„Katastrophal“, wieviel im Landkreis Kelheim geklaut wird: Marktleiter reden Tacheles

Von Beate Weigert · 8. Juni 2026 um 19:00

Ladendiebstahl ist quer durch die Republik ein Problem. Einige Marktleiter aus dem Landkreis Kelheim geben Einblicke in ihren Alltag. Einer bereut auch die Anschaffung von SB-Kassen.

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Trauriger Höhepunkt war im vergangenen Jahr ein Banden-Diebstahl von mehr als 3500 Euro an einem Tag, sagt ein Marktleiter aus dem Kreis Kelheim, der nicht namentlich genannt werden will. Generell sei die Lage mit Blick auf Ladendiebe „katastrophal“. Inzwischen werde richtig aggressiv geklaut, sagen weitere Verantwortliche von Einkaufsmärkten aus der Region. Auch von Menschen, die „alles haben“. In einem Geschäft wird inzwischen über die Hilfe von KI-Kameras nachgedacht.

Mittlerweile seien es fünf bis zehn Diebstähle am Tag, früher war es einer, sagt einer der Marktleiter mit denen wir sprachen. „Diebstähle im Einzelhandel sind mittlerweile zu einem richtig schlimmen Problem geworden“, sagt auch Konstantin Gatzke. Der 50-Jährige betreibt in Niederbayern und der Oberpfalz zehn Edeka- und Getränkemärkte. Davon einen in Painten, einen weiteren im Regensburger Donau-Einkaufszentrum (DEZ).

Alle Gesellschaftschichten klauen – „Umfang nimmt zu“

Geklaut wurde auch vor 30 Jahren, sagt Gatzke. „Da wurde mal ein Videorekorder unter der Jacke rausgetragen. Was sich geändert hat, sind die Dimensionen, und dass Diebstahl unter Jugendlichen mittlerweile mittlerweile gefeiert wird.“

Generell klauten aber alle Schichten: alt, jung, reich, arm, Deutsche, Ausländer, Einzeltäter oder Banden. Das kann auch Ludmilla Weber vom Cari-Markt in der Kelheimer Altstadt bestätigen. Jüngst beim Gespräch über die bevorstehende Schließung des Innenstadt-Markts gab sie auch Einblicke, wie sehr Ladendiebstähle den Umsatz zusätzlich minderten.

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Nicole Dillinger, die im Landkreis in Kelheim, Bad Abbach und Langquaid Edeka-Märkte betreibt, möchte auf unsere Nachfrage nichts zum Thema sagen. Nur so viel – „der Ort spielt beim Thema Diebstahl keine Rolle – der Umfang nimmt leider zu“.

Im Internet hat Gatzke Posts gelesen, in denen etwa junge Leute Ladendiebstahl feiern. Ludmilla Weber erinnert sich an eine Szene, als eine Mutter ihren beim Klauen erwischten Sohn im Cari-Markt abholte. „Du hast doch alles, warum machst du das?“, fragte sie. Antwort: „Weil es alle machen.“

Ladendiebstahl frustet Weber und ihr Team. Manches Regal sei im Cari-Markt, kaum dass es aufgefüllt sei, leergeklaut. Manches Diebesgut werde auch direkt im Laden gegessen. Vielfach entdeckten die Mitarbeiter geöffnete, nur mehr halb volle bis leere Verpackungen. Auch nicht Essbares werde aus der Verpackung genommen, der Inhalt teils oder ganz entwendet.

Auch Energie-Drinks werden im Altstadt-Markt reihenweise geklaut. Die Kühlbehälter sind nun bei der Kasse positioniert. - Foto: Weigert

Inzwischen räumt Ludmilla Weber regelmäßig um, sagt sie. Besonders begehrte Diebeswaren positioniert sie direkt an der Kasse – Energydrinks etwa. Gestohlen werde so gut wie alles – vom Katzenfutter bis zum Deo. So manchen Dieb hat Weber beobachtet, wie er Waren in Kleidung oder Taschen verschwinden ließ. Manchmal sei ein merkwürdiger Gang von Kunden ein Indiz für versteckte Ware oder ein plötzliches Umkehren vor der Kasse, der Moment in dem etwas eingesteckt werde, sagt sie.

Erfahrungen dieser Art haben sie im Altstadtmarkt inzwischen viele. In einem anderen Markt im Landkreis nimmt die Marktleitung mit Kollegen inzwischen auffällige Gruppen Jugendlicher persönlich ins Visier.

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Zudem habe man inzwischen auch spezielle Codes oder Klingelzeichen zur Information der Kollegen untereinander, heißt es. In vielen Geschäften werden Waren aus der „Top10“ der am häufigsten gestohlenen Waren mittlerweile in Glasschränke gesperrt oder sind zusätzlich mit Schlössern und Haken gesichert. Aufsteck-Bürsten für Elektrozahnbürsten zählen dazu, Rasierklingen und Spirituosen ebenso.

Manches Mal sind Regale, wie hier beim Deo kurz nach dem Befüllen von Dieben schon wieder leergeräumt, so Weber. - Foto: Weigert

Ladendiebstähle nicht in Preise einberechnet

In steigenden Preisen sei „kein Diebstahl eingerechnet“, sagt Konstantin Gatzke auf Nachfrage. Die Steigerungen kämen von den Herstellern, dort werde mit gestiegenen Benzin-, Transportkosten argumentiert. Alles in allem sei sein Edeka-Markt in Painten „noch die Insel der Seligen“. Aber auch hier absolvierten Jugendliche Mutproben im Klauen, und es verschwinden auch durch andere Diebe Waren aus dem Regal.

Im Regensburger DEZ hatte er zuletzt in SB-Kassen investiert. Auch hier sei „extrem“, was unbezahlt aus dem Laden getragen werde, so Gatzke. Eigentlich sollten diese Kassen, wo Kunden ihre Waren selbst scannen, den Einzelhändlern die Arbeit erleichtern. Doch nun sind Gatzkes SB-Kassen oft geschlossen. Nur wenn er am Wochenende Personal zur Aufsicht habe, seien sie geöffnet. Doch damit gehe der Sinn der SB-Kassen – dass man Personal anderweitig einsetzen könne – verloren, sagt Gatzke, der die Investition bereut.

Jeder, der beim Klauen erwischt werde, erhalte Hausverbot, sagen alle Marktleiter, mit denen wir sprachen. Die Zahl der Diebe reduziert sich dadurch aber augenscheinlich nicht. Auch in ihren Augen zu geringe Strafen schreckten Täter nicht vom , sagen die Einzelhändler aus der Region. In einem Markt denkt man deshalb auch über die Hilfe von KI-Kameras nach. Wenn die Investition durchgehe, könnten sie noch 2026 kommen.

Ihr Alltag ist nicht zum Lachen: Ludmilla Weber hat im CariMarkt die Schokolade in Kassennähe geräumt. - Foto: Weigert

Das sagt Regensburgs Oberstaatsanwalt zu Ladendiebstählen

• Kritik: Im Zusammenhang mit Ladendiebstählen kritisieren Öffentlichkeit und Ladeninhabern oft, dass Verfahren „sowieso eingestellt“ würden. Laut Thomas Rauscher, dem Sprecher der Staatsanwaltschaft Regensburg, ist damit gemeinhin die Einstellung wegen Geringfügigkeit (Strafprozessordnung Paragraf 153) gemeint.

• Strafprozess-Ordnung: Allerdings sehe die Strafprozessordnung vor, dass Ermittlungsverfahren i.d. R. nur beim Ersttäter ohne Folgen eingestellt werden können. Dies sei im Dienstgebiet regelmäßig bei einer „maximalen Schadenssumme von zehn Euro“ der Fall, erklärt Rauscher.

• Auflagen: Darüber hinaus gebe es die Möglichkeit einer Einstellung gegen Geld- und Arbeitsauflage (Paragraf 153 a, StPO). „Diese Einstellung ist also nicht folgenlos und wird bei der Staatsanwaltschaft Regensburg bei Ersttätern bis zu einem Schaden von maximal 150 Euro angewandt.“ Allerdings gebe es so ein Angebot nur, wenn davon auszugehen sei, dass der Beschuldigte „die Auflage erfüllt“.

• Apropos Einstellung: Generell gebe es verschiedenste Arten, so Staatsanwaltschaftssprecher Rauscher. Etwa auch weil ein Tatnachweis nicht zu führen sei (Paragraf 170 II, StPO) oder weil die zu erwartende Strafe neben einer anderen zu erwartenden Strafe (für weitere Taten) nicht ins Gewicht falle (Paragraf 154, StPO).

• Urteil: Wird ein Ladendieb vom Gericht verurteilt – per Strafbefehl oder Urteil – muss er entweder eine Geldstrafe zahlen oder erhält eine Freiheitsstrafe, sagt Rauscher. Geldstrafen werden in Tagessätzen berechnet. Für einen Ladendiebstahl mit einer Schadenssumme von 200 Euro verhänge man normalerweise zehn Tagessätze. Der Tagessatz berechnet sich auf Basis des Einkommens des Verurteilten: er beträgt 1/30 des Nettomonatsgehalts. Bei 2000 Euro Netto wären dies 70 Euro. Das Urteil würde also auf 10 Tagessätze ? 70 Euro lauten, in Summe 700 Euro.