Postcovid-Syndrom: Die Krankheit, die man nicht sieht – In Bad Gögging gab es Heilung

Es gibt Krankheiten, die sieht man nicht. Sie sind heimtückisch und lassen Menschen in kurzer Zeit zu Gefangenen im eigenen Körper werden. Postcovid ist so eine Krankheit. Ein Patient, der nur noch 50 Meter gehen, geschweige denn arbeiten konnte, fand jetzt in Bad Gögging (Landkreis Kelheim) Heilung und sein Lebensglück zurück.
„Ich fühlte mich wie tot“, erinnert sich Dr. med. Robert Pavlik, Arzt aus Regensburg, an den vergangenen Sommer. Er hatte gerade drei Wochen Urlaub gehabt, doch von Erholung spürte er nichts mehr. „Ich habe nur noch gearbeitet, geschlafen, gearbeitet und geschlafen“, sagt er. Erklären konnte sich der Mediziner die Erschöpftheit nicht. „Ich dachte, das ist ein verschleppter Infekt.“ Als es nicht besser wurde, vertraute er sich einem Kollegen an: „Ich kann nicht mehr.“
Dr. med. Robert Pavlik hatte Symptome, an denen viele Menschen in Deutschland leiden – zeitversetzte Erschöpfung (PEM) und das Posturale Tachykardiesyndrom (POTS), eine häufige Form der Störung des autonomen Nervensystems. Sie äußert sich durch einen extremen Pulsanstieg beim Aufstehen (Herzrasen, Palpitationen), Schwindel, Fatigue und „Brain Fog“, während der Blutdruck meist stabil bleibt.
„Gefühl, dass es jede Woche weiter nach unten ging“
Es wurde immer schlimmer. „Die Woche vor Weihnachten war die Hölle“, sagt der 51-Jährige. Zuletzt konnte er nur noch 50 Meter gehen, weshalb sich Pavlik seine Energie immer mehr einteilte. Trotzdem wurde er immer schwächer. Er konnte nicht mehr fernsehen, lesen oder sein Handy länger als ein, zwei Minuten benutzen. „Ich habe keine Geräusche mehr vertragen und hatte das Gefühl, dass es jede Woche weiter mit mir nach unten ging.“

Der Mediziner suchte Hilfe bei Kollegen, doch die wussten keinen Rat. Schließlich kam er zu Prof. Dr. Thomas Loew, Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin an der Uniklinik Regensburg. Sein Schwerpunkt liegt bei Patienten mit Körpersymptomen ohne bzw. mit unzureichender organischmedizinischer Erklärung. Darüber hinaus ist seine Abteilung spezialisiert auf Patienten mit psychischen Beschwerden (z.B. Angst, Depression) in Zusammenhang mit einer körperlichen Erkrankung.
Der Kontakt zum Professor war die Rettung. Binnen drei Wochen hatte er einen Therapieplatz in der Kaiser Trajan Klinik, die das von Prof. Loew entwickelte Programm konsequent umsetzt. Prof. Dr. Thomas Loew hatte erkannt, woran Pavlik litt – am Postcovid-Syndrom, einer extremen Form der Erschöpfung. Pavlik selbst hatte das geahnt, aber jetzt hatte er die Bestätigung.
„Die Bedeutung der Erschöpfung wird gerne unterschätzt“, sagt der Professor. Dabei ist diese unsichtbare Erkrankung – es fehlen klassische Krankheitssymptome – weit verbreitet. 280.000 Menschen leiden in Deutschland daran, 6000 haben den Pflegegrad 3 und 4. „Am schlimmsten dran sind diejenigen, die gar nicht mehr aus dem Bett kommen“, erklärt Prof. Dr. Thomas Loew. Oft seien das ganz junge Leute, die eigentlich mitten im Leben stehen sollten.
Gibt es Heilung oder zumindest Gesundung? Der Professor warnt: „Es ist bisher noch kein Kraut gegen diese Erkrankung gewachsen.“ Aber es gibt Möglichkeiten. Loew greift auf Erkenntnisse aus unterschiedlichen Bereichen zurück. Ein wichtiger Teil bei seinem Patienten in Bad Gögging war die „Donaustaufer Postcovid Ertüchtigung“, zu dem auch Klaus Eder, der frühere Physiotherapeut der Fußballnationalmannschaft, beigetragen hat.
Die Patienten verlieren ihre Alltagsfähigkeiten
Ausgangspunkt ist das Gehirn. Bei Erschöpfungspatienten funktioniert die Fähigkeit nicht mehr richtig, dass sich die Menschen in Gang halten. Das führt u.a. dazu, dass Patienten Gewichte von Gegenständen nicht mehr korrekt einschätzen können. Die Lösung ist damit u.a. ein Training, bei dem sich Belastungs- und Entspannungsphasen abwechseln, wobei die Belastung steigt, die Entspannung jedoch verringert wird.
Es geht dabei nicht um klassisches Kraft- oder Ausdauertraining. Es gehe um funktionelle Entspannung, betont der Professor – die Augen schließen, den Körper spüren und kleine Bewegungen. Praktischerweise findet das in einem Hallenbad statt – da ist der Körper des Patienten durch den Auftrieb des Wassers weniger belastet.
Das Training ist bei Dr. Pavlik erfolgreich. Nach sechs Wochen in Bad Gögging schafft er es, in 20 Minuten eineinhalb Kilometer zu gehen. Pavlik ist glücklich, er hat seine Lebensfreude wieder gewonnen. Er ist jedoch noch nicht restlos wieder der Alte. Dafür braucht es weitere therapeutische Arbeit. Auch der Professor ist zufrieden. Er rät dennoch zur Vorsicht: „Die wichtigste Botschaft ist, die Arbeitswelt zu ändern. Das Umfeld muss akzeptieren, dass es Pausen gibt. Das muss unsere Gesellschaft akzeptieren.“