Die Geschichte des Grenzdurchgangslagers Furth im Wald bis in die Gegenwart

„80 Jahre Vertreibung: Geschichte und Gegenwart“ ist in Furth im Wald bis heute präsent. Wir haben mit der Kulturwissenschaftlerin und Mitarbeiterin im Kulturamt Katharina Drescher-Seidl einen Ausflug in die Geschichte des Durchgangslagers in der Drachenstadt gemacht und auch geklärt, was bis heute nachwirkt.
Wann wurde das Grenzdurchgangslager in Betrieb genommen? Wie lange hat es bestanden und gab es eine Nachnutzung?
Katharina Drescher-Seidl: „Das Grenzdurchgangslager Furth im Wald war von 1946 bis 1957 in Betrieb. Der erste Transport mit Vertriebenen traf am 25. Januar 1946 im Further Bahnhof ein. Er kam aus Budweis und war zugleich der erste Transport der organisierten Ausweisungsaktion aus der damaligen Tschechoslowakei und aus Osteuropa. Formell aufgelöst wurde die Einrichtung – genauer gesagt ihr staatlicher Teil – im Oktober 1954.
Einige städtische Baracken dienten noch zwei Jahre lang als Wohnstätte für Vertriebene, weil seinerzeit der Neubau von Wohnungen in der Grenzstadt nicht schnell genug voran kam. Im Februar 1962 waren noch drei Baracken bewohnt – zwischenzeitlich auch von Einheimischen, die dort eingezogen waren.
Wie muss man sich das Lager vorstellen? Wie groß war das Gelände und wie viele Baracken gab es?
Drescher-Seidl: Nördlich des Bahnhofsgeländes wurden 1946 auf einer Fläche von rund 50 000 Quadratmetern ein paar wenige bestehende gemauerte Gebäude sowie vorhandene Baracken zur Einrichtung des Lagers übernommen.
In den folgenden Jahren wurde der Bestand ausgebaut. In der größten Formation umfasste das Grenzdurchgangslager 40 kleinere und größere Baracken.
Wie hat die Infrastruktur im Lager ausgesehen? Welche Einrichtungen gab es?
Drescher-Seidl: An Einrichtungen wurden geschaffen: Wohnbaracken, Baracke für die Verwaltung (Grenzkommissar für das Flüchtlingswesen), Waschräume (130 Waschstellen, kaltes Wasser), Entlausungsbaracke, Kinderbadestube, Abort-Baracke (60 Sitze), Ambulanz und Apotheke, Krankenbaracke (60 Betten), Kinderkrankenhaus, Isolierabteilung (60 Betten), Großküche (2600 Liter Kochkapazität je Mahlzeit), Milchküche (300 Liter Kochkapazität), Verpflegungsmagazin, Gepäckbaracken.

Wie viel Personal hat sich um die Geflüchteten in Furth im Wald gekümmert?
Drescher-Seidl: Neben dem Lagerleiter (Grenzkommissar) und einem US-Verbindungsoffizier gab es zwei Lagerärzte, eine Oberschwester und zehn Hilfsschwestern, dazu 50 bis 70 Helfer (für Baumaßnahmen, Reparaturen, Putzen, Kochen) die teils aus den Reihen der Vertriebenen rekrutiert wurden. Die Gesamtzahl schwankte ständig. Ende 1946 und 1948 wurde der Personalstand deutlich verringert, im März 1951 waren noch 15 Angestellte und 20 Arbeiter verblieben.
Wie ist eine Transportankunft abgelaufen?
Drescher-Seidl: Sobald ein Transportzug mit Vertriebenen ankam, meist kurzfristig angekündigt, wurden diesbezügliche Dokumente von den tschechischen an die amerikanischen Verbindungsoffiziere übergeben. Jeder Zug umfasste 40 tschechische Personen- oder Güterwaggons mit je 30 Menschen. Nach Abwicklung von Formalitäten durch die Offiziere durften die Vertriebenen aussteigen. Sie passierten die Entlausungsstation, wurden ärztlich untersucht und durften sich waschen. Kranke wurden versorgt, dann gab es eine warme Mahlzeit. Anschließend, nach etwa drei Stunden, konnten die Menschen in deutsche Waggons einsteigen. Diese Züge fuhren ins Landesinnere, wo die Vertriebenen auf Städte und Gemeinden verteilt wurden. Nicht alle Vertriebenen fuhren sofort weiter. Nicht wenige bezogen die Wohnungen in den Baracken, manche lebten dort für Wochen und Monate, ehe sie zu Verwandten, Freunden oder an neue Wohn- und Arbeitsorte ziehen konnten.
Zur Einordnung der Situation: Gibt es konkrete Zahlen zu den Transporten?
Drescher-Seidl: Hierzu ein paar Zahlen aus dem Jahr 1946: Es gab 1111 Transporte mit rund 1,18 Millionen Ausgewiesenen aus der Tschechoslowakei über die bayerischen Grenzdurchgangslager. Allein in Furth im Wald kamen 618 961 Personen auf deutschen Boden (Sudetendeutsche, Antifaschisten, Lkw-Transporte, illegale Grenzgänger). In Deutschland gab es fünf dieser Grenzdurchgangslager. Hinsichtlich der Transportzüge, die Furth im Wald anliefen oder passierten gibt es immer wieder unterschiedliche Zahlen. Im Further Stadtarchiv liegen (nach der offiziell gültigen Zählung) derzeit auf Papier erfasste Daten zu 156 Zügen – etwa 188 000 Personen. Es waren aber sicher mehr Züge, die hier durchfuhren. Viele Aufzeichnungen sind allerdings verschollen.
Ist heute noch etwas von dem ehemaligen Grenzdurchgangslager vorhanden?
Drescher-Seidl: Heute sind auf dem Gelände des damaligen Grenzdurchgangslagers nur noch sehr wenige bauliche Reste der Einrichtung vorhanden. Es handelt sich konkret um eine der früheren Wohnbaracken, die jedoch in ruinösem Zustand ist. Es existieren auch noch zwei kleinere, gemauerte Gebäude, die mittlerweile Teil des Zeitreisemuseums „Flederwisch“ sind und baulich verändert wurden. Eine Baracke wurde nach Auflösung des Lagers abgebaut und vom Vereine der „Naturfreunde“ an anderer Stelle als Vereinsheim wieder errichtet. Die Bezeichnung „Am Lagerplatz“ für einen Straßenzug erinnert an Ort und Stelle an das Grenzdurchgangslager. Besondere Bedeutung hat ein Gedenkstein, der im Jahr 2006 vor dem Further Bahnhofsgebäude errichtet wurde.
Wo gibt es weitergehende Informationen für Interessierte?
Drescher-Seidl: Ich kann das Buch „Das Grenzdurchgangslager Furth im Wald 1946 bis 1957“ von Susanne Maier empfehlen. Dort ist alles sehr gut aufgearbeitet. Das Werk ist nur noch antiquarisch erhältlich, kann aber in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden. Im Museum bereiten wir gerade telefonische Zeitzeugeninterviews mit zwei Personen vor, die im Grenzdurchgangslager waren. Eine gute Gelegenheit, etwas aus der Zeit zu erfahren, ist auch das Erzählcafé in der Werkhalle 4 am Samstag. Man kann bei einem guten Kaffee dasitzen und zuhören oder von eigenen Erfahrungen berichten.
Das Programm von „80 Jahre Vertreibung: Geschichte und Gegenwart“:
Die Veranstaltungsreihe „80 Jahre Vertreibung: Geschichte und Gegenwart“ ist mit zahlreichen interessanten Programmpunkten gespickt.
Freitag, 19. Juni: Vormittags Workshops für Schüler aus Furth und Pilsen.
15 bis 16.30 Uhr: Stadtführung „Spuren von Vertreibung und Versöhnung“, Treffpunkt: Kreuzkirche
17 Uhr: Werkhalle 4, Furth im Wald, Vernissage der Outdoor-Ausstellung „Der Krieg endet nicht mit dem letzten Schuss“.
18.30 Uhr: Rathaussaal, Podiumsdiskussion „Geschichte verschwindet nicht“ mit Václav Bernard, Kathrin Freier-Maldoner, Alice Horácková und dem Landtagsabgeordneten Jürgen Mistol. Die Begrüßung übernimmt Dr. Gerhard Hopp (MdL), die Moderation Dr. Zuzana Jürgens.
Samstag, 20. Juni: 9.30 bis 11.30 Uhr: Werkhalle 4, Erzählcafé „Auf einen Kaffee am Grenzbahnhof Furth im Wald – von Abschied und Ankunft, vom Durchreisen und Stranden“
11.40 bis 16.20 Uhr: Furth im Wald – Domažlice – Holýšov: Begleitete Zugfahrt auf Wegen der Vertriebenen
15 bis 16.30 Uhr: Stadtführung „Spuren von Vertreibung und Versöhnung“, Treffpunkt: Kreuzkirche.