Tarif für Facharbeiter am Bau steigt – doch viele Firmen wollen das in Regensburg nicht zahlen

Von Marion Koller · 1. Juni 2026 um 05:00

Der Tariflohn am Bau ist gestiegen, trotzdem zahlen nach Einschätzung von Branchenvertretern auch in Regensburg viele Firmen weiterhin deutlich weniger. Warum tarifgebundene Betriebe den Wettbewerb mit Billiganbietern kritisieren.

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Schlechte Bezahlung und Betrug bei Sozialleistungen am Bau sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Zuletzt im September 2025, als das Amtsgericht einen Regensburger Bauunternehmer zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilte, weil er keine Sozialversicherungsbeiträge für seine Beschäftigten bezahlte. Er hinterzog über eine Million Euro. Die Betroffenen waren Arbeiter aus Osteuropa.

Udo Leitner, Vorstandsmitglied der Regensburger Bauinnung, schätzt, dass rund die Hälfte der Firmen auch keinen Tariflohn zahlt. Viele firmierten unter den nicht geschützten Bezeichnungen Montagebau, Transportunternehmen oder Landschaftsbau und seien nicht in die Handwerksrolle, das Register der Handwerkskammer, eingetragen. „Dann muss kein Meister oder Ingenieur beschäftigt und kein Tarif bezahlt werden.“ Oft arbeite dort ausländisches Personal.

Vor wenigen Tagen hat die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) gemeldet, dass der Tariflohn für Fachkräfte im April um knapp einen Euro auf 26,05 Euro pro Stunde gestiegen ist. „Damit müssen vom Beton- und Straßenbauer über den Maurer und Kranführer bis zur Bürokraft bei jedem, der einen Vollzeitjob hat, 168 Euro mehr auf dem Lohnkonto sein“, sagt Wolfgang Brandmüller von der IG BAU Oberpfalz.

Gewerkschaft rät, die Abrechnung zu überprüfen

Die Gewerkschaft rät Baufachleuten, die Lohnabrechnung zu überprüfen. Insgesamt arbeiten in Regensburg laut Arbeitsagentur rund 1290 Beschäftigte in 52 Baubetrieben. Udo Leitner ist stolz darauf, dass seine Leute die Steinerne Brücke bei der Sanierung gepflastert haben. „Für so etwas brauche ich Fachkräfte“, sagt er. „Und die muss ich gut bezahlen.“ Der 65-Jährige beschäftigt 32 Mitarbeiter, darunter 22 Pflasterer und einen Steinmetz. Sie erhalten den Fachkräftelohn. Den beiden ungelernten Helfern bezahle er knapp 20 Euro pro Stunde. Leitner rät Bewerbern, sich beim Vorstellungsgespräch zu erkundigen, ob der betreffende Betrieb dem Bauhauptgewerbe und der Innung angehört. Nur dann werde fair bezahlt.

Führt mit der Familie ein Bauunternehmen: Matthias Kugler. - Foto: Kugler

Der Sprecher eines Regensburger Mittelständlers, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, spricht von einer sehr harten Konkurrenz durch Billiganbieter. Das mache sich bei Ausschreibungen bemerkbar, wenn wesentlich günstigere Angebote abgegeben werden. „Wir fragen uns, wie die das machen.“ Oft arbeiteten bei diesen Firmen tschechische Grenzpendler. „Wir zahlen gelernten Maurern die 26,05 Euro“, sagt der Sprecher. Vorarbeiter bekämen über 27 Euro und Poliere mehr als 29 Euro.

Auch Matthias Kugler vom gleichnamigen Undorfer Familienbetrieb betont, dass er nach Tarif bezahle. Der 34-Jährige sagt, er hoffe, dass wenigstens zwei Drittel der Leute bei Baufirmen einen Tariflohn erhalten. In der Branche beobachtet er, dass Firmen, die Bäder sanieren oder im Garten pflastern, ihre Mitarbeiter häufig schlecht bezahlen. Schwarze Schafe unter den Chefs scheuten hohe Investitionskosten. „Für die Badsanierung brauchen sie nur kleinere Geräte, eine Stemmmaschine oder einen Quirl zum Mörtelmixen, keinen Bagger.“

Wirkt im Innungsvorstand mit: Firmenchef Udo Leitner. - Foto: Leitner

Sein Betrieb ist bis Ende des Jahres ausgelastet mit dem Bau von Wohnhäusern, einer Generalsanierung, mit Verputzen und Sanieren. Kugler arbeitet für den Regensburger Pustet-Verlag mit seinen Immobilien genauso wie für die Schlosswirtschaft Eichhofen. Der Juniorchef hat wegen des Irankriegs ein ganz anderes Problem als die Dumpinglöhne der Konkurrenz: eine drastische Materialknappheit „bei allem, was mit Öl zu tun hat“ - von Abflussleitungen bis zum Dämmmaterial.

Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Hauptzollamts Regensburg bekämpft Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung. Regelmäßig überprüft sie Betriebe.

Mindestlohnverstöße und Scheinselbstständigkeit

Eine eigene Statistik für die Baubranche gibt es jedoch nicht. 2025 führte die FKS des Hauptzollamts 746 Arbeitgeberprüfungen und 7878 Personenkontrollen durch. Dabei wurden 1319 Strafverfahren und 1066 Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Bei den Letzteren ging es in 103 Fällen um Mindestlohnverstöße. Sprecherin Nadine Striegel vom Hauptzollamt beschreibt Fälle aus der Region: Der Zoll deckte Scheinselbstständigkeit auf. Ein Bauarbeiter arbeitete gleichzeitig angestellt und angeblich selbstständig für denselben Betrieb. Der Sozialversicherung entstand ein Schaden von 100.000 Euro. Ebenfalls im Baugewerbe wurden die Geschäftsführer einer Estrichfirma wegen Sozialversicherungsbetrugs verurteilt. Beschäftigte waren gar nicht oder nicht korrekt zur Sozialversicherung angemeldet worden. Der Schaden belief sich auf eine halbe Million Euro.

Trotz der Erfolge der FKS kritisiert Udo Leitner, dass viel zu wenig gegen die Schwarzen Schafe unternommen werde.