Wertschätzung für Menschen mit geistiger Behinderung: St. Gunther in Cham wird 50

Lachen ist zu hören, eine schön geschmückte Eingangshalle deutet auf das Jubiläum hin, vor der Tür hängen bunte Smileys an Ästen. Seit vielen Wochen wird auf das große Fest hingearbeitet, wird gebastelt, geprobt, dekoriert, Einladungen werden verschickt. Mit 50 Jahren Bildungsstätte St. Gunther steht ein besonderes Jubiläum an, das alle, die zur großen St.-Gunther-Familie gehören, mit großer Dankbarkeit und Freude erfüllt.
Seit einem halben Jahrhundert ist die Einrichtung ein Ort, um Kompetenzen und Fähigkeiten, die jedes Kind in sich birgt, zu fördern, ein Ort des Lernens, der Begegnung und der persönlichen Entwicklung für viele Kinder, Jugendliche und Familien in der Region. Das Zitat von Anselm Grün: „Ich bin ich. Und es ist gut so wie ich bin“, passt sehr gut dazu.

Vor Jahrzehnten hatten die Angehörigen ihre behinderten Kinder versteckt. Es hatte so gut wie keine Förderung für sie gegeben. Dies hatte auch Elisabeth Kanz erkannt, die 1972 die Leitung der Sondervolksschule für geistig Behinderte mit Tagesstätte im alten Krankenhaus in Roding übernahm. Mit 22 Kindern und vier Mitarbeitern begann alles. Das Essen wurde von der Rodinger Bundeswehr geliefert, die Beförderung der Schüler übernahm das Schulbusunternehmen Gmeinwieser. Doch es wurde bald eng, so erfolgte am 1. Oktober 1974 der Spatenstich für die Bildungsstätte St. Gunther in Cham. Fast genau zwei Jahre später konnte der Neubau in Cham-Zifling bezogen werden.
Frühförderstelle und Kooperation mit Schulen
1977 wurde die Frühförderstelle gegründet, die der Bildungsstätte angegliedert war und anfangs mit zehn Kindern den Alltag meisterte. 1981 begann die Kooperation mit anderen Schulen, den Auftakt machte hier die Realschule in Bad Kötzting. 1983 wurde Siegfried Hübschmann neuer Leiter, ihm folgte 1997 Walter Scherbaum, der nach einem Jahr das erste St.-Gunther-Fest mit seinem Team organisierte.
Mit der Anstellung von medizinisch-therapeutischem Personal wurde 2006 die Umsetzung des Bayerischen Rahmenvertrags zur Früherkennung und Frühförderung behinderter oder von Behinderung bedrohter Kinder in Interdisziplinären Frühförderstellen in Bayern (IFS) umgesetzt, und es wurde der erste Kooperationsvertrag geschlossen.
„Wir sind eine Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg. Uns gibt es bereits seit 1976. Bei uns lernen Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Förderbedarf, ihr Leben so gut als möglich selbst bestimmt und selbstständig zu bewältigen“, ist auf der Homepage der Einrichtung zu lesen.

15 Jahre lang führte Walter Scherbaum mit viel Liebe und Herzblut für die Schüler, die Eltern, aber auch das gesamte Personal diese Einrichtung, die für viele Familien eine sehr große Stütze bedeutete und immer noch bedeutet. In dieser Zeit wurden Außenstellen der IFS in gegründet, die erste Partnerklasse wurde eingerichtet, und der Integrative Fachdienst an der IFS als Beratungsangebot für Kindertagesstätten, um zusätzlich zur Komplexleistung die Umsetzung der Inklusion zu unterstützen, wurde eingeführt.
Im August 2012 wurde Thomas Herbst Leiter der Bildungsstätte, und einen Monat später wurde die neue Frühförderstelle in der Danzinger Straße eingeweiht. St. Gunther hatte bereits landkreisweit einen sehr guten Ruf. 2014 begann die energetische Sanierung der Bildungsstätte, die im Dezember 2015 abgeschlossen wurde.
Felicitas Klenk wurde 2019 neue Leiterin , und 2022 hatte die Pandemie die Einrichtung voll im Griff. Viele Kinder kamen immer wieder neu in die St-Gunther-Familie, viele verließen die Einrichtung, und um einige musste getrauert werden.
Menschen immer im Mittelpunkt
Seit fast einem Jahr teilen sich Katrin Kraus als Einrichtungsleiterin und Doris Heckel als Schulleiterin die Verantwortung für 180 Kinder und Jugendliche. In einem Grußwort schreiben sie: „Was im Jahr der Gründung mit viel Engagement, Mut und Weitblick begann, hat sich über die Jahrzehnte stetig weiterentwickelt. Immer im Mittelpunkt standen dabei die Menschen, die unsere Bildungsstätte, die Eltern mit ihrem Vertrauen sowie die vielen Mitarbeiter, die mit Herz, Fachwissen und Einsatz unseren Auftrag leisten.“ Bildung bedeute mehr als Wissensvermittlung. Dies bedeute, Talente zu entdecken, Gemeinschaft zu erleben, Selbstvertrauen zu stärken und Zukunft zu gestalten.
Das 50-jährige Bestehen ist ein Anlass, zurückzublicken auf viele wertvolle Erinnerungen, Meilensteine und gemeinsam bewältigte Herausforderungen. Gleichzeitig schaut die Bildungsstätte mit Zuversicht nach vorne und möchte auch in Zukunft ein verlässlicher, moderner und menschlicher Bildungsort für Kinder und Jugendliche mit Handicap sein.
In den letzten Jahren sei zu beobachten, dass es immer mehr Schüler mit herausfordernden Verhaltensweisen gibt, so die Leiterinnen. Wie Katrin Kraus erzählt, ist die Anzahl der Autisten gestiegen. An die 200 Beschäftigte kümmerten sich um ihre „besonderen“ Schützlinge. Natürlich gebe es immer noch Eltern, die die Behinderung erst mal nicht annehmen. Doch im Grunde schauten alle Eltern, dass ihre Kinder die bestmöglichste Förderung bekommen.
Bunt, fröhlich einzigartig, so gehe es in St. Gunther zu. Aus kleine Momenten könnten hier große Erinnerungen werden. Viele Aktionen und Projekte würden gestartet, und jeder wird so gefördert und angenommen, wie er ist. Der Begriff Behinderung beschreibe nicht die Krankheit selbst, sondern die Wechselwirkung zwischen Einschränkung und gesellschaftlichen Barrieren.
Daten und Fakten Einrichtung: Die Bildungsstätte St. Gunther unter der Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg feiert ihr 50-jähriges Bestehen und lädt zum großen Jubiläums-Sommerfest ein. Seit fünf Jahrzehnten begleitet und fördert die Einrichtung Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit besonderem Unterstützungsbedarf und hat sich zu einer wichtigen sonderpädagogischen Einrichtung in der Region entwickelt (Home - St. Gunther - KJF Regensburg).
Programm: Das Jubiläumsfest bietet ein abwechslungsreiches Programm für die ganze Familie. Besucherinnen und Besucher erwartet ein bunter Nachmittag mit musikalischen Darbietungen, Mitmachaktionen, Ausstellungen zur Geschichte der Bildungsstätte sowie vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten für aktuelle und ehemalige Schülerinnen und Schüler, Mitarbeitende, Eltern, Freunde und Förderer der Einrichtung.
Es war sein „beruflicher Glücksfall“: Walter Scherbaum blickt auf seine 15 Jahre als Einrichtungsleiter von St. Gunther zurück
Der langjährige Einrichtungsleiter Walter Scherbaum schreibt zu seiner Zeit in St. Gunther:
„Bereits während meines Studiums der Sonderpädagogik in München war es mir 1978 auf Einladung der Gründungsrektorin Elisabeth Kanz möglich, die zwei Jahre vorher eingeweihte Bildungsstätte St. Gunther zu besichtigen und mir wurde schnell klar: Hier möchte ich mit meinem Beruf als Sonderschullehrer beginnen, hier kann ich am besten auf die individuellen Bedürfnisse und Lernmöglichkeiten der mir anvertrauten Kinder und Jugendlichen eingehen, was in den vorhergehenden zwei Jahren an der Volksschule nach meinem Empfinden nicht ausreichend möglich war.
Mein Wunsch ging in Erfüllung: Ich konnte im Jahr 1979 in der Bildungsstätte St. Gunther starten und – bleiben bis zu meinem Eintritt in den Ruhestand 2012! St. Gunther, der berufliche Glücksfall meines Lebens!
1997 durfte ich dann sogar die Nachfolge des von mir sehr geschätzten Einrichtungsleiters Siegfried Hübschmann – er folgte auf Elisabeth Kanz – antreten und 15 Jahre lang ausführen. Nebst der bestmöglichen Betreuung und Förderung eines jeden Kindes beziehungsweise Schülers war in dieser Zeit vor allem die Inte-gration (Inklusion) ein Hauptthema, was für mich eine vielfältige Öffentlichkeitsarbeit bedeutete.
Die Würde eines Menschen hängt nicht ab von seiner schulischen Lernfähigkeit! Sie gehört zu seinem Menschsein und ist unverlierbar, auch nicht schmälerbar! Behinderte Menschen mir ihrer offenen Herzlichkeit, ihrer ansteckenden Lebensfreude - vorausgesetzt sie werden akzeptiert, wertgeschätzt - leisten allein durch ihre Wesensart häufig einen wertvollen Beitrag für unsere oft nüchterne, pragmatische Gesellschaft!
Ein Sprichwort sagt: „Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn man sein Schulwissen vergessen hat.“ Passt da nicht wunderbar der Begriff Bildungsstätte St. Gunther?
Während der schweren Zeit nach dem Tod meiner Frau haben mich meine Schüler und Schülerinnen oft mit ihrer Menschlichkeit unterstützt! Besonders bewundert und in ihrem Tun gestärkt habe ich immer Eltern, die mutig mit ihren behinderten Kindern am öffentlichen Leben teilgenommen haben, auch wenn ihnen das anfänglich vielleicht manch unfreundlichen Blick eingebracht hat. Diese Eltern leisten den wertvollsten und effektivsten Beitrag zur Inte-gration!
Immer wieder schaue ich (Jahrgang 1950) mit großer Dankbarkeit zurück auf meine Jahre in der Bildungsstätte St. Gunther, die ich mit so vielen lieben und engagierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen erleben, teilen und gestalten durfte!
Ich wünsche von Herzen, dass die derzeit für die Einrichtung Verantwortlichen das auch einmal sagen können!“
Daten und Fakten Einrichtung
■ Die Bildungsstätte St. Gunther unter der Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg feiert ihr 50-jähriges Bestehen und lädt zum großen Jubiläums-Sommerfest ein. Seit fünf Jahrzehnten begleitet und fördert die Einrichtung Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit besonderem Unterstützungsbedarf und hat sich zu einer wichtigen sonderpädagogischen Einrichtung in der Region entwickelt (Home - St. Gunther - KJF Regensburg).
■ Programm: Das Jubiläumsfest bietet ein abwechslungsreiches Programm für die ganze Familie. Besucherinnen und Besucher erwartet ein bunter Nachmittag mit musikalischen Darbietungen, Mitmachaktionen, Ausstellungen zur Geschichte der Bildungsstätte sowie vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten für aktuelle und ehemalige Schülerinnen und Schüler, Mitarbeitende, Eltern, Freunde und Förderer der Einrichtung. Gemeinsam wird auf 50 Jahre Engagement, gelebte Inklusion und zahlreiche Erfolgsgeschichten zurückgeblickt.
■ Einladung: Die Bildungsstätte St. Gunther freut sich auf zahlreiche Gäste und ein fröhliches Fest voller Erinnerungen, Begegnungen und gemeinsamer Feiermomente.
■ Termin: Samstag, 27. Juni, 12 Uhr bis 16 Uhr
■ Ort: Bildungsstätte St. Gunther, St.-Gunther-Straße 22, 93413 Cham