Sie manipuliert Fotografien: Regensburger Künstlerin spielt gerne mit Erwartungen

Von Marion Koller · 14. Juni 2026 um 05:00

Lena Schabus bearbeitet Fotografien digital. Zurzeit stellt die 35-Jährige auf der Biennale in Venedig aus, die zu den weltweit wichtigsten Kunstschauen zählt. Ihr Werk „Kontakt“ hinterfragt die Regensburger Dult und rücksichtslose Gäste.

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Im Atelier von Lena Schabus fallen zwei Werke besonders auf: „Kleingarten“ und „Vorstadt“. Auf dem einen überragen Hochhausgiganten scheinbar idyllische Kleingärten, auf dem anderen gehen Einfamilienhäuser vor einer Hochhauskulisse fast unter. Die digital bearbeiteten Bilder irritieren. Sie erscheinen real – und doch unwirklich. Die 35-Jährige spielt gerne mit Erwartungen. Das betont sie. Schabus liebt die Donauufer und die Altstadtgassen, wo sie das Haus verlässt und „mittendrin“ ist. Mit der Teilnahme an der Biennale von Venedig ist ihr heuer ein bedeutender Karrieresprung gelungen. Jetzt schenkt sie erst einmal Wasser ein. Im Andreasstadel ist es warm. Dann legt Schabus los: ernsthaft, selbstbewusst und aufmerksam.

Frau Schabus, Architektur spielt bei Ihnen eine wichtige Rolle.

Lena Schabus: Ich habe Interesse an spannenden Formen. Mich zieht es nicht nur zu ästhetischen Jugendstilbauten, sondern genau die nichtästhetischen Architekturen wie Plattenbauten und Brutalismus faszinieren mich, ganz oft auch Industriebauten. Kraftwerke werden schließlich als Kulturorte genutzt. (Sie deutet auf ihre Arbeit „Stare down“, die an der Wand lehnt – eine qualmende Stahlfabrik von Thyssenkrupp, davor eine Straßenszene aus Duisburg.)

Wie reagieren die Besucher?

Schabus: Wenn in einer Ausstellung nur ein Bild von mir zu sehen ist, sind Sie oft irritiert. Dann hinterfragen Sie und schauen genauer. Wenn sie schon vertraut sind mit meinen Arbeiten, gehen sie auf die Suche: Wo sind Elemente, die nicht real sind?

Das Bild „Kontakt“ mit grotesk verzerrten Dultfahrgeschäften vor Königswiesener Hochhäusern ist bei der Biennale in Venedig zu sehen, der weltweit wichtigsten Kunstschau. Damit ist auch Regensburg erstmals dort vertreten. Warum haben Sie dieses Werk gewählt?

Schabus: Das war in Absprache mit der Regensburg Tourismus GmbH und dem Kulturamt. Es gab den Wunsch, auch die Stadt zu zeigen. Es ist ein Regensburger Motiv, aber nicht das offensichtliche, Altstadt und Steinerne Brücke. Als ich das Motiv entwickelt habe, war der Gedanke, wie sich die Dult nach der abendlichen Schließung auf die ganze Stadt auswirkt. Menschen ziehen durch die Stadt und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Deshalb die Fahrgeschäfte. Es ist eigentlich absurd, dass dieses freudige Fest solche Auswirkungen hat.

Wie war es letzte Woche in Venedig?

Schabus: Fantastisch (lacht). Vier volle Tage nur Kunst. Viele Werke dort sind nicht mein Ding, aber die Sachen, die einen catchen, hauen einen wirklich um. Da ist eine Kirche mit Videoinstallationen. Aber auch die Länderpavillons von Österreich mit Performances und von Dänemark mit Spermienbanken als Thema sind großartig. Haben Sie gewusst, dass die Spermienproduktion besser ist, wenn die Probanden pornografische Bilder sehen?

Was bedeutet es Ihnen, im Palazzo Mora auszustellen?

Schabus: Es ist tatsächlich absurd. Dass ich Teil der Biennale bin, ist fantastisch, aber nicht ganz real. Im Palazzo mein Bild hängen zu sehen, ist cool.

Die Arbeit „Kontakt“ mit verzerrten Dult-Fahrgeschäften - Foto: Lena Schabus

Dass das gelungen ist, hängt auch mit Tourismuschef Jakob Reitinger zusammen.

Schabus: Der hat das an Land gezogen und eine Verbindung geschaffen zwischen Regensburg, der Wiener Universität für angewandte Kunst und der Biennale.

Sie bearbeiten Ihre Fotografien digital und es entstehen oft Dystopien. Es geht um Umweltbelastung, Globalisierung, Klimawandel oder Massentourismus. Man betrachtet die Bilder und es schmerzt. Etwa bei „Territorium“, das einen monumentalen Industriebau zeigt, davor ein Bach, in den Abwässer fließen.

Schabus: Den Bach habe ich strahlend blau eingefärbt, damit es noch idyllischer wirkt. Pastellige Farben vermitteln erstmal eine sonnige Stimmung. Meine Bilder haben oft sehr negative Inhalte, sind aber vordergründig ästhetisch. Der letzte Schritt ist oft die Veränderung des Himmels. Bei „Territorium“ habe ich mich für einen mintgrünen, absichtlich unnatürlichen Horizont entschieden.

2025 hat die Stadt Sie mit dem Kulturförderpreis bedacht.

Schabus: Über die Anerkennung habe ich mich sehr gefreut. Im Nachhinein habe ich Resonanz aus anderen künstlerischen Kreisen wie Musik oder dem Theater erfahren.

Sie reisen häufig zu Artist-in-Residence-Programmen, zuletzt nach Virginia/USA. Wie haben Sie das Trump-Land erlebt?

Schabus: In dem Programm waren alle vom selben kulturbegeisterten Schlag. Musiker, Literatinnen und Kuratoren, die sind kreativ, offen und gegen Trump. Aber wenn man rausgeht, sieht man die Trump-Flaggen und Trump-Merchandise. Schon erschreckend.

In der Serie kommen spannende Menschen aus der Region zu Wort. - Foto: Grafik: Daniel Pfeifer

Sie blicken kritisch auf die Welt. Was soll sich in der Stadt ändern?

Schabus: Raum ist das dringendste Problem. Es ist schwierig, eine bezahlbare Wohnung, ein bezahlbares Atelier zu finden. Das Künstlerhaus Andreasstadel ist eine tolle Insel, aber nach einiger Zeit muss man was Neues suchen. Regensburger Kunst ist vielseitig und spannend, kreist aber um sich selbst. Man muss eine Balance finden zwischen externen Impulsen und regionaler Sichtbarkeit.

Wie kommen Kunstschaffende hier über die Runden?

Schabus: Kunst und Kunstschaffende werden schlecht bezahlt. Musiker erhalten meist eine Gage, aber für Kunstschaffende ist eine Ausstellungsvergütung nicht die Regel. Deshalb habe ich weitere Tätigkeiten, wie die Arbeit im Vorstand des Berufsverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler, Landesverband Bayern, oder im Andreasstadel. Ich mache Grafikdesign, Auftragsarbeiten, bewerbe mich um Stipendien, kuratiere Ausstellungen.

Zahlreiche Preise

Vita: Die Passauerin Lena Schabus lebt seit 2011 in Regensburg und hat hier Bildende Kunst und Ästhetische Erziehung studiert. Sie wurde vielfach ausgezeichnet.

Venedig: „Kontakt“ ist bis 22. November im Palazzo Mora bei der Biennale zu sehen.