Gewitterzelle flutete Schwandorf: „Und dann rauschte ein Bach durch die Einfahrt“

Hinter den Bürgern der Stadt Schwandorf liegt eine schlaflose Nacht . Ein Unwetter brachte bis zu 70 Liter Regen auf den Quadratmeter. Über 300 Keller und sämtliche Unterführungen der Stadt wurden geflutet. Und von den Einsatzkräften war nach einem heftigen Wochenende erneut Höchstleistung gefordert.
„Wir konnten nichts mehr tun. Es ist wie ein Bach in meine Hofeinfahrt gerauscht“, sagt Fanni Dörfler und man hört in ihrer Stimme noch das Entsetzen über die Ereignisse der vergangenen Stunden. Über der Stadt Schwandorf hat sich am Montagabend eine Gewitterfront entleert. In einer Dramatik, an die sich selbst alteingesessene Bürger nicht erinnern können. „Ich bin seit 1960 hier, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt die 91-jährige Dörfler, die im Kreuzbergviertel lebt. Regen ja, auch heftiger Regen, aber dass die Entwässerungsrinnen den aus der höher gelegenen Straße ablaufenden Wassermassen nicht mehr Stand halten konnten und die unterkellerte Garage fluteten, das sei noch nicht vorgekommen. „Das muss jetzt auch die Stadt Schwandorf zum Anlass nehmen, um über geeignete Maßnahmen nachzudenken“, fordert die Anwohnerin, während die Feuerwehr noch damit beschäftigt ist, das Regenwasser aus ihrer Garage zu pumpen.
Über 300 Notfälle innerhalb kürzester Zeit
Als Landrat Thomas Ebeling am Montagabend um 22.18 Uhr den Artikel 15 des bayerischen Katastrophenschutzgesetzes in Gang setzte, war klar, dass das, was sich gerade in Teilen der mittleren Oberpfalz abspielte, den üblichen Rahmen eines Gewitters deutlich sprengte. Die Telefone standen nicht mehr still. Alarmierung reihte sich an Alarmierung. Vollgelaufene Unterführungen, vollgelaufene Keller. Regen, der durch Decken in Wohnzimmer und Geschäftsräume tropfte. Und das geballt innerhalb kürzester Zeit. Das brauchte Einsatzkräfte und zwar viele. Und diese vielen – zumeist ehrenamtlichen Helfer – mussten angefordert und koordiniert werden. Artikel 15 des Katastrophenschutzgesetzes bietet hierfür den gesetzlichen Rahmen, um Ereignisse, die per Definition noch nicht als Katastrophe gelten, zu bewältigen. Neben den Feuerwehren wurden auch THW, Rettungsdienste und die Polizei eingebunden. Im Landratsamt wurde die Koordinierungsstelle eingerichtet. Dort übernahm am späten Abend Kreisbrandrat Christian Demleitner die Einsatzleitung gemeinsam mit der Kreiseinsatzzentrale .

Dienstagmittag ist Demleitner immer noch unterwegs und verschafft sich einen vorläufigen Gesamtüberblick. Das Besondere: Innerhalb weniger Straßenzüge zeigt sich ein völlig anderes Bild. Im Stadtteil Krondorf hatte es nur mäßig geregnet, während im Lindenviertel viele Keller unter Wasser standen und auch am Dienstag noch Einsatzkräfte Schläuche verlegen und Pumpen installieren. „Über 300 Meldungen“, sagt Demleitner. Rund 450 Einsatzkräfte rückten in der Nacht aus allen Landkreisteilen – und auch aus den Landkreisen Amberg-Sulzbach und Neustadt/Waldnaab – an. „Es gab die üblichen Unwetterwarnungen, aber weder der Ort noch die Intensität war absehbar“, sagt der Kreisbrandrat. Auf Wetterkarten seien heranrückende Gewitterzellen erkennbar gewesen, aber diese hätten kurzfristig die Richtung geändert. „Und dann ging es ganz schnell“, sagt Fanni Dörfler. Bis zu 70 Liter waren es auf den Quadratmeter.
Lesen Sie dazu auch: Sie badeten in überfluteter Unterführung: Unvernünftige kassieren Platzverweis in Schwandorf
Im Lindenviertel erzählt ein Ehepaar, dass es bereits die ganze Nacht bei Verwandten Unterstützung geleistet habe, als der Sohn den vollgelaufenen Keller im eigenen Haus entdeckte. Das Wasser sei etwa einen halben Meter hoch gestanden, sagt die Frau, die nicht namentlich genannt werden will. Ein paar Häuser weiter laufen Anwohner mit Eimern durch die Gegend und beseitigen die letzten Reste von Wasser und Schlamm. Nicht überall habe alles sofort und vollständig beseitigt werden können, sagt ein Feuerwehrmann. „Es waren einfach zu viele Einsätze.“ Und wo das Wasser entfernt war, packten die Bewohner tatkräftig mit an.
Landrat Thomas Ebeling spricht von „absolut professionell abgearbeiteten Einsätzen“. Die Lage sei „voll im Griff“, betonte er bereits in der Nacht und bedankte sich dann Stunden später bei allen Einsatzkräfte. „Der professionelle und vertrauensvolle Schulterschluss aller Beteiligten war die Grundlage für eine schnelle, koordinierte und erfolgreiche Bewältigung dieser außergewöhnlichen Einsatzlage.“
Lesen Sie hier: Eine Nacht für die Geschichtsbücher
Kreisbrandrat Demleitner verweist nach der kräftezehrenden Nacht im Interview mit der Mediengruppe Bayern auf das zurückliegende Wochenende, das bereits sehr herausfordernd gewesen sei. Denn durch die extreme Hitze hatten sich mehreren Wald- und Vegetationsbränden entwickelt, weswegen zahlreiche Feuerwehren sowie weitere Hilfsorganisationen stundenlang im Einsatz waren. „Und aus diesem einsatzreichen Wochenende heraus wurden wir am Montagabend alarmiert“, benennt er die erneut geforderte Höchstleistung.
Dummer Spaß: Ein Bad in der Unterführung

Dass sich aber selbst bei solchen Gefahrenlagen noch manche Mitbürger einen Spaß erlauben, dafür haben die Helfer kein Verständnis. Denn tatsächlich gingen einige Schaulustige in einer überfluteten Unterführung baden, statt den Weg für die Einsatzkräfte frei zu machen. Die nächtliche Badetour rief die Wasserwacht auf den Plan. „Wenn sich ein Gullydeckel öffnet, dann kann so eine Schnapsidee tödlich enden“, bringt es ein Feuerwehrmann auf den Punkt. Bei dem Unwetter wurden keine Menschen verletzt und auch sonst scheint sich der Großteil der Bevölkerung rasch von den Folgen erholt zu haben.
Lesen Sie hier: Unwetterschäden: Was jetzt für Betroffene wichtig ist
Im Globus Einkaufsmarkt, wo der Regen in der Nacht ein Abflussrohr sprengte und für eine Überschwemmung sorgte, sind am Dienstagvormittag alle Spuren beseitigt und das Leben geht seinen gewohnten Gang. Die Kunden kaufen ein, holen sich am Imbiss eine Leberkäs-Semmel oder trinken einen Kaffee.
Fanni Dörfler hat die Geschehnisse fotografisch dokumentiert und hält auch den Reporterbesuch im Bild fest. Dieses Unwetter wird sie so schnell nicht vergessen, sagt sie. Aber jetzt muss sie sich erst einmal von einer schlaflosen Nacht erholen.