, obwohl sie mich nicht kennen.“ Und noch etwas trägt dazu bei, dass er sich wohl fühlt: der bayerische Dialekt. Der sei zwar komplett anders als das Deutsch, das man als Ausländer gelernt hat, bemerkt Alhelwa. „Aber ich finde ihn schön. Bayerisch hat einen besonderen Klang, der lebendig und natürlich wirkt.“ Auch aus diesen Gründen hat sich Maurice Alhelwa im Hemauer Blindeninstitut sofort wohl gefühlt. Auf die Einrichtung ist er über einen Verwandten aufmerksam geworden. „Dann habe ich mich beworben, wurde angenommen und bin nach Hemau gezogen.“
Die Leitung habe ihm dann auch eine Wohnung im Bleicher-Anwesen organisiert. „Das weiß ich sehr zu schätzen.“ Im Blindeninstitut arbeitet Alhelwa im Bereich Pflege und Betreuung. Er unterstütze die Bewohner im Alltag und sei für ihr Wohlbefinden da. „Ich komme gut mit den Klienten zurecht“, erzählt der 29-Jährige. Zwar sei die Kommunikation manchmal schwierig, aber er versuche immer, einfühlsam und geduldig zu sein. „Und gleichzeitig sammle ich praktische Erfahrungen und verstehe das deutsche Arbeitssystem Schritt für Schritt.“ Denn im Vergleich zu Syrien gibt es durchaus Unterschiede. Anders als dort ist Pflege in Deutschland ein richtiger Beruf – samt Ausbildung und Struktur.
In Syrien gebe es kein umfassendes System. „Pflege läuft dort hauptsächlich über die Familie.“ Das hat für Maurice Alhelwa auch etwas Schönes. „Wer von seinen Liebsten gepflegt wird, fühlt sich innerlich besser“, findet er. In Deutschland funktioniere zwar alles sehr professionell, „aber diese familiäre Nähe fehlt manchmal. Und ich glaube, das merkt man auch bei den Menschen, die gepflegt werden.“
Nachbarschaftshilfe unterstützt ihn:
• Organisation: Kurz vorm Umzug nach Regensburg hat Maurice Alhelwa Kontakt zur Hemauer Nachbarschaftshilfe geknüpft. Sie organisieren ihm ein Auto für den Umzug und haben ihn vielen Menschen vorgestellt. „Ich wünschte, ich hätte sie eher getroffen“, sagt er.
• Möbel: Vor Kurzem veranstaltete die Nachbarschaftshilfe einen Tag der offenen Tür in ihrem Lager im Bleicher-Anwesen. Dort wurden gebrauchte Möbel kostenlos an Bedürftige und Geflüchtete weitergegeben. Alhelwa, der fünf Monate im Bleicher-Anwesen wohnte, war auch vor Ort. Dort lernte er auch den dritten Bürgermeister Franz Greipl kennen, der sich von Alhelwas Geschichte sehr beeindruckt zeigte.