Schüler und Eltern begeistert: An der Johann-Turmair-Realschule wurde aus Hitzefrei ein Konzept

Von Louis Schroeder · 24. Juni 2026 um 17:00

Hitzefrei ist an bayerischen Schulen inzwischen eine Seltenheit. Umso bemerkenswerter ist die Entscheidung der Johann-Turmair-Realschule in Abensberg, den Unterricht vorzeitig zu beenden. Dahinter steckt jedoch keine Rückkehr eines alten Rituals, sondern ein neues Hitzeschutzkonzept.

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Kurz nach halb zwölf packen die Schüler ihre Sachen zusammen. Normalerweise würden jetzt noch zwei Unterrichtsstunden folgen - aber für heute ist früher Schluss. Einige machen sich auf den Heimweg, andere bleiben noch im Schatten des Schulhofs stehen.

„In der sechsten Stunde geht eigentlich gar nichts mehr. Es ist einfach so warm und alles klebt“, sagt Sophia Karl aus der neunten Klasse. Wer an diesem Vormittag durch das Schulhaus geht, versteht schnell, warum Hitzeschutz an Schulen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Draußen zeigt das Thermometer deutlich über 33 Grad. Im zweiten Stock hat sich die Wärme über Tage im Gebäude gestaut. Trotz geschlossener Jalousien ist es in vielen Klassenzimmern drückend heiß.

Manche Klassenzimmer an heißen Tagen grenzwertig

„Es wird so stickig und dunkel im Klassenzimmer. Dann kann man sich gar nicht mehr richtig konzentrieren“, schildert Marie Krienke aus der fünften Klasse.Auch Lehrkräfte spüren die Belastung. „Irgendwann merkt man einfach: Es geht nicht mehr. Wir versuchen, viel zu trinken, Räume zu wechseln oder nach draußen auszuweichen. Aber manche Klassenzimmer sind an heißen Tagen einfach grenzwertig“, sagt Lehrerin Christina Kobl.

Hitzefrei ist inzwischen eine Seltenheit. - Foto: Jan Woitas/dpa

Für Schulleiter Dr. Peter Spateneder ist das der entscheidende Punkt: „Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrkräfte. Und Gesundheitsschutz ist die Voraussetzung für guten Unterricht.“

Während laut Spateneder zu Recht über Hitzeschutz in Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Betrieben intensiv diskutiert werde, kämen Schulen jedoch kaum vor. „Dabei sitzen dort an heißen Tagen rund 25 Kinder stundenlang in aufgeheizten Klassenzimmern. Dass Schulen in dieser Debatte kaum vorkommen, halte ich für einen blinden Fleck.“

Kinder und Jugendliche reagieren auf Hitze oft mit Kopfschmerzen, Erschöpfung, Konzentrationsproblemen oder Kreislaufbeschwerden. Während Beschäftigte ab 30 Grad Raumtemperatur durch den Arbeitgeber geschützt werden müssen, existieren für Klassenzimmer bislang keine vergleichbaren Vorgaben. An diesem Punkt geht es längst nicht mehr nur um angenehmen Unterricht. Es geht um die Frage, ob Lernen unter diesen Bedingungen überhaupt noch sinnvoll möglich ist, sagt Spateneder.

Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrkräfte. Und Gesundheitsschutz ist die Voraussetzung für guten Unterricht.Dr. Peter Spateneder, Schulleiter der Johann-Turmair-Realschule in Abensberg

Das Abensberger Konzept beginnt deshalb lange vor möglichem Hitzefrei. Bereits zwischen 7 und 8 Uhr werden die Klassenräume intensiv quergelüftet. Danach bleiben Jalousien geschlossen, Trinkpausen werden erleichtert und möglichst kühle Räume genutzt.

Steigt die Belastung weiter, folgen zusätzliche Maßnahmen: kürzere Unterrichtseinheiten, mehr Pausen, Unterricht im Freien oder der Wechsel in kühlere Räume. Besonders aufgeheizte Klassenzimmer werden ganz geräumt.

