Missbrauch im Kloster Rohr: Viele Betroffene und Angehörige melden sich

Von Martin Rutrecht · 1. Juli 2026 um 19:00

Dass es in Internat und Gymnasium des Benediktinerklosters Rohr in Niederbayern (Landkreis Kelheim) über Jahrzehnte Übergriffe von Patres auf Schüler gab, ist inzwischen unstrittig. Das Ausmaß untersucht aktuell eine Aufarbeitungsstudie. „Viele Betroffene“ hätten sich bereits gemeldet, erklärt die Projektleiterin und spricht von Missbrauch „auch in sehr massiver Weise“.

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Sexuelle, körperliche und seelische Gewalt: Schutzlos waren Schüler den Übergriffen von Benediktiner-Mönchen in Rohr ausgeliefert. Der Zeitraum von Ende der 1940er-Jahre, als Patres das Kloster wieder besiedelten, bis in die 2000er-Jahre liegt im Blick der Aufarbeitung von „sexualisierter Gewalt und Menschenrechtsverletzungen“ in Schule und Internat (geschlossen 2011).

„Ich will das wirklich wissen. Das Leid der Opfer soll endlich gesehen werden“, hatte Abt Markus Eller, Abtpräses der Bayerischen Benediktinerkongregation und Administrator des Klosters, beim Start der Studie Ende Februar betont und „die schrecklichen Taten und den nicht korrekten Umgang mit Betroffenen zutiefst bedauert“. Geschädigte und weitere Zeitzeugen wurden aufgerufen, mit ihren Schilderungen zur Aufklärung beizutragen.

Auch Geschwister und Mütter wollen Aufklärung

Bis dahin hatte die Klostergemeinschaft in Rohr „ihre Verantwortlichkeit nicht angemessen wahrgenommen“, räumte der Abt ein. Schon 1976 wurde ein Fall sexuellen Missbrauchs angezeigt, weitere in 2002 und 2003. Gerichtsverfahren mündeten in Urteilen gegen drei Patres. Bei weiteren gemeldeten Fällen blieben gerichtliche Schritte wegen Verjährung der Taten oder wegen des Ablebens der Beschuldigten aus.

Etwa vier Monate nach Beginn der Aufarbeitung und dem Aufruf spricht Projektleiterin Prof. Dr. Annette Eberle von „bislang rund 30 Personen“, die sich gemeldet hätten. Darunter seien nicht nur Betroffene, die Gewalt und sexuellen Missbrauch „auch in sehr massiver Weise“ erlitten hätten, sondern auch damalige Mitschüler, die teils etwas mitbekamen. „Gemeldet haben sich auch Mütter, deren Kinder an Schule und Internat waren, und Geschwister.“ Für Eberle ist das Beleg dafür, „dass die Geschehnisse ganze Familien stark beeinträchtigt haben“.

Die Historikerin Annette Eberle spricht mit Geschädigten und Angehörigen; rechts Abt Markus Eller, Administrator des Klosters Rohr. - Foto: Rutrecht

Für eine konkrete Zahl an Opfern sei es noch viel zu früh. Die Studie ist auf etwa zwei Jahre angelegt. Die Historikerin hat schon Gespräche mit einzelnen Betroffenen und Angehörigen geführt. Ihr Eindruck: „Es gibt Hinweise, dass unterschiedlichen Schüler-Generationen viel und gravierendes Unrecht geschehen ist.“ Noch Jahrzehnte später wollen ehemalige Schüler darüber sprechen. Die zugesicherte Anonymität schaffe eine Vertrauensbasis, so Eberle.

Gegen Ende des Jahres sollen Treffen in Form einer Schreib- und Dialogwerkstatt abgehalten werden. Die Betroffenen können in geschütztem Rahmen eigene Erfahrungen mit anderen Interessierten teilen, besprechen und auch niederschreiben. Die Sicht der Geschädigten und die Folgen des Leids sind wichtiger Teil der Studie.

Die Münchner Professorin nähert sich der gesamten Thematik auch über die Auswertung von Zeitdokumenten. „Dabei geht es um Akten aus dem Kloster oder dem Internat, auch um Schriftverkehr der für Schule und Internat weiter verantwortlichen Institutionen.“ Auch das Diözesanarchiv möchte sie bemühen.

Abt Markus Eller hält sich aus „unabhängiger Arbeit“ raus

Eberle will herausarbeiten, in welcher Form und in welchem Umfang Menschenrechtsverletzungen verübt wurden, was davon geduldet oder vertuscht wurde und wo die Verantwortlichkeiten lagen. „Es gilt alles zu finden, was zum Erkenntnisgewinn beiträgt. Wir möchten alle, die zur Aufklärung beitragen können, weiterhin einladen, sich bei uns zu melden.“

Abt Eller sagt dazu: „Wenn Professorin Eberle Unterstützung und Informationen von meiner Seite braucht, dann bekommt sie diese, vorausgesetzt ich kann diese Informationen liefern.“ Da die Aufarbeitung „als unabhängige Arbeit in Auftrag gegeben wurde, werde ich diese nicht kommentieren und auch keinen Einfluss darauf nehmen“, erklärt Eller auf die Frage nach einem Zwischenfazit. Er habe keine Kenntnis über die bisherigen Ergebnisse. „Gegenüber den Betroffenen ist Vertraulichkeit zugesichert. Ich weiß nur, dass die Arbeit läuft und das ist gut so.“

Die Zahlung von Entschädigungen an Opfer für erlittenes Leid ist nicht Aufgabe der Studie. Dazu hat die Ordensgemeinschaft inzwischen ein eigenes Gremium für Anerkennungsleistungen eingerichtet. Die Höhe der Entschädigung beträgt maximal 50.000 Euro, erklärte der Abt bereits.

Betroffene können sich melden, Hinweise werden anonym behandelt

■ Aufruf: Betroffene, Angehörige und Zeitzeugen können sich an Annette Eberle wenden. Alle Hinweise werden anonym behandelt.

■ Kontakt: Telefon 0177/ 4786628; E-Mail: annette.eberle@ksh-m.de; Internet auf der Website der Plattform Aufarbeitung-Orden.