Mehr Angst vor Schutz als vor Flut? Mega-Hochwasser laut Experte in Regensburg überfällig

Von Benedikt Baumgartner · 5. Juni 2026 um 05:00

Die Baupläne für den Schutz gegen ein hundertjährliches Hochwasser am Unteren Wöhrd schlagen in Regensburg aktuell höhere Wellen als die Donau. 60 Bürger, Verbände und Vereine haben Einwände gegen die Planung vorgebracht. Ein Experte warnt: Ein Hochwasser, viel schlimmer als die Jahrhundertflut 2013, sei statistisch längst überfällig – aus zwei brisanten Gründen.

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Der Stimmungswandel bei manchem Regensburger besorgt den Abteilungsleiter Hochwasserschutz bei der Stadt, Franz Kastenmeier, zutiefst. „Ich habe das Gefühl, dass man am Unteren Wöhrd zum Teil mehr Angst vor dem Hochwasserschutz als vor dem Hochwasser selbst hat.“ Mit einer städtischen Hochwassertafel steht Kastenmeier an der Wurstkuchl. Er will den landläufigen Blick auf die Flutgefahr nachjustieren. „Das Hochwasser von 2013 war zwar das größte seit mehr als hundert Jahren, deshalb aber noch lange kein hundertjährliches Hochwasser“, sagt Kastenmeier.

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Das sogenannte Jahrhunderthochwasser war statistisch betrachtet nur ein dreißigjährliches Hochwasser mit einem Pegelstand von 6,82 Metern. Die letzte große Überschwemmung zuvor datiert aus dem Jahr 1882 mit einem Höchstpegel von 6,70 Metern. 1893 sorgte ein Eisstoß für Donaufluten bis zu sieben Metern. Vergleichbar sind die Wasserstände jedoch nicht mehr, sagt Kastenmeier. „Die Begebenheiten haben sich massiv verändert.“

Flutmulden fassten so viel Wasser wie die Donau

Zum einen hat die Einengung der Donau durch den Verlust der drei historischen Flutmulden in Stadtamhof, Weichs und Schwabelweis zu einer „hydraulischen Verschärfung der Hochwassergefahr“ geführt, wie Kastenmeier sagt. Die Flutmulden leisteten einen Abfluss von 500 Kubikmetern pro Sekunde – so viel Wasser, wie die Donau bei Normalpegel führt. Doch die Gräben wurden der ufernahen Stadtentwicklung geopfert. „Die Hochwässer des 19. Jahrhunderts würden heutzutage, nachdem die Flutmulden fehlen, einen halben Meter höher ablaufen“, sagt Kastenmeier. Diese 50 Zentimeter drücken bei neuzeitlichen Fluten in die Stadt.

Drei große Flutmulden (blau eingefärbt) hatte die Stadt, wie auf diesem historischen Plan von 1929 zu sehen ist: In Weichs und Schwabelweis wurden sie 2000 und 2011 geschlossen, im Protzenweiher dient eine seit 1978 deutlich verkleinert als Schleuse. - Foto: Tiefbauamt Regenburg

Und solche Hochwasser werden wegen des Klimawandels häufiger und extremer erwartet. Dass durch die Erwärmung der Atmosphäre mehr Feuchtigkeit in die Luft steigt und dort gespeichert wird, ist auch in Regensburg zu spüren – nämlich bei sogenannten 5b-Wetterlagen. Bei diesen saugt ein Tiefdruckgebiet feuchtwarme Luftmassen aus dem Mittelmeerraum über die Alpen, wo sie zu extremem Dauerregen und Schneeschmelze führen. Im Juni 2024 sorgte eine 5b-Wetterlage für ein zehnjährliches Hochwasser. „Da haben wir Glück gehabt“, sagt Kastenmeier, die Luftmassen seien nicht der üblichen Bahn gefolgt. Trotzdem seien in Bayern unversicherte Schäden in Milliardenhöhe entstanden. Auch die Jahrhundertflut von 2013 wurde durch diesen meteorologischen Ablauf verursacht. Die andauernde Erderwärmung sorge aber für mehr, nicht für weniger Feuchtigkeit in der Atmosphäre.

2013 war nur ein dreißigjährliches Hochwasesr

„Unter Berücksichtigung dieser beiden Randbedingungen errechnet sich das tatsächliche hundertjährliche Hochwasser, das aktuell den Planungen am Unteren Wöhrd zugrunde gelegt wird“, sagt Kastenmeier. Die landläufige Meinung, das Hochwasser von 2013 sei ein solches HW100 gewesen, werde somit endgültig abgelöst. Es habe sich vor 13 Jahren lediglich um ein dreißigjährliches Hochwasser gehandelt.

Das ist gar nicht Angst und Schrecken verbreiten, das ist einfach statistischer Fakt.Franz Kastenmeier, Leiter Hochwasserschutz

Bei einem tatsächlichen HW100 würde der Pegel auf 7,50 Meter steigen – noch einmal 70 Zentimeter höher als 2013. Was das bedeutet, veranschaulicht Kastenmeier mit der Hochwassertafel. An der Wurstkuchl würde das Wasser bis zur Traufe über der Eingangstür reichen. In der Werftstraße 8a, wo ebenfalls historische Flutpegel in einer Steintafel angezeichnet sind, stünde die Eingangstür komplett unter Wasser. Regensburg ist nach Kastenmeiers Einschätzung hinsichtlich der Ablaufleistung und des Klimas überreif für ein hundertjährliches Hochwasser. „Das ist gar nicht Angst und Schrecken verbreiten, das ist einfach statistischer Fakt.“

Das Hochwasser 2013 setzte die Werftstraße komplett unter Wasser. Dabei handelte es sich jedoch nur um ein HW30. Bei einem hundertjährlichen Hochwasser steigt der Pegel noch einmal 70 Zentimeter höher. - Foto: Stadt Regensburg, Archiv

Einer solchen Flut vorbeugen würde der Umbau der Wöhrdinsel. „Ich begrüße sehr die Bemühungen des Freistaats Bayern, die Lücken beim Hochwasserschutz zu schließen“, sagt Oberbürgermeister Thomas Burger. Es gelte seitens der Stadt, die Bürger mitzunehmen. „Bei dem Thema ist es wichtig, miteinander zu reden.“ Dieser Austausch finde auch statt.

Gesetzesänderung bietet Stadt „einmalige Chance“

Einen Mitstreiter gegen die Hochwassergefahr weiß Kastenmeier in München: In der Staatsregierung werde der Hochwasserschutz von Umweltminister Thorsten Glauber und seinem Team sehr ernst genommen, freut sich Kastenmeier. Zu Jahresbeginn trat eine Änderung des Artikels 43, Absatz 1, im Bayerischen Wassergesetz in Kraft, die er so zusammenfasst: „Hochwasserschutz hat seit 1. Januar von der Bedeutung her Verfassungsrang.“

Zugleich wurde die Kostenaufteilung geändert: Statt wie zuvor 50 Prozent würde der Freistaat 80 Prozent der geschätzt 55 Millionen Euro Baukosten übernehmen. Für die Stadt bedeutet das, dass sie für den baulichen Hochwasserschutz am Unteren Wöhrd statt 27,5 lediglich elf Millionen Euro beisteuern müsste. Im Anschluss wird die Stadt den Betrieb übernehmen, die Unterhaltskosten trägt aber weiterhin der Freistaat. Laut Kastenmeier kann man die Entwicklungen nicht hoch genug bewerten: „Dies bedeutet die einmalige Chance, den Hochwasserschutz am Unteren Wöhrd zu realisieren.“