Scharfer Verstand und knallroter Lippenstift: So tickt neue Regensburger Stadträtin

Von Marion Koller · 21. Juni 2026 um 05:00

Claudia Neumaier will für die Stadt Regensburg etwas bewegen. Die Politikerin und Anwältin spricht in der Reihe Klartext über ihre Herausforderungen. Das Pensum mit Job und zwei Kindern schafft sie dank ihres familiären Netzwerks.

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Claudia Neumaier ist hungrig. Sie hatte keine Zeit zum Frühstücken und möchte das in einem Cafe in der Gesandtenstraße nachholen. Bis der Kellner kommt, will die 35-Jährige die ersten Fragen beantworten. Doch es kommt während des gesamten Gesprächs kein Kellner – und Neumaier vergisst den Hunger. Die Regensburger Politik ist ihr wichtiger. 7000 Follower auf Instagram vertrauen auf ihre Rechtstipps. Wie auf Social Media trägt sie beim Interview einen knallroten Lippenstift und einen Hosenanzug. Manchmal kommt zartes Rosa infrage. Wie viele Lippenstifte sie hat, weiß die Juristin nicht.

Frau Neumaier, Sie sind gerade mit Ihrer Familie aus Georgien zurückgekehrt. Wie war es – und wie wirkt sich dort der russische Schatten aus?

Claudia Neumaier: Es war superspannend. Wir sind herumgefahren, haben eine neue Kultur und schöne Natur erlebt. Die Menschen sind herzlich. Unsere Kinder haben bei Auszeiten am Meer gespielt. Mein Mann und ich wollen etwas von der Welt sehen, aber es muss auch für die Kinder passen. Und der Schatten Russlands? Tiflis ist sehr pro Europa. Da merkt man, dass die die Nase voll haben vom russischen Einfluss. In den Souvenirshops reihen sich ukrainische, EU- und georgische Flaggen. In Batumi am Schwarzen Meer waren viele russische Touristen. Es gibt Direktflüge von Moskau und dem belarussischen Minsk.

Ich stelle jetzt eine Frage, die einem Mann nie gestellt wird: Sie arbeiten als Anwältin bei Intive, haben Kinder, reden im Stadtrat mit und geben auf Instagram juristische Ratschläge, zum Beispiel zur Reisekostenerstattung, wenn die Poolliegen dauernd besetzt sind oder zur Mieterhöhung über den Mietspiegel hinaus. Ein üppiges Pensum - oder?

Neumaier: Das kriegt man nur hin, wenn man ein Netzwerk hat. Mein Mann unterstützt mich, meine Eltern, die nun auch in Regensburg leben, und meine Schwiegereltern helfen. Das weiß ich unglaublich zu schätzen. Mein Job erlaubt mir Flexibilität.

Sie sind neu im Stadtrat. Wie läuft die Zusammenarbeit in der Koalition?

Neumaier: Sehr gut, erstaunlich gut. Die Beteiligten in der Koalition wollen Regensburg in dieselbe Richtung entwickeln – progressiv. Da man sich thematisch nahesteht, sind die Verhandlungen unproblematisch verlaufen bis auf ein paar Knackpunkte wie die Sallerner Regenbrücke. Aber selbst da sind wir zu einer guten Lösung gekommen. Inhaltlich und persönlich waren mir die Koalitionspartner von Anfang an sympathisch. Ich bin zuversichtlich für die nächsten Jahre.

Bei Presseterminen sind Sie sehr zurückhaltend.

Neumaier: Ach, wirklich? Ich bin eher ein introvertierter Mensch und denke zweimal nach, bevor ich etwas sage. Obwohl man das aufgrund meines Social-Media-Auftritts erst einmal nicht meint.

Sie kooperieren eng mit OB Dr. Thomas Burger. Als Sie Co-Vorsitzende des SPD-Stadtverbands waren, entschied sich dieser für den früheren Europaabgeordneten Thomas Rudner als OB-Kandidaten, der nicht für kommunalpolitische Kompetenz bekannt war und die meiste Zeit in München lebt. Warum?

Neumaier: Er war als Europapolitiker bekannt. Viele Genossen haben ihn als sehr kompetent wahrgenommen. Innerhalb der Partei hat er sich für kommunale Themen engagiert. Deshalb entschieden sich einige im Vorstand für ihn. Ich habe die Mehrheitsentscheidung akzeptiert. Das sollte man in einer Partei tun. Aber ich bin im selben Ortsverein wie Thomas Burger und kenne ihn lange. Später habe ich ihn unterstützt. Dr. Burger war auf jeden Fall eine sehr gute Entscheidung. Jetzt sieht man, dass er willens und bereit ist, die Stadt jenseits der CSU voranzubringen mit fortschrittlichen Ideen.

Welche Vorhaben erscheinen Ihnen besonders wichtig?

Neumaier: Eine bessere Ausstattung der Stadtbau, damit sie bezahlbaren Wohnraum schaffen kann, die Beibehaltung des Ziels, bis 2035 klimaneutral zu sein, der öffentliche Nahverkehr. Wir prüfen, wie wir es schaffen, trotz wachsender Stadt einen funktionierenden ÖPNV herzustellen.

In der Serie kommen Persönlichkeiten aus Regensburg und der Region zu Wort - Foto: Logo: Daniel Pfeifer

Mit 35 Jahren zählen Sie zu den jungen Kommunalpolitikerinnen. Was wollen Sie für die junge Generation erreichen?

Neumaier: Mehr Beteiligung. Mich beschäftigt, wie sich der Jugendbeirat im Stadtrat einbringen kann. Ich will Chancengerechtigkeit für junge Leute. Dass wir Angebote schaffen, damit sich Kinder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern bilden und Sport treiben können. Wir wollen Freizeitflächen, Quartierszentren, Sozialarbeit an Schulen und Jugendzentren, etwa am Rennplatz, ausbauen.

Sie wollen Regensburg zur familienfreundlichsten Stadt Bayerns machen. Wie geht das?

Neumaier: Die Kita am Dach des Parkhauses Dachauplatz fände ich nicht schlecht. Den Bedarf in der Stadt müssen wir immer wieder prüfen. Man hört, dass Plätze und Personal fehlen. Mein Sohn ist auch nachgerückt, aber schon nach einem Monat. Spielplätze sollten auf den neuesten Stand gebracht werden – mit Beschattung. Gerade für Familien ist bezahlbarer Wohnraum extrem wichtig. Man könnte Leerstände umwandeln. Mehrgenerationenhäuser sind eine gute Möglichkeit für bezahlbares Wohnen.

Wohin müssen Sie jetzt?

Neumaier: Ins Homeoffice. Es geht um Vertragsverhandlungen mit Kunden und um Vollmachten.

Neue Perspektiven

Familie: Claudia Neumaier ist verheiratet mit Peter Neumaier (34). Der Jurist arbeitet im bayerischen Innenministerium, Bereich Ausländerrecht. Auf die Frage, ob es da nicht zu politischen Konflikten komme, antwortet Neumaier: „Da bestehen Unterschiede, aber wir sind auch auf Bundesebene in einer Koalition.“ Unterschiedliche Ansichten seien auch in einer Ehe nicht schlecht. „Man lernt andere Perspektiven kennen.“ Das Paar hat einen vierjährigen Sohn und eine zweijährige Tochter.

Laufbahn: Die 35-Jährige ist in Vollzeit als Syndikusanwältin beim Softwareunternehmen Intive am TechCampus beschäftigt. Sie ist in Trostberg geboren, in Koblenz aufgewachsen und 2010 zum Studium nach Regensburg gekommen. Die Schönheit der Stadt hat sie angezogen.