Rettung in letzter Sekunde: Eritreer zieht Mann in Regensburg vom Gleis – dann kam Zug

Er wollte nach einem langen Arbeitstag nur noch nach Hause, doch dann wurde Amanuel Yemane (30) zum Helden: Er zog einen Mann mitten in der Nacht von den Gleisen am Regensburger Hauptbahnhof – nur Augenblicke später rollte ein Zug vorbei. Nun wurde dem Eritreer eine besondere Ehre zuteil.
Es ist der 14. September 2024, gegen 3.30 Uhr. Yemane erinnert sich an dieses Datum nicht mehr, es ist allerdings einer Pressemitteilung der Bundespolizei zu dem Vorfall zu entnehmen. „Ich hatte Nachtschicht“, sagt Yemane, der damals als Reinigungskraft in Zügen arbeitete. In den frühen Morgenstunden machte er sich auf den Weg von einem der Servicegebäude auf den Bahnstegen und wollte nach Hause gehen – dann hörte er einen Mann um Hilfe schreien. Vom Steg aus sah er ihn, mitten auf den Gleisen zwischen den Bahnsteigen liegen. „Er war verletzt.“
Schlaflose Nächte nach der Rettung am Regensburger Hauptbahnhof
Sofort sei er die Treppen heruntergeeilt, um dem Mann zu helfen. Er habe versucht, ihn von den Gleisen zu ziehen und die Polizei zu erreichen. „Dann sah ich einen Zug.“ Mit voller Geschwindigkeit sei dieser auf dem Gleis in Richtung des Verletzten gedonnert. „Ich hatte vielleicht drei Sekunden“, sagt der heute 30-Jährige.
Wie knapp die Rettung war, beschrieb seinerzeit auch die Bundespolizei in ihrer Pressemitteilung: „Noch bevor der Zug durch Gleis 7 fuhr, zog der Eritreer den 41-jährigen Deutschen in letzter Sekunde von den Schienen.“
Yemane erinnert sich noch, dass die Polizei kam. Auch der Rettungswagen rückte an. Er ging nach Hause – konnte das Erlebte allerdings erst einmal nur schwer verdauen, erinnert er sich. „Ich habe drei Nächte nicht geschlafen. Drei Tage.“ Es sei eine Katastrophe gewesen. Der Mann habe einfach nicht aufstehen können. Yemane wiederholt es: „Er konnte einfach nicht aufstehen. Er lag einfach in der Mitte. Ich weiß nicht, wie er da hingekommen ist.“ Er habe in dem Moment der Rettung nicht nachgedacht. Er habe nur funktioniert. „Ich wollte ihn nur vor dem Zug wegmachen.“ Er habe ihn dann auf den Bahnsteig getragen.
„Wenn jemand Hilfe braucht, dann musst du helfen“
Gekannt habe er den Mann, dem er das Leben gerettet hat, nicht. Auch im Nachgang gab es kein Treffen oder Ähnliches, erzählt Yemane. Mehrere Tage blieb der Eritreer zu Hause. Er konnte einfach nicht arbeiten. Nicht nachts, nicht an diesem Ort. Heute denke er nicht mehr jeden Tag an den Vorfall. Aber, sagt Yemane, und deutet auf den Steg über den Gleisen: „Wenn ich da stehe, muss ich an ihn denken.“ Ob er es wieder machen würde? „Ja. Wenn jemand Hilfe braucht, dann musst du helfen.“ Bei uns, sagt der Eritreer, da sei das eben so. Weitergehen, das gehe eben einfach nicht. „Ganz einfach.“
Für seinen Einsatz wurde Yemane nun unlängst von Ministerpräsident Markus Söder ausgezeichnet. Dem 30-Jährigen, der seit knapp zehn Jahren in Deutschland lebt, wurde die Bayerische Rettungsmedaille verliehen. Mit dieser werden Menschen ausgezeichnet, die jemanden unter Einsatz ihres eigenen Lebens gerettet haben.
Die Auszeichnung sei eine Überraschung gewesen, sagt Yemane. Er habe einen Brief bekommen, das Wort „Rettungsmedaille“ gelesen und sich gefragt: „Was heißt das?“
Rettung in Regensburg: Zwischen Auszeichnung und Arbeitssorgen
Zur Medaille selbst gab es auch noch eine Urkunde, einen Handschlag von Söder – und ein Mittagessen. „Es war super“, sagt Yemane.
Eines trübt seine Stimmung derzeit allerdings ein wenig, erzählt der 30-Jährige. Er habe vor einiger Zeit seine Anstellung als Putzkraft verloren, wisse allerdings nicht so recht, warum. Jetzt müsse er sehen, wie er über die Runden komme. Aber, da ist Yemane sich sicher: „Ich werde schon etwas finden.“