Schatzkisterl am Stadtplatz: Das Holzapfel-Haus in Abensberg „erzählt“ viele Geschichten

Von Lucia Pirkl · 27. Juni 2026 um 19:00

Jeder Raum wie ein Wimmelbild: Ulli Holzapfel hat ein Faible für Gegenstände von früher, die sie geschickt in Szene setzt. So manches davon zeugt von einem Abensberg, das es so nicht mehr gibt.

Wirtschaftswunder, Biedermeier oder die Zeit zwischen den Weltkriegen: Das Holzapfel-Haus am Stadtplatz ist wie eine Reise durch die unterschiedlichsten Epochen. Ulli Holzapfel hat ein Faible für Geschichte. Wer die Holzapfels besucht, begibt sich mit ihr und ihrem Mann auf die Reise einer Familie durch viele Generationen, auf eine Reise durch eine Stadt, die sich verändert hat.

Schon das Biedermeierzimmer im ersten Stock wirkt wie aus der Zeit gefallen . Die damalige Tochter des Hauses, Maria Holzapfel, eine Vorfahrin von Gatte Wolfgang Holzapfel, hatte die Möbel um 1887 als Aussteuer bekommen. „Die blieb unverheiratet“, weiß Ulli Holzapfel, wohnte deshalb im Haus. Viele Gegenstände von ihr landeten nach ihrem Tod auf dem Speicher - eine wahre Fundgrube für Ulli Holzapfel. „Diese Liebe zu den alten Sachen habe ich vom Schwiegervater“, sagt sie und bekennt: „Das Haus wird nie fertig, ich dekoriere ständig um.“ Und so erscheinen die Räume wie ein Wimmelbild, das sich ständig verändert. Ihre Gäste bekommen immer wieder etwas Neues zu sehen. „Und dann sind ein paar Stunden locker vorbei“, denn zu erzählen hat sie zu Genüge.

Wenn es schnell gehen muss: Diese Hose sollte den Damen das Geschäft erleichtern. - Foto: Pirkl

„Suppenbrunzer“ und Strumpfhosen

Wohin man auch blickt, überall sind Gegenstände, die Geschichte atmen, die Ulli Holzapfel sorgsam ausgewählt und drapiert hat. Ein altes Schlafzimmer von Wolfgangs Holzapfels Großeltern, ein Puppenbett von Anfang der 1920er, ein Grammophon aus der Zeit zwischen den Weltkriegen: „Damit wurden hier im Haus in den 1950ern Tanzabende gestaltet.“

Das Biedermeierzimmer entstand aus Möbeln aus einer Aussteuer. - Foto: Pirkl

Spielsachen vom Schwiegervater, zum Beispiel eine Eisenbahn von 1931, erinnern an unbeschwerte Stunden. Daneben ist die Eisenbahn, die ihr Mann 1958 zu seiner Geburt geschenkt bekommen hat. Die war damals kurzerhand im Krankenhaus aufgebaut worden. Ein Foto daneben zeigt eine Schwester über der Eisenbahn.

Längst nicht alles stammt aus dem Familienbesitz. Ulli Holzapfel bummelt oft und gerne über Flohmärkte, tummelt sich immer wieder auf einschlägigen Seiten im Internet, stets auf der Jagd nach Raritäten oder Kuriositäten. So fand sie auch das „Trösterlein“, einen Glaskasten von 1850 mit einer Jesusfigur in einem Bettchen. „Wenn die Frauen damals ins Kloster gingen und auf Kinder verzichteten, bekamen sie das zum Trost mit“, schiebt Ulli Holzapfel die Erklärung für den Namen hinterher.

Die Eisenbahn bekam Wolfgang Holzapfel zu seiner Geburt. - Foto: Pirkl

Weitere Kuriositäten sind eine „Schnellscheißerhose“: Eine Unterhose mit Eingriff hinten, die den Damen das Geschäft erleichtern soll. Oder ein „Suppenbrunzer“, eine Heilig-Geist-Kugel mit der Darstellung des Geistes als holzgeschnitzte Taube, eine Tradition aus dem Bayerischen Wald.

Die Glaskugel hing über dem Esstisch. Und wenn sie dann vom Dampf des heißen Suppentopfs beschlug, das Wasser dann und wann in die Suppe tropfte – dann war es eben der Heilige Geist. Im Volksmund galt dies als ein Segen, bei dem der „Heilige Geist in die Suppe gebrunzt“ hatte.

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Dass die Holzapfels schon seit Generationen Geschäftsleute waren, davon zeugt ein Zimmer, das gefüllt ist mit Gegenständen aus dieser Zeit. Unter anderem eine Tankstelle in Abensberg, auch einen Kolonialwarenhandel hatten die Holzapfels. Übrig geblieben ist nicht nur die alte Waage, bedruckte Tüten, Stempel oder alte Firmenlogos, Werbeillustrationen aus Blei, die man für Anzeigen in Zeitungen benutzte. Ulli Holzapfel hat auch den Arbeitsplatz von Martin Holzapfel, dem Urgroßvater ihres Mannes Wolfgang Holzapfel, oder auch Fotoapparate, die sein Großvater damals noch im Geschäft verkauft hatte, ausgestellt.

Zeugnisse aus Wirtshäusern, die es nicht mehr gibt in Abensberg - Foto: Pirkl

Viele Dinge, die Ulli Holzapfel in den Regalen oder auf Schränken und Kommoden inszeniert, sind längst aus dem Alltag verschwunden, beispielsweise Wäschemedaillons mit Monogramm zum Einnähen in die Wäsche, die es anno dazumal im Holzapfelgeschäft zu kaufen gab.

Andere Dinge wiederum stammen von Firmen, von Fabriken, die früher ganz selbstverständlich zu Abensberg gehörten, wie Perlonstrümpfe von der ehemaligen Abensberger Strumpffabrik Kagra oder ein BH von Triumph, „der Doreen war ein Kassenschlager“, der damals ebenfalls in Abensberg hergestellt wurde.

Wirtshäuser, die nicht mehr existieren

Und dann schiebt sie gleich noch eine Anekdote hinterher: So manchem früheren Pfarrer sei eine unbekleidete Schaufensterpuppe im Holzapfel-Geschäft am Stadtplatz oder ein Werbebild auf der BH-Packung schon einmal negativ aufgestoßen, zu freizügig, das Ganze.

Wer mit aufmerksamem Blick durch die Räume geht, findet auch noch allerhand anderes, und zwar viele Dinge, die vielleicht nicht im klassischen Sinne historisch wirken, die auch eher einen ideellen Wert haben. Aber auch sie spiegeln vergangene Tage wider: Tassen, die die Stadt zu besonderen Anlässen herausgegeben hat, Faschingsorden von ehemaligen Prinzen, die schon lange im Erwachsenenalter sind, Aschenbecher aus Wirtshäusern, die nicht mehr existieren oder so manche alte Bügelflasche, die längst von modernen Limoflaschen abgelöst wurde. Vieles davon stammt aus Nachlässen von Abensbergern. „Ich sammle eigentlich alles von meiner Heimatstadt. Manchmal sagen die Leute auch, ,Mensch, hättest eher was gesagt, dann hätt‘ ich‘s ned weggeworfen‚‘“, erzählt Ulli Holzapfel schmunzelnd.

Ganz so sammelwütig wie seine Frau ist Gatte Wolfgang Holzapfel zwar nicht– und trotzdem: „Der ist schon stolz, vor allem auf die Familiensammlung.‘“ Dass er selbst nicht abgeneigt ist und durchaus auch ein Faible für alte Gegenstände hat, beweist zum Beispiel seine Liebe zu alten Autos oder Motorrädern.

Ulli Holzapfel wiederum will die Familiengeschichte ihres Mannes nicht nur im Haus konservieren, sondern auch zu Papier bringen. Was sie davon abhält? Die Zeit, die fehlt.