Das Konzept arbeitet mit vier Eskalationsstufen und orientiert sich an Wetterprognosen, Gebäudetemperaturen und den organisatorischen Möglichkeiten der Schule. „Es geht uns nicht darum, möglichst viel Unterricht ausfallen zu lassen. Unser Ziel ist, Unterricht auch bei großer Hitze so lange wie sinnvoll möglich zu ermöglichen“, sagt der Schulleiter.

Schulleiter Spateneder sorgt für Abkühlung. - Foto: Peter Beischl

Vorsorge, Schatten, Pausen und Raumwechsel

Ein sichtbarer Baustein des Konzepts ist der Innenhof. Dort sorgen Kühlgeräte mit feinem Sprühnebel an heißen Tagen für Abkühlung. Pausen und einzelne Unterrichtseinheiten können dorthin verlegt werden.

Christian Ceglarek, Ministerialbeauftragter der Realschulen in Niederbayern, lobt das Konzept: „Das kann ich 1:1 unterstützen. Es ist eine gelungene Umsetzung und sicherlich auch auf andere Schulen übertragbar.“

Wenn Vorsorge, Schatten, Pausen und Raumwechsel nicht mehr ausreichen, sind verkürzte Unterrichtszeiten oder Hitzefrei vorgesehen. Im äußersten Fall ist sogar vorübergehender Distanzunterricht möglich. Schüler, die zuhause keine geeigneten Lernbedingungen haben oder Betreuung benötigen, können in der Schule arbeiten.

„Ich bin total begeistert von diesem Hitzeschutzkonzept. Ich kenne viele Eltern an anderen Schulen – so etwas gibt es dort bisher nicht“, sagt Elternbeiratsvorsitzende Heike Teubl. Besonders wichtig sei ihr, dass das Thema auch zuhause ankomme. „Wenn die Schule sagt: Denk an zwei Wasserflaschen und eine Kappe, dann kommt das bei meinem Sohn viel besser an, als wenn ich es sage.“

Der Unterricht im Schatten draußen macht den Schülerinnen und Schülern der Johann-Turmair-Realschule in Abensberg Spaß. - Foto: Louis Schroeder

Auch am Donau-Gymnasium Kelheim (DGK) und am Gabelsberger Gymnasium Mainburg (GGM) kämpft man mit der Hitze. „Hitzefrei wird immer mehr für uns zum Thema“, sagt Sylvia Ettlinger, die Schulleiterin des DGK.

„Hitzeschutz hat für uns höchste Priorität“, berichtet Susanne Poppe, Schulleiterin des GGM. Auch in den Grundschulen berichtet man von den hohen, teils unerträglichen Temperaturen in den Klassenzimmern. Schulleiter Norbert Nadler von der Grundschule in Neustadt erklärt, dass auch dort nach fünf Stunden Schluss ist. Im zweiten Obergeschoss ist es zu heiß, um Unterricht zuhalten, und da es draußen nicht genügend Schattenplätze gibt, bleibt Hitzefrei die letzte Lösung. „Natürlich bieten wir bis 16 Uhr weiterhin Betreuung für die Kinder an.“

Ähnlich läuft es an der Grundschule Painten: Schulleiterin Carola Schaller erklärt, dass man Hitzefrei organisatorisch mit Eltern abkläre. „Die Kinder sollen lieber ins Freibad. Das haben sie sich verdient bei der Hitze“, sagt sie am Telefon.

Konrektor Daniel Forster und Schulleiter Dr. Peter Spateneder - Foto: Louis Schroeder

Die Johann-Turmair-Realschule versteht den Hitzeschutz als lernenden Prozess. Das Konzept sei noch nicht fertig. „Nicht alles wird gleich zu Beginn perfekt funktionieren“, so Schulleiter Spateneder. Nach dem Sommer sollen deshalb die Erfahrungen ausgewertet und die Maßnahmen gemeinsam weiterentwickelt werden.