In der Regensburger Altstadt rumort der römische Untergrund – sogar Schaufenster platzen

Von Marion Koller · 8. Juni 2026 um 05:00

Wahlenstraße und Untere Bachgasse: Unter den prächtigen Patrizier-Anwesen im Regensburger Welterbe verläuft der Graben des römischen Legionslagers Castra Regina. Deshalb ist der Boden in Bewegung.

Video ansehen

Seit der Sommer in Regensburg eingezogen ist, hat sich die Wahlenstraße wieder in eine lebhafte Flaniermeile verwandelt. Die Freisitze des Kaffeehauses und des Bonaparte füllen sich schnell. Regensburger und Gäste schauen sich gerne in den Geschäften um. In der Wahlenstraße 5 allerdings verkünden große Lettern auf dem Schaufenster von Cinque Moden „Wir schließen! 20 Prozent Rabatt auf die aktuelle Kollektion“.

In dem sandfarbenen Giebelhaus aus der Spätgotik wird sich nicht nur das Erdgeschoss bald leeren. Das Anwesen des Bistums Regensburg muss wohl auch saniert werden, denn der römische Untergrund rumort.

Dr. Eugen Trapp, Abteilungsleiter bei der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt, kennt das Problem. Außerhalb der römischen Legionslagermauer im Bereich der Wahlenstraße und Bachgasse sei ein Graben verlaufen. „Aufgrund der Gründungsproblematik vieler, vielleicht aller Anwesen in dieser Zone gehen wir davon aus, dass das mit Verfüllungen der Grabenanlage zu tun hat.“ Westlich davon sei im Hochmittelalter, im frühen zehnten Jahrhundert, auf der Fläche bis zum heutigen Arnulfsplatz und Weißgerbergraben rege gebaut worden.

Im Salamanderhaus senkte sich die Bodenplatte

Diese Arnulfinische Stadterweiterung (nach Herzog Arnulf I.) ereignete sich um 920. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sei der römische Graben aufgefüllt worden. „Das erklärt die Gründungsproblematik in der Wahlenstraße und Bachgasse“, sagt Eugen Trapp. Als zweiten möglichen Grund für den unruhigen Boden nennt er den Vitusbach, der unter der Bachgasse rauscht. Bistumssprecher Dr. Stefan Groß sagt, das Haus werde zurzeit wegen voraussichtlich anstehender technischer Maßnahmen einer Überprüfung unterzogen. „Belastbare Ergebnisse liegen noch nicht vor.“

Aufgrund der Gründungsproblematik vieler, vielleicht aller Anwesen in dieser Zone gehen wir davon aus, dass das mit Verfüllungen der römischen Grabenanlage zu tun hat.Dr. Eugen Trapp, Leiter Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt

Auf Mitte des 13. Jahrhunderts datiert Eugen Trapp die Bauten in der Wahlenstraße. Zu dieser Zeit wurde auch die Straße repräsentativ verbreitert. Die Nummer 5 wurde laut Bayerischer Denkmalliste über einem älteren Keller erbaut. Die neugotische Fassade entstand 1861. 26 Anwesen in der Straße werden in der Denkmalliste genannt.

Statische Probleme in etlichen Anwesen

Susette Pleyer-Koppenwallner, Eigentümerin des Juwelierhauses am Neupfarrplatz, stellt häufig fest, dass sich ihr vor 1700 errichtetes Gebäude wieder etwas verändert hat. „Der ganze Boden ist irgendwie in Bewegung.“ Die Alurahmen der Schaufenster verschieben sich. Schon zweimal ist eine Schaufensterscheibe geplatzt. Im Nachbarhaus ebenfalls. „Es sind viele Kleinigkeiten“, sagt Pleyer-Koppenwallner. „Das ist mehr als lästig.“

Ab 2023 saniert wurde die Bodenplatte des Salamanderhauses, die sich gesenkt hatte. Das führte zu Mauerrissen bei dem Komplex, der sich vom Neu-pfarrplatz bis zur Wahlenstraße und Unteren Bachgasse erstreckt. Ehe eine Fachfirma die neue Bodenplatte einbaute, mussten die Handwerker 48 jeweils 30 Zentimeter dicke Pfähle in den Untergrund rammen, die bis zum Fels reichen. Sie stabilisieren den Keller. Damals sagte der frühere Stadtarchäologe Lutz Dallmeier, dass das Salamanderhaus auf dem Graben des römischen Legionslagers Castra Regina stehe. „Den hat man irgendwann mit Kulturschutt zugefüllt, mit Bruchsteinen und Keramikresten.“ 1050 oder 1100 errichteten wohlhabende Bürger die ersten Steinbauten. „An diesen entstehen immer wieder Schäden, weil der Untergrund so schwierig ist.“

Das komme in der gesamten Wahlenstraße vor. In etlichen Häusern habe es statische Probleme gegeben. Dallmeier brachte ebenfalls das Wasser ins Spiel: Neun Meter unter dem Salamander-Gebäude liegt ein Kalkfelsen mit Spalten und Klüften, darüber Erde. Durch Unterspülung mit natürlichem Schichtwasser sei Erde weggetragen worden. Auch das trug zur Senkung der Bodenplatte bei. „Es kann gut sein, dass das Schichtwasser und die Verfüllung zusammenspielen“, sagte der Stadtarchäologe damals. Gut eine Million Euro kosteten die Arbeiten laut dem inzwischen verstorbenen Hausbesitzer Andreas Insinger.

Das Cinque-Geschäft schließt nach Einschätzung von Kaufleuten nach 27 Jahren, weil die Menschen in der Wahlenstraße nur bei schönem Sommerwetter bummeln. „Im Winter können Sie da Fußball spielen“, sagt eine Einzelhändlerin. Doch es gibt zum Glück einen Nachfolger: Jack Wolfskin, Händler für Outdoorkleidung, wird bald einziehen.

Die Wahlenstraße

Lage: Die Wahlenstraße gilt als älteste mit Namen bezeichnete Straße in Regensburg. Mitte des 13. Jahrhunderts wurde um die Ecke das Rathaus errichtet. Wegen der guten Lage zum Herrschaftszentrum und zur Donau bauten sich Bürger hier große Patrizieranwesen.

Häuser: Das Degginger und der Goldene Turm sind die bekanntesten.