„Ich bin durch viel Hölle gegangen“: Zu Besuch bei einer Stress-Trainerin aus Nittendorf

Von Thilo Eggerbauer · 8. Juni 2026 um 15:00

Zwei Kinder, eine Trennung, eine chronische Erkrankung – Tanja Sossikian aus Nittendorf (Landkreis Regensburg) spricht aus eigener Erfahrung über Stress und Belastung. Heute arbeitet sie als Coach für Resilienz und Selbstregulation, ohne einfache Lösungen zu versprechen.

Video ansehen

Es gibt wohl nicht viele Menschen, die entspannt reagieren, wenn man sie lange warten lässt. Tanja Sossikian zählt zu dieser erlesenen Gruppe. Trotz halbstündiger Verspätung trägt sie ein Lächeln im Gesicht, als sie ihre Haustür im Nittendorfer Ortsteil Schönhofen öffnet. Kein Wunder – die 56-Jährige arbeitet unter anderem als Stress- und Resilienztrainerin. Darüber hinaus bezeichnet sie sich als Beraterin und Coach.

Dass viele ihre Dienste in Anspruch nehmen, macht Sinn. Immer mehr Menschen knirschen mit den Zähnen, sind verspannt oder haben Probleme beim Schlafen – das zeigt der TK-Stressreport 2025 der Techniker Krankenkasse. Laut der Studie ist das subjektive Stressempfinden in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland fühlen sich demnach häufig oder zumindest manchmal gestresst.

Selbstregulation als Schlüssel gegen Stress

Sossikian ist überzeugt, dass der Schlüssel dagegen im Selbst liegt. „Ich gebe Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt sie. Und: „Wenn du in der Lage bist, dein Nervensystem zu regulieren, kann der Körper sich regenerieren.“

Sie sitzt auf einem Holzstuhl in ihrem Gesprächsraum – die Beine zum Körper gezogen. Ihre Gesprächspartner sitzen etwas niedriger auf einem Sessel. Die Stühle sind so ausgerichtet, dass man sich nicht direkt gegenübersitzt, sondern von zwei Ecken in den Raum schaut.

Auf einem Schränkchen an der Wand steht ein Zertifikat der „Professional Speakers Academy“ sowie ein Preis: der „Excellence Award“, vergeben vom Ratgeberautor Hermann Scherer. Ein Uni-Zeugnis ist nicht unter den Stücken. Und das, obwohl Sossikian in Regensburg Anglistik, Romanistik und Rhetorische Kommunikation studiert hat. Die 56-Jährige sieht ihre Erfahrung und individuelle Herangehensweise als wichtigste Qualifikation: „Ich gebe nur weiter, was ich selbst erlebt habe.“

Mitgemacht habe die Trainerin schon einiges: „Ich bin durch viel Hölle gegangen in meinem Leben.“ Etwa als ihre beste Freundin zwei Tage nach ihrem 50. Geburtstag bei einem Autounfall ums Leben kam oder als sie sich während der Corona-Pandemie als Selbstständige neu erfinden musste.

Dass Sossikian Fan vom fernen Osten ist, merkt man auch an ihrer Katze: Sie heißt Rani, ein indischer Königs-Titel. - Foto: Thilo Eggerbauer

„Es gibt die Top Fünf im Stressbereich: Trennung, Umzug, Tod eines geliebten Menschen, eine chronische Erkrankung und eine unsichere Arbeitssituation“, erzählt sie. „Und ich kenne alle davon.“

Einen Schlüsselmoment habe es für sie 2011 gegeben: „Ich habe am eigenen Leib schmerzlich erlebt, was es heißt, durchzuhalten bis zum Umfallen.“ Kurz nach der Trennung von ihrem damaligen Mann sei das gewesen. Zwei kleine Kinder habe sie zu versorgen gehabt, und sie habe an einer chronischen Darmerkrankung gelitten. Bei einem Seminar, das sie damals gehalten habe, sei sie dann vor Schmerzen umgefallen. Nach einer Viertelstunde Pause habe sie weitergemacht. „Das war früher mein Motto: Stärke heißt Durchhalten.“

Sossikian ist stolz auf ihre Zertifikate und Preise. - Foto: Thilo Eggerbauer

Heute sieht sie das anders: Auf einem kleinen Tisch neben ihrem Holzstuhl steht eine Box mit Taschentüchern. „Ich sage zu meinen Klienten immer: Deine Tränen sind hier genauso willkommen wie dein Lachen.“

Wer mit Sossikian spricht, hört viele Sätze, die man ungesehen auf die Etiketten von Yogi-Tee-Beuteln drucken könnte: „Nur wenn ich gut für mich sorge, kann ich auch für andere gut da sein.“; „Alles, was wir erleben, macht uns genau zu dem Menschen, der wir heute sind.“ Oder: „Resilienz bedeutet auch, in allem, was uns widerfährt, einen Sinn zu finden.“

Von Familienaufstellung bis zum Schamanen-Besuch

Diese fernöstlich anmutende Gelassenheits-Denkweise ist kein Zufall: Sossikian erzählt, dass sie auf der Suche nach Linderung ihrer Beschwerden Jahre lang einen regelrechten Ärztemarathon hingelegt hat. Sogar bei der Familienaufstellung oder bei einem Schamanen sei sie in ihrer Verzweiflung gewesen – doch nichts habe geholfen. Bis sie sich schließlich mit Heiltraditionen aus Asien auseinandergesetzt habe.

„Ich habe mich in diesen Traditionen ausbilden lassen und habe gemerkt: Mit den ganzen Tools, die ich da gelernt habe, konnte ich mir selbst helfen.“ Das sei der Aha-Moment gewesen. „Es geht eben nicht so sehr darum, durchzuhalten, sondern letztendlich eine Fähigkeit zu entwickeln, dir selbst zu helfen.“

Viele, die heute zu Sossikian kommen, hätten Ähnliches erlebt: „Menschen kommen häufig dann zu mir, wenn sie sich hilflos fühlen.“ Ihre Methode kombiniere jetzt ihren kommunikationspsychologischen Hintergrund mit dem Gesundheitsaspekt der fernöstlichen Medizin. Heilsversprechen gibt sie aber keine.

Dennoch sagt sie: „Außergewöhnliche Herangehensweisen werden oft abgetan, ohne dass die Leute eigene Erfahrungen damit gesammelt haben.“ Deshalb solle man es erst einmal ausprobieren. Dann gelte: „Wenn es nicht deins ist, alles gut. So wie beim Essen auch.“