Drei Drogentote in Cham: Angeklagter schweigt zum Auftakt des Prozess-Marathons

Von Melissa Kutscher · 6. Juli 2026 um 17:58

Am Osterwochenende vergangenen Jahres trafen sich mehrere Personen in einer Wohnung in Cham. Zwei Tage später wird an der Tankstelle ein Toter aufgefunden, einen Tag darauf folgen zwei weitere Leichen. Sie alle hatten eine Dosis unverschnittenes – also sehr reines – Heroin konsumiert. Eine Dosis, die der menschliche Körper nicht verkraften kann. Unter dem Vorsitz von Richter Thomas Polnik soll im Laufe von sieben bisher angesetzten Verhandlungsterminen von einem Schwurgericht festgestellt werden, wer die Schuld am Tod dieser Menschen trägt – falls es einen Schuldigen gibt.

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Er ist blass, hat eingefallene Augen und Wangen und wirkt etwas nervös. Der 43-jährige Angeklagte, bei dem es sich um den mutmaßlichen Dealer der tödlichen Droge handelt, sagte während des ersten Prozesstages kein einziges Wort. Dies ließ Dr. Carolin Arnemann, die zusammen mit Julian Wunderlich die Verteidigung des Angeklagten übernimmt, bereits zu Beginn des Prozesses verlauten.

Eine Dosis, die kaum jemand überlebt hätte

Vorgeworfen wird dem 44-Jährigen, dass er an die Verstorbenen unverschnittenes Heroin mit einem Wirkstoffgehalt von 44 Prozent Heroinhydrochiorid in dem Bewusstsein verkauft hat, dass eine Dosis davon sowohl für unregelmäßige als auch regelmäßige Nutzer tödlich enden kann. Zum Vergleich: Der zentrale Mittelwert der Heroin-Datensätze aus dem Datenjahr 2024/2025 lag laut der Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA) bei einem Wirkstoffgehalt von „nur“ 11,9 Prozent. Außerdem soll er bei dem Konsum anwesend gewesen sein und generell mit Heroin und Cannabis gehandelt haben.

Zur Anklage: Drei Drogentote in Cham: Am Montag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Dealer

Gefunden worden war damals zunächst ein Opfer, ein Anfang 30-Jähriger, an einer Tankstelle in Cham. Erst einen Tag später waren die beiden anderen Leichen in der Wohnung eines der Opfer gefunden worden.

Der Tod der drei recht jungen Leute in Cham erschütterte die Stadt, die dortige Drogenszene und natürlich auch die Angehörigen der Opfer, wie beim Prozess am Montag nochmals deutlich wurde.

Es ist die Aufgabe des Prozesses, herauszufinden, wer der Verantwortliche ist - wenn es einen gibt.Richter Thomas Polnik

Verhört wurden fünf Zeugen, die auf verschiedene Weisen mit den Verstorbenen und teilweise mit dem Angeklagten bekannt waren. Darunter war das Paar, das zwei der Opfer aufgefunden hatte. Bei einem davon habe es sich um einen Bekannten des Paares gehandelt. Er habe an seinem vermutlichen Todestag noch einen Fahrer gesucht, um Heroin kaufen zu können. Nachdem das erste Opfer an der Tankstelle gefunden worden war, hätten sie sich Sorgen gemacht.

Sie hätten versucht, ihren Freund zu kontaktieren, ihn zu warnen – „Wenn du dasselbe Zeug hast, fass das nicht an!“ –, doch er habe nicht reagiert. Daraufhin seien die beiden zu ihm gefahren, hätten geklopft und geklingelt, jedoch ohne Reaktion. Sie hätten sich von einem Freund also einen Schlüssel zur Wohnung geben lassen. „Das ist natürlich blöd, aber mein Gefühl hat mich einfach nicht losgelassen“, berichtete die Zeugin. Beim Betreten der Wohnung hätte sie zuerst die weibliche Tote entdeckt, ihr Freund dann den Bekannten im Nebenzimmer.

„Detektivarbeit“ von Angehörigen und Freunden der Opfer

Die Schwester des weiblichen Opfers sagte ebenfalls am Montag aus. Sie hatte maßgeblich zur Rekonstruktion der Nacht beigetragen, in der das Heroin konsumiert worden war. Dies hatte sie durch beinahe detektivische Arbeit erzielt: Mit der Hilfe von Freunden und ihrem Bruder habe sie den Snapchat-Account ihrer verstorbenen Schwester gehackt und darin Bilder und Videos aus der Nacht gefunden. Darauf sei zu sehen gewesen, dass sich nicht nur die drei Toten, sondern insgesamt sechs Personen in der Wohnung des Opfers aufgehalten hatten.

Eine denkwürdige Aussage lieferte der beste Freund des Mannes, der an der Tankstelle aufgefunden worden war. Nachdem der Angeklagte ihm den Mittelfinger gezeigt hatte, drohte der Zeuge ihm, noch bevor er seine Aussage gemacht hatte: „Das Gefängnis ist momentan sein einziger Schutz.“ Er habe damals durch „Ermittlungsarbeit“, wie es der Richter bezeichnete, herausgefunden, dass es der Angeklagte gewesen sei, der den Opfern das Heroin verkauft habe. Fortgesetzt wird der Prozess am Donnerstag